Zehnter Todestag von Osama bin Laden: Die "Operation Neptune Spear" im Minuten-Protokoll

Am 2. Mai 2011 waren die Blicke der Welt auf die Vereinigten Staaten und Pakistan gerichtet. Denn der Militäreinsatz "Operation Neptune Spear" führte zur an diesem Tag zur Tötung von Osama bin Laden, angeordnet hatte die Mission der damalige US-Präsident Barack Obama. Ein Rückblick auf einen bedeutenden Moment der Geschichte. © 1&1 Mail & Media/spot on news

Osama bin Laden galt zum Zeitpunkt seines Todes bereits seit über zehn Jahren als der meistgesuchte Terrorist der Welt. Der saudi-arabische Millionenerbe hatte Ende der 1980er Jahre Al-Kaida gegründet. Die Terrormiliz sah die westliche Welt – im besonderen die USA – als eine Gefahr für den Islam und die Welt.
Al-Kaida verübte in den Jahren vor Osama bin Ladens Tod mehrere Terroranschläge auf die USA. Eine der Attacken brannte sich besonders in das kollektive Gedächtnis der Menschheit ein: Am 11. September steuerten 2001 Attentäter entführte Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers in New York sowie das Pentagon in Washington DC. US-Präsident George W. Bush erklärte daraufhin dem Taliban-Regime den Krieg, Bin Laden sollte Bush zufolge "tot oder lebendig" gefangen genommen werden.
Im Jahr 2007, bereits vier Jahre vor der Tötung des Terroristen, begann die "Operation Neptune Spear" oder auch "Project Geronimo" genannt. Geronimo war der Codename für Osama bin Laden. Unter US-Präsident Barack Obama verfolgten Geheimdienste anhand von Informationen durch Terrorhäftlinge im Lager Guantanamo und in den geheimen CIA-Gefängnissen in Osteuropa einen von bin Ladens Boten.
Die Spuren führten Geheimdienste nach einigen Jahren schliesslich zum Aufenthaltsort des Al-Kaida-Gründers: ein abgeschirmtes Anwesen in Abbottabad in Pakistan, rund 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad. Dort lebte der Terrorfürst verschanzt mit seinen Frauen und Kindern.
Nach mehreren Treffen mit Sicherheitsteams gab Obama Mitte März 2011 dem Navy Seals Team 6 das Kommando für den Militäreinsatz, der schliesslich nach mehrwöchigem Training am 1. Mai 2011 um etwa 23 Uhr Ortszeit in Afghanistan begann.
Am 1. Mai 2011 um 23 Uhr bekam die "Operation Neptune Spear" aus den USA das offizielle Startsignal. Vier Transporthubschrauber machten sich daraufhin mit 79 Soldaten an Bord vom Flughafen der afghanischen Stadt Dschalalabad auf den Weg nach Abbottabad in Pakistan. Ziel war die Unterkunft bin Ladens (im Bild). Zeitgleich traf Obama seinen Stab und Mitarbeiter zur Vorbesprechung.
0:30 Uhr, Abbottabad: Nach einem ungefähr 90-minütigen Flug erreichten die Soldaten Abbottabad. Ein Twitter-Nutzer berichtete – unwissend über die Vorkommnisse – über störenden Helikopterlärm, der ihn vom Schlaf abbringen würde. Erst später wurde ihm klar, dass er gerade das Unterfangen "Geronimo" live gebloggt hatte.
15:30 Uhr, Washington: Zur selben Zeit begab sich Obama mit seinem Team, darunter Vizepräsident Joe Biden und Aussenministerin Hillary Clinton, in den Situation Room. Von dort aus verfolgte die US-Regierung das Unterfangen über einen Livestream. Die Bilder lieferte eine unbemannte RQ 170 Drohne, die neben den Hubschraubern flog.
0:40 Uhr, Abbottabad: Im Situation Room beobachtete man, wie einer der Hubschrauber aufgrund einer Panne eine Bruchlandung machte. Die Soldaten blieben dabei jedoch unverletzt. Ein Berater sprach später von einem "nervenaufreibenden Moment". Die CIA twitterte: "2 Helikopter landen auf Anwesen in Abbottabad, Pakistan. Einer stürzt ab, aber der Angriff wird ohne Verzögerungen oder Verletzte fortgesetzt."
0:45 Uhr, Abbottabad: Nur wenige Minuten später war in ganz Abbottabad Lärm zu hören, wie Anwohner und Reporter später berichteten. Es gab mindestens zwei Explosionen. Bin Laden und seine Anhänger waren alarmiert und schossen vom Boden auf die landenden Hubschrauber. Dieses Foto entstand am Tag nach seinem Tod.
Währenddessen war es den ersten Soldaten möglich, nach einer Sprengung des Eingangstors in das Erdgeschoss von bin Ladens Anwesen einzudringen. In den folgenden zehn Minuten verschaffte sich ein Kommando von drei Soldaten Zutritt in das zweite Stockwerk des Gebäudes. Auf dem Weg dorthin erschossen sie Khalid, einen Sohn des Terroristen.
Gegen 0:50 Uhr pakistanischer Zeit gelang es einem Soldaten schliesslich, bin Laden zusammen mit zwei Ehefrauen in seinem Schlafzimmer aufzugreifen. Kurz zuvor oder zeitgleich – hierzu gibt es unterschiedliche Aussagen – brach in Washington die Live-Übertragung der Helmkameras im Situation Room ab. Von 20 bis 25 Minuten ohne Signal war später von CIA-Direktor Leon Panetta die Rede.
In dieser Zeit betrat ein zweiter Soldat den Raum und richtete sein M4-Gewehr auf den Al-Kaida-Chef. Der erste Schuss traf Osama bin Laden in die Brust, er fiel nach hinten. Daraufhin feuerte der Seal ein zweites Mal und tötete den Terroristen mit einem gezielten Schuss über dem linken Auge.
15:58 Uhr, Washington: Der Funkspruch "Geronimo EKIA" erreichte das Weisse Haus, was so viel bedeutet wie "Osama bin Laden, Enemy killed in Action". Zeitgleich durchsuchten die anderen Soldaten das Haus bin Ladens und nahmen dabei Computer, Festplatten und Dokumente in Gewahrsam. Dieses Bild entstand am 3. Mai, als Verteidigungsminister Robert Gates (2.v.re.) Applaus für das erfolgreiche Unterfangen erhielt.
1:05 Uhr, Abbottabad: Der herbeigerufene Rettungshubschrauber landete in Abbottabad. Zeitgleich stiegen plötzlich pakistanische Militärjets auf. Bin Ladens Leichnam wurde an Bord gebracht, dem zuvor eine DNA-Probe entnommen wurde.
1:20 Uhr, Abbottabad: Es war der Maschine möglich, den Rückflug anzutreten und so auch rechtzeitig unversehrt vor den Militärjets zu entkommen. In Washington erhielt US-Präsident Barack Obama derweil die Nachricht der Identifizierung der Leiche. CIA-Spezialisten konnten ein Foto der Leiche mit früheren Bildern vergleichen und bestätigen, dass es wirklich bin Laden war. Das ergab später auch der DNA-Test.
2:50 Uhr, Dschalalabad: Nach einem 90-minütigen Flug kam das Navy Seal Team 6 wieder im afghanischen Dschalalabad an. Mittlerweile war es dort ungefähr 3 Uhr nachts. Die Leiche des Terroristen wurde per Hubschrauber zum Flugzeugträger USS Carl Vinson transportiert. Noch am selben Morgen wurde der Tote an der pakistanischen Küste nach islamischer Tradition auf hoher See beigesetzt. Diese Aufnahme des pakistanischen Militärs entstand am folgenden Tag.
Barack Obama telefonierte derweil mit seinen Vorgängern George W. Bush und Bill Clinton und bereitete seine Rede an die Nation vor. Um 23:35 Uhr Eastern Daylight Time (in Deutschland war es 5:35 Uhr) trat er in Washington vor die Fernsehkameras. Den Tod des Anführers von Al-Kaida kommentierte er mit dem Satz: "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan."
3. Mai, 0:00 Uhr, Washington: Gegen Mitternacht strömten Tausende Menschen in Washington und New York auf die Strassen und versammelten sich am Weissen Haus sowie am "Ground Zero", der Gedenkstätte des 11. Septembers, und feierten den US-Präsidenten Barack Obama und den Tod des Al-Kaida-Chefs.
2012: In einem Interview ein Jahr nach der "Operation Neptune Spear" sprach Obama erstmals über den besonderen Tag in seiner Amtszeit als US-Präsident. Freude habe er zuerst keine gespürt, sagte er: "Du hast da das Bild eines leblosen Körpers - und unabhängig davon, wer das ist: Es geht um einen Toten, da bist du besonnen."