Der 1. FC Köln ist der lebende Gegenbeweis, dass der ständig wiederholte Trainerwunsch nach ein bisschen Geduld irgendwann Früchte trägt. Mit Markus Gisdol hatte der Verein samt Sportchef Horst Heldt mehr als Geduld.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Der Trainer bekam vorzeitig und ohne Not einen neuen Vertrag, als er die Mannschaft Mitte 2020 aus dem Gröbsten herausholte, und obendrein Treueschwüre im Wochenrhythmus. Half nur alles nicht.

Mit dem 2:3 gegen Mainz 05 vergrösserte Köln als Tabellenvorletzter den Rückstand zum rettenden Bundesliga-Platz 15 auf drei Zähler bei minus neun Toren. Die Gisdol-Beurlaubung im Anschluss war überfällig.

Sowas passiert im Profigeschäft halt. Man wird niemals ausschliessen können, dass die komplexe Zusammenarbeit zwischen Trainer und Verein nur eine begrenzte Haltbarkeit erlebt. Trainer werden dafür sehr gut bezahlt.

Horst Heldt ist deshalb kein Vorwurf zu machen, dass Markus Gisdol bei ihm gescheitert ist. Trainer halten im Schnitt zwei Jahre. Manche gehen später, die Gisdols dieser Liga früher.

Kurzsichtige Arbeitsweise in der Bundesliga

Was man Horst Heldt aber ankreiden muss, wirft ein schlechtes Licht auf die bisweilen kurzsichtige Arbeitsweise in der gesamten Bundesliga. Der Fall Gisdol ist nur ein weiterer Beleg dafür.

Ursprünglich dauerte Markus Gisdols Arbeitsvertrag bis Sommer 2021. Als er vor anderthalb Jahren kam, schaffte er mit Köln so überraschend die Wende, dass sich niemand mehr den Fakten zuwendete.

Jedenfalls konnten anschliessend zehn Spiele ohne Sieg nicht den Glauben an den Heilsbringer erschüttern. Man verlängerte seinen Vertrag um zwei Jahre vorzeitig bis 2023. Warum eigentlich?

"Kompentent" und "vertrauensvoll" nannte ihn Heldt. Wer so Schönes sagt, blendet anschliessend alle Warnzeichen aus, die bei schlechten Resultaten unübersehbar sind. Heldt forderte Geduld ein und lebte Geduld vor.

Schlechter Zeitpunkt für einen Trainerwechsel

So folgte auf den ersten der zweite Fehler. Die besten Zeitpunkte für einen Trainerwechsel sind immer die Sommer- und Winterpausen: Nur dann kann der Nachfolger die Mannschaft auf die Saisonhälfte ausgiebig vorbereiten.

Diese Winterpause gab's 2020/21 nur verkürzt. Aber dafür Länderspielpausen. Wenn an einem Wochenende keine Bundesliga stattfindet, bleiben Trainern immerhin zwei Wochen Zeit. Er hat ja nicht nur Nationalspieler.

Horst Heldt liess auch diese Gelegenheit Ende März verstreichen und handelte erst am Sonntagabend, als ob das eine Abstiegsduell Aussagen über die Zukunftsaussichten eines Trainers produzieren könnte.

Dem neuen Mann, Friedhelm Funkel, bleiben jetzt nur fünf Tage Zeit, seine Mannschaft auf das Rheinderby gegen Bayer Leverkusen einzustellen, und sechs Spieltage, den Klassenerhalt zu schaffen.

Allein an diesem schmalen Zeitfenster ist zu erkennen, wie gross die Hektik sein muss. Abstiegskampf wird zum Roulette: Schwarz oder Rot. Alle haben gewusst, dass es so kommt. Offenbar nur die Führung des 1. FC Köln nicht.

Horst Heldt wird sich deshalb auch den Fragen nach der Qualität seines Krisenmanagements stellen müssen. Treue zum Trainer ist das eine, die Loyalität zum Verein das andere. Er handelte einfach zu halbherzig.

Pit Gottschalk ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de/.
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