Breuil-Cervinia/Zermatt - Mit mehr als 130 Sachen über eine Schweizer Grenze zu brettern, wird normalerweise ziemlich teuer. In Zermatt allerdings bekommen die schnellsten Grenzgänger in diesem Herbst sogar noch eine Prämie für ihre Raserei.

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Mit dem "Matterhorn Cervino Speed Opening" findet zum ersten Mal in der Geschichte des Ski-Weltcups ein länderübergreifendes Skirennen statt. Der Start liegt in der Schweiz, das Ziel in Italien und dazwischen eine Hochgeschwindigkeitsstrecke quer über die Landesgrenze mit Blick auf das Matterhorn.

Für den internationalen Skizirkus sind die beiden Abfahrtsrennen der Männer am 29. und 30. Oktober sowie der Frauen am 5. und 6. November die spektakulärste Neuerung im Weltcup seit Jahren.

Für Zermatt und Breuil-Cervinia stellen sie eine Riesenchance dar, um zu zeigen, wie schön ihr gemeinsames Skigebiet ist und wie früh in der Saison dort schon Schnee liegt.

Das Matterhorn ist doch Marketing genug

Wobei man sich fragen muss, wozu Zermatt überhaupt noch Werbung nötig hat? Das Matterhorn hat das einst arme Bergdorf weltberühmt gemacht - und reich. Im Sommer wie im Winter strömen Menschen aus der ganzen Welt an den Fuss dieses spektakulären Gipfels, der pyramidengleich 4478 Meter in den Himmel ragt. Manche nennen ihn "steinerne Miss Schweiz". Er gehört zu den meistfotografierten Bergen der Welt.

Was dem autofreien Zermatt bislang fehlte, war ein Weltcuprennen. Die fanden in der Schweiz immer nur in St. Moritz oder im Berner Oberland statt. Das kratzte schon ein wenig am Ego der Zermatter. Alle Initiativen, das zu ändern, liefen ins Leere - bis einem Italiener von der anderen Seite des Matterhorns die zündende Idee kam.

Etwas für Genussabfahrer
Die Abfahrten auf italienischer Seite sind etwas für Genussabfahrer.

Federico Maquignaz ist Besitzer des Hotels Saint Hubertus in Breuil-Cervinia und früherer Präsident der Bergbahngesellschaft Cervinia. Er machte den Vorschlag für das erste länderübergreifende Skirennen. Bei der paneuropäischen Fussball-Europameisterschaft, die 2021 über die Bühne ging, sei ihm die Idee gekommen, erinnert sich Maquignaz. "Wenn man eine EM in verschiedenen Ländern austragen kann, warum also kein internationales Skirennen?"

Ein zusätzliches Rennen würde der Weltskiverband FIS weder den Schweizern noch den Italienern zubilligen, da war er sicher. "Aber ein grenzüberschreitendes Rennen, und dann auch noch so früh in der Saison. Das tut keinem weh", dachte sich der findige Italiener. Er behielt Die FIS stimmte dem Vorschlag zu.

Start in der Schweiz, Zieleinlauf in Italien

Maquignaz kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus, wenn er zum Matterhorn hinaufschaut. Die Italiener nennen es "Cervino", die Leute in Breuil-Cervinia in ihrem Dialekt "Gran Becca" (Grosser Gipfel). Der Dialekt ist eine Mischung aus Französisch und Italienisch, den beiden offiziellen Sprachen der autonomen Region Aostatal.

Die Zweisprachigkeit zeigt sich auch im Doppelnamen des Ortes mit dem französischen Breuil und dem italienischen Cervinia, wobei die meisten Einheimischen nur von Cervinia sprechen.

"Gran Becca" heisst auch die Rennstrecke. Das Starthaus steht auf der 3899 Metern hohen Gobba di Rollin, dem höchsten Punkt des Skigebiets, das Ziel rund 1000 Meter tiefer an der Gondelstation Laghi delle Cime Bianche. Man kann wohl jetzt schon sagen: Die Bilder vom Zieleinlauf in Cervinia mit dem Matterhorn im Hintergrund werden um die Welt gehen und die ungleichen Partner als Duo bekannt machen.

Die Schokoladenseite liegt auf Schweizer Seite

Verglichen mit Zermatt wirkt Cervinia sehr bodenständig. "Es ist nicht so rausgeputzt wie Zermatt" würden viele Eidgenossen sagen. "Nicht so steril", würden manche Italiener entgegnen. Die Chiesa di Maria Regina Vallis Augustanae - eine Kirche in der Ortsmitte - gibt zwar ein schönes Fotomotiv mit dem Cervino im Hintergrund ab. Seine Schokoladenseite aber zeigt der berühmte Gipfel den Schweizern.

Blick aufs nächtliche Cervinia
Blick aufs nächtliche Cervinia: Im Vergleich zum mondänen Zermatt auf der anderen Seite kommt der italienische Alpenort bodenständig daher.

Vom rund 1600 Meter hoch gelegenen Zermatt aus betrachtet wirkt das Matterhorn spektakulärer. Und auch die St.-Mauritius-Kirche neben dem Grand Hotel Zermatterhof und dem Matterhorn-Museum macht zweifellos mehr her als die bescheidene Marien-Kirche der Italiener.

Beim Ortsbild punkten die Schweizer mit Holzchalets und mehr als 100 Jahre alten Hotels. In Cervinia dagegen wurden vor allem während der 1970er Jahre einige Bausünden in die Hänge betoniert.

Wobei: Neben den unübersehbaren Bettenburgen wartet das gut 2000 Meter hoch liegende Breuil-Cervinia auch mit einer ganzen Reihe von charmanten Hotels bis hinauf in die Fünf-Sterne-Liga auf. Dazu zählt neben dem neuen Grand Hotel Cervino und dem traditionsreichen Relais & Châteaux Hermitage Hotel & Spa seines Schwagers auch das Saint Hubertus von Federico Maquignaz.

Dort zelebrieren sie eine Küche, die mit ihren italienischen, französischen und alpinen Einflüssen ein kulinarisches Spiegelbild des Dialekts im Aostatal ist.

Allein für die rohe Garnelen von der ligurischen Küste, die Tagliatelle mit Wild aus den Wäldern des Aostatals und für das Schweinefilet mit leicht angegrillten Tomaten und Burrata würde sich die Reise nach Cervinia lohnen. Weit ist es nicht. Mailand liegt nur zwei Autostunden entfernt.

Cervinia zieht die kulinarische Trumpfkarte

Die Cucina italiana ist auch der grösste Trumpf der Italiener im freundschaftlichen Wettstreit mit ihren Schweizer Nachbarn - und natürlich die viel niedrigeren Preise. Für einen Espresso zahlt man einen Euro, statt ein paar Franken wie auf der Schweizer Seite. Eine Pasta kostet rund die Hälfte, ist dafür aber oft doppelt so gut.

Länderübergreifendes Skirennen
Start in der Schweiz, Ziel in Italien: In Zermatt/Cervinia steigt das erste länderübergreifende Skirennen.

Zur Mittagszeit setzt deshalb ein reger Grenzpendlerverkehr über den Gletscher ein, auf dem man ausser in extrem heissen Sommern wie 2022 das ganze Jahr über Ski fahren kann.

Bei Bontadini, im Rocce Nere und in anderen Hütten sind nur selten Plätze zu ergattern, wenn Antipasti, Pasta oder dampfende Polenta mit Schmorfleisch aufgetischt werden. Wird dann mit Rotwein angestossen, steigen Geräuschpegel und Stimmung: Benvenuti in Italia!

Auf der Schweizer Seite geht es ruhiger zu. Auch dort kann man hervorragend essen, wenn man weiss, wo - und wenn man die nötigen "Fränkli" in der Tasche hat. Zum See und die neue Stafelalp sind sehr gute Adressen auf dem Berg, genauso wie der Findlerhof, das Paradise und der Klassiker Chez Vrony im Weiler Findeln, der direkt über die Skipisten erreichbar ist.

Dort zelebriert Vrony Cotting-Julen in ihrem gemütlichen Chalet mit Traumblick aufs Matterhorn wie keine andere leger und doch ausgefeilt den Hüttenzauber für die feine Zermatter Skigesellschaft.

Genussabfahrten im Süden, Vielfalt und Anspruch im Norden

So edle Berghütten haben die Italiener nicht. Und auch nicht so vielfältige Pisten. Während auf der italienischen Südseite weite, sonnige Genussabfahrten dominieren, ist das Schweizer Skigebiet mit vier Bereichen grösser, abwechslungsreicher und anspruchsvoller.

Ans Sunnegga-Gebiet schliesst sich auf Zermatter Seite unter dem Monte Rosa das Gornergrat-Areal mit Sternwarte auf dem Gipfel und Iglo-Dorf auf halber Strecke der historischen Zahnradbahn an. Den Mittelteil bis hinauf zum Gletscher flankiert das am Fuss des Matterhorns gelegene Schwarzsee-Areal.

Premiere für Zermatt
Premiere für Zermatt: Bisher machte der FIS-Skizirkus in der Schweiz einen Bogen um den Nobel-Wintersportort.

Während einige Lifte und Stationen in Cervinia in die Jahre gekommen sind, warten die Schweizer mit modernsten Anlagen auf. Glanzstück ist die neue Matterhorn Glacier Ride, eine Gondelbahn hinauf auf die mit 3883 Metern höchstgelegene Bergstation Europas. Von dort oben sieht man 38 Viertausender und 14 Gletscher.

"Einer davon ist der Theodulgletscher, auf dem die Weltcuprennen stattfinden", erklärt der Direktor der Cervinia Bergbahnen, Daniele Herin. Die Strecke wurde vom früheren Schweizer Skirennfahrer Didier Défago mit Unterstützung des legendären Rennstreckenbauers Bernhard Russi konzipiert. Die Zuschauer sollen vom Ziel aus den gesamten Verlauf einsehen können.

Gesitteter Streit um eine Hütte an der Grenze

Auf dem Theodulgletscher, über den Skipendler von Cervinia wieder in Richtung Zermatt zurückgleiten, passiert die Rennstrecke die Hütte Rifugio Guide del Cervino.

Die Schutzhütte wurde 1984 auf italienischem Territorium direkt an der Grenze zur Schweiz errichtet. Diese wird vereinbarungsgemäss durch die Wasserscheide auf dem Theodulgletscher markiert.

Durch die Gletscherschmelze hat sich die Wasserscheide aber verschoben - und damit auch die Grenze. Nach Schweizer Ansicht steht die Hütte inzwischen zu zwei Dritteln auf eidgenössischer Seite. Dies sehen die Italiener anders und so wird über die Nationalität der Hütte gestritten. Dies aber gesittet.

"Wir wachsen doch ohnehin immer stärker zusammen", sagt Bergbahndirektor Herin. Er wartet sehnsüchtig auf die Fertigstellung der letzten italienischen Gondelsektion hinauf zur Schweizer Gipfelstation am Klein Matterhorn im kommenden Jahr.

"Dann kann man nicht nur im Winter auf Ski hin und herpendeln, sondern rund ums Jahr auch zu Fuss", sagt Herin. Für ihn ist die Gondelverbindung ein Meilenstein für ein noch engeres Zusammenwachsen - genauso wie das erste länderübergreifende Ski-Weltcup-Rennen.

Reger Pendlerverkehr
Man wächst zusammen. Zwischen Cervinia und Zermatt herrscht in der Skisaison reger Pendlerverkehr auf den Pisten.

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