Das "Push Present" ist ein Trend, der in den USA begann und nun auch in Deutschland bekannter wird. Warum bereits der Name, aber auch das Konzept an sich problematisch sind, erfährst du hier.

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Ein "Push Present" bezeichnet ein Geschenk, das eine schwangere Person direkt nach der Geburt von dem:der Partner:in erhält. Das Geschenk soll dabei Anerkennung und Wertschätzung symbolisieren. Elternteile bedanken sich so bei ihren schwangeren Partner:innen und bringen ihren Respekt für die Herausforderungen der Schwangerschaft und der Geburt zum Ausdruck. Soweit zumindest die Theorie.

Grössere Bekanntheit erlangte der Trend vor allem durch einen Tweet von Kim Kardashian im Jahr 2015. Kardashian postete damals ein Foto von sich mit der Bildunterschrift "My Push Present". Das Push Present war dabei eine Halskette im Wert von etwa einer Million Dollar. Mittlerweile verhelfen auch deutsche Magazine dem Trend zu mehr Bekanntheit. Was für manche wie eine nette Geste klingt, ist aus feministischer Sicht ein problematischer Ansatz.

Push Present: Deshalb ist der Trend diskriminierend

Laut einem Artikel der New York Times ist als Push Present vor allem Schmuck beliebt. Webseiten wie "BabyBellyParty" oder "BabyArtikel" empfehlen unter anderem auch "hochwertige Kosmetik", Massagegeräte, Bettwäsche, Hörbuch-Abos oder Wellness-Gutscheine. Beim Lesen derartiger Empfehlungen offenbart sich schnell das erste Problem des Trends: Push Presents sind generell für Mütter und Frauen vorgesehen. Als schenkende Personen werden ausschliesslich Väter und Männer angesprochen. Dies reproduziert ein binäres Geschlechtersystem und die Norm des heterosexuellen Paares.

Schliesslich können erstens nicht nur Mann und Frau Eltern werden, sondern unter anderem auch gleichgeschlechtliche Paare oder Personen, die sich als nicht-binär identifizieren. Zweitens sind schwangere Personen nicht zwangsläufig weiblich. So können auch Personen, die sich als männlich oder nicht-binär labeln, schwanger werden. Umgekehrt gibt es Frauen, die keine Vagina und Gebärmutter haben und dementsprechend gar nicht schwanger werden können.

Ausschliesslich Mütter und Väter anzusprechen diskriminiert deshalb alle Personen, die sich im binären Geschlechtersystem nicht wiederfinden.

Push Present: Sexismus und Materialismus

In einem weiteren Artikel zum Thema kritisiert die New York Times insbesondere den Begriff "Push Present". Dieser impliziert, dass es sich um ein Geschenk für das "Herauspressen des Kindes" handelt. Dabei werden zunächst all die Personen exkludiert, die aus gesellschaftlicher Sicht keine "ideale Geburt" erlebten – also Personen, die ihr Kind beispielsweise durch einen Kaiserschnitt zu Welt brachten.

Zudem reduziert der Begriff schwangere Personen auf ihre Funktion als "Gebärmaschinen", so die NYT. Haben sie ihre Arbeit erfolgreich verrichtet und das Kind aus ihrem Körper gepresst, erwartet sie eine Belohnung. Diese Vorstellung ist besonders angesichts der Tatsache sexistisch, dass hier vor allem Frauen als Schwangere angesprochen werden.

Zudem verbirgt sich hinter dem Push Present eine materialistische Weltanschauung. Schliesslich sind die bekanntesten Push Presents teure Schmuckgegenstände. Es überrascht darum nicht, dass der Trend vor allem in den höheren Gesellschaftsschichten Fahrt aufnimmt. Eine Geburtshelferin gibt gegenüber der NYT an, dass von über 1000 Schwangeren etwa 20 Personen ein Push Present nach der Geburt erhielten. Bei allen 20 Fällen handelte es sich um wohlhabende Paare.

Mit der grösseren Bekanntheit des Trends steigt so auch der Druck auf Partner:innen, sich rechtzeitig um ein angemessen teures Push Present zu kümmen. Die NYT berichtet von einer Umfrage, laut derer 55 Prozent der Teilnehmenden ein Geschenk nach der Geburt erwarten. Die Frage dabei ist, ob ein materialistisches Geschenk bei der Geburt tatsächlich angebracht ist – oder ob sich Eltern angesichts des neugeborenen Kindes nicht vor allem emotionale Unterstützung, Liebe und Sicherheit geben sollten.

Push Present statt Kindererziehung?

Beim ersten Blick auf den Push-Present-Trend könnte die Vermutung aufkommen, es handele sich um eine neue Erfindung der Schmuckindustrie. Durch den grösseren Bekanntheitsgrad des Trends und den entsprechenden gesellschaftlichen Druck verdienen Schmuckhersteller:innen also in erster Linie mehr Geld. Auch wenn dies durchaus eine Folge des Trends sein kann, ist die Schmuckindustrie laut der NYT nicht sein Auslöser.

Der Gynäkologe Dr. Philippe Girerd sagt gegenüber der Times, das Push Present sei ein Ergebnis dessen, dass sich Männer den Herausforderungen und Strapazen einer Schwangerschaft bewusster werden. Er bezieht sich dabei also auf heterosexuelle Paare, bei denen die Frauen die Schwangeren sind. Die Väter würden mittlerweile mehr Anteil an der Schwangerschaft nehmen, als dies früher der Fall war. Als Symbol dieser Anteilnahme dient schliesslich das Geschenk nach der Geburt.

Dieser Ansatz klingt zwar erst einmal feministisch. Beim genaueren Hinsehen könnte das Push Present aber als das exakte Gegenteil interpretiert werden: Schliesslich übernehmen Frauen in heterosexuellen Partnerschaften nach wie vor einen deutlich grösseren Teil der Care-Arbeit. Dazu zählt unter anderem die Kindererziehung.

Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist dieser Missstand auch als "Gender Care Gap" bekannt. Das Ministerium gibt an, dass Frauen (beziehungsweise weiblich gelesene Personen) etwa 52,4 Prozent mehr Zeit für diese unbezahlte Care-Arbeit aufwenden. Das Ergebnis: Sie haben weniger Zeit für ihren Beruf (also bezahlte Arbeit) und arbeiten deshalb eventuell häufiger in Teilzeit. Daraus ergibt sich wiederum die Gender Pay Gap.

Männlich gelesene Personen haben deshalb im Durchschnitt ein höheres Einkommen, können sich also eher mal ein teures Geschenk leisten. Eine weiblich gelesene Person mit einem solchen Geschenk auf materialistische Weise für ihre Mutterrolle zu "belohnen", ist deshalb problematisch. Stattdessen wäre es angebrachter, sich als männlich gelesene Person nach der Geburt mehr in die Kindererziehung einzubringen beziehungsweise in einer gleichberechtigten Partnerschaft zusammen auszuhandeln, wie Aufgaben verteilt werden sollen.

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