Beim Sensitivity Reading prüfen Expert:innen Texte auf die Darstellung von marginalisierten Gruppen. Dies soll dazu führen, dass die Texte nicht länger Diskriminierung und Stereotypen reproduzieren. Wie das Konzept funktioniert, erfährst du hier.

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Wenn die Haut einer schwarzen Person als an "dunkle Schokolade" erinnernd beschrieben wird. Wenn die Muslima die Hauptfigur als "exotische Schönheit" verführt. Oder der beste Freund der Protagonistin schwul ist, im Roman als einzige queere Person auftritt und sie natürlich immer bei Outfit- und Makeup-Fragen berät.

Dies sind nur einige der vielen Beispiele dafür, wie literarische Texte, Filme, Hörbücher und andere Medien dazu beitragen, dass Klischees, Stigmatisierungen und Diskriminierungsmechanismen gegenüber marginalisierten Gruppen reproduziert und aufrechterhalten werden.

Um dem entgegenzuwirken, hat sich in Deutschland das Netzwerk "Sensitivity Reading" gegründet. Hier können Autor:innen bestimmte Themen auswählen, auf die Sensitivity Reader ihre Texte überprüfen sollen. Dabei kann es sich beispielsweise um Rassismus, Queerness, psychische Erkrankungen, Religion, Behinderungen oder Fat Shaming handeln.

Wie entstand Sensitivity Reading?

Das Konzept von Sensitivity Reading entstand zunächst im englischsprachigen Raum. 2018 gründeten Elif Kavadar und Victoria Linnea auch in Deutschland ein gleichnamiges Netzwerk. Gegenüber Fluter berichtet Linnea, dass ihnen die Idee dazu auf einem Literaturcamp kam. Auf diesem erzählten Autor:innen, dass sie sich mehr Diversität in literarischen Texten wünschen würden. Sie sind sich jedoch unsicher, ob und wie sie in ihren Texten über marginalisierte Gruppen schreiben können, ohne diese dabei dazu stigmatisieren.

Kavadar und Linnea haben als Women of Color bereits selbst Diskriminierung erlebt und kennen sich mit Texten und Sprache aus. So ist Elif Kavadar studierte Germanistin und Victoria Linnea arbeitete schon vorher als freie Lektorin. Heute findest du auf der Webseite des Netzwerks noch drei weitere Sensitivity Reader. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Marius arbeitet auf Honorarbasis als Sensitivity Reader. Im Gespräch mit Jetzt erzählt er, dass er Texte hinsichtlich der Darstellung von Queerness, Transidentität, Rassismus, Depressionen und sozialen Angststörungen überprüft. Unabdingbar sei dabei, dass Sensitivity Reader selbst die Lebensrealität der dargestellten marginalisierten Gruppen teilen. So können weisse Menschen kein Sensitivity Reading mit dem Fokus auf Rassismus vornehmen.

Marius ist selbst Person of Color und trans*. Neben persönlichen Einschätzungen informiert er sich jedoch auch regelmässig darüber, welche Haltungen seine gesamte Community gegenüber speziellen Begriffen oder dargestellten Verhaltensweisen vertritt.

Eine spezielle Ausbildung gibt es für Sensitivity Reading in Deutschland bislang nicht. Viele Sensitivity Reader sind jedoch bereits im literarischen Bereich (zum Beispiel als Autor:in oder Lektor:in) tätig. Marius erzählt, dass sich Sensitivity Reading nicht nur auf Romane beschränkt. So hat er bislang unter anderem auch schon Zeitungsartikel, Skripte für Werbungen und Ausstellungstexte überprüft.

Warum braucht es Sensitivity Reading?

Zentrales Ziel von Sensitivity Reading ist es, bestehende gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und dabei zu vermeiden, dass Stigmatisierungen und Stereotypisierungen marginalisierter Gruppen reproduziert werden.

Denn viele Menschen sind sich nicht bewusst, welche entscheidende Rolle Romane oder Filme bei der Aufrechterhaltung von Diskriminierung spielen. Diese Diskriminierungen finden nicht nur im realen Leben tagtäglich statt, sondern finden sich auch in fiktiven Geschichten wieder, so der Sensitivity Reader Tristan Lánstad gegenüber Fluter.

Dies bestätigt auch Victoria Linnea, Gründerin des Sensitivity-Reading-Netzwerks im Fluter-Artikel. Sie sieht Sensitivity Reading eindeutig als politisches Instrument. Viele grosse Verlage sind sich jedoch der Relevanz dieses Themas nicht bewusst oder ignorieren es gezielt. Schliesslich richten sich ihre Texte überwiegend an ein weisses Publikum. Linnea bemerkt jedoch auch, dass sich mittlerweile eine positive Entwicklung abzeichnet und immer mehr Autor:innen ihre Texte von Sensitivity Readern überprüfen lassen.

Laut Marius geht es dabei jedoch nicht darum, dass Autor:innen keine heiklen Themen mehr ansprechen dürfen. Schliesslich ist es wichtig, dass literarische Texte weiterhin Diskriminierungen, wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie, thematisieren. Sensitivity Reader überprüfen dabei, wie Autor:innen über diese Themenbereiche schreiben und auf welche Weise marginalisierte Personen dargestellt werden: Treten sie als komplexe Charaktere auf? Oder sind sie sehr eindimensional dargestellt und erfüllen wieder nur die gängigen Klischees?

Sensitivity Reading ist also keine Zensur, sondern eine besondere Form des Lektorierens beziehungsweise eine zusätzliche Perspektive, aus der Lektor:innen einen Text betrachten. Marius erzählt beispielsweise, dass er im Manuskript Stellen, die er problematisch findet, mit Kommentaren versieht und erläutert, was er anders machen würde.

Ob Autor:innen dies dann auch umsetzen, bleibt natürlich ihnen überlassen. Bislang hat er sowohl mit Verlagen als auch Privatpersonen vorwiegend positive Erfahrungen gemacht.

Kritik an Sensitivity Reading: Berechtigt oder nicht?

Laut dem Fluter gibt es auch kritische Stimmen, die in Sensitivity Reading eine Art der Zensur und das "Ende der Literatur" sehen. Dazu gehört beispielsweise der Journalist Harald Martenstein. Der Zeit-Kolumnist definiert die Praxis so: "Die Idee ist, dass Betroffene prüfen, ob ihre Gruppe in einem Roman so beschrieben wird, wie sie selbst es sich wünscht."

Was dabei auffällt: Martenstein ist selbst weiss, ein cis Mann und in Deutschland geboren. Wie also beispielsweise People of Color oder Immigrant:innen Stereotypisierungen in Texten und Filmen aufnehmen, und wie sie sich auf deren Leben auswirken, ist für ihn folglich wohl schwer nachzuvollziehen.

Auch Marius erzählt im Jetzt-Interview, dass einige Menschen Sensitivity Reading mit Unverständnis begegnen. Viele haben den Begriff noch nie gehört und sind zunächst misstrauisch. Victoria Linnea berichtet gegenüber Fluter, sie habe bereits einige wütende Mails bekommen, die ihr Zensur vorwerfen. Darum handelt es sich laut den Sensitivity Readern jedoch explizit nicht. Ob Autor:innen Änderungen letztendlich übernehmen und Vorschläge umsetzen, bleibt weiterhin ihnen überlassen.

Beim Sensitivity Reading geht es vor allem darum, Autor:innen auf ihre gesellschaftliche Verantwortung aufmerksam zu machen. Sie können dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, indem sie keine diskriminierenden Klischees bedienen. Somit könnte es bald allen Menschen Spass machen, einen Roman in die Hand zu nehmen – und eben nicht nur weissen, heterosexuellen cis-Menschen, die es gewohnt sind, sowohl im echten Leben als auch in fiktiven Geschichten immer die Norm zu sein.

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