Ganz sicher ist Lucien Favre ein exzellenter Fachmann. Borussia Dortmund hat dem neuen Trainer nicht nur eine Verbesserung um mindestens 14 Bundesliga-Punkte zur Vorsaison zu verdanken. Der BVB spielte meistens attraktiv, schoss schöne Tore und verdoppelte die Tordifferenz auf plus 34.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Was Favre nicht ist: Ein Meistermacher. Als die Mannschaft aus der Winterpause kam und als Tabellenführer schrittweise den Vorsprung auf Bayern München verspielte, war es Berater Matthias Sammer und nicht Trainer Favre, der die Spieler mit öffentlicher Kritik aus dem Formtief riss.

Drei grosse Duelle sah die Rückrunde vor. Die zwei Spiele gegen Tottenham in der Champions League, das Gipfeltreffen mit dem FC Bayern in München und das Revierderby gegen Schalke. Alle Spiele hat Borussia Dortmund donnernd verloren. Mit Pech allein sind die Pleiten nicht zu begründen.

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In 180 Spielminuten gegen Tottenham führte der Matchplan zu keinem einzigen Treffer. Beim 0:5 von München hatte der Trainer zwei seiner drei wichtigsten Spieler wie Schachfiguren deplatziert, den einen (Marco Reus) ins Sturmzentrum, den anderen (Mario Götze) auf die Ersatzbank.

Kein Killer-Instinkt gegen Schalke

Beim Schalke-Spiel fiel der Mangel an Killer-Instinkt besonders auf. Der BVB war dem Lokalrivalen in allen Belangen überlegen: An individueller Qualität, an Selbstvertrauen als Tabellenzweiter und an taktischer Flexibilität. Und trotzdem vergeigte seine Mannschaft das Derby mit 2:4.

Schlimmer noch: Weder hatte der BVB nach einer Viertelstunde Ideen gegen die Mauertaktik aus Gelsenkirchen, noch den Mumm zur Gegenwehr, als die Schalker in Führung gingen. Die zwei berechtigten Platzverweise zeigen nur: Die Spieler hatten, als es darauf ankam, ihre Nerven nicht im Griff.

Exakt an dieser Stelle unterscheidet sich ein Fussballlehrer eben von einem Meistermacher. Der Fussballlehrer vermittelt Verhaltensmuster für das Geschehen auf dem Spielfeld, ein Meistermacher dagegen zusätzlich eine Grundhaltung.

Wenn die Dortmunder wie in München oder gegen Schalke eher ängstlich und halbherzig als überzeugend und gallig auftreten, hat das viel mit dem Trainer zu tun. Indem Favre jedesmal Warnungen ausspricht, wenn es gegen Abstiegskandidaten geht, siegt die Vorsicht immer über die Zuversicht.

Das mag ja sympathisch wirken, manchmal drollig und liebenswert. Doch wer will schon einem Zauderer sein Schicksal anvertrauen? Nur das 1:1 der Bayern in Nürnberg hat dafür gesorgt, dass die Derbypleite gegen Schalke nicht komplett ihre Wucht an der Tabellenspitze entwickeln konnte.

Titelkampf laut Favre "verspielt"

Zwei Punkte Rückstand kann man, wenn der Blick auf das Restprogramm an den drei verbliebenen Spieltagen wohlwollend ausfällt, noch aufholen. Im Ohr aber klingt nach, was Favre nach dem 2:4 gesagt hat: Der Titelkampf sei "verspielt". So redet doch keiner, der Spieler überzeugen muss.

Die BVB-Bosse haben noch am selben Tag reagiert und ihrem Trainer öffentlich widersprochen: "Wir geben erst dann auf, wenn es rechnerisch nicht mehr möglich ist", sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Das ist ein einmaliger Vorgang und Ausdruck von Unbehagen bei Favres Führungsstil.

Man würde ihm ja wünschen, dass dessen Lamentieren über den Handelfmeter ein Ablenkungsmanöver war. In der Sache hat er ja womöglich recht. Aber seine Körpersprache war die eines Unglücklichen, eines vom Schicksal gebeutelten Mannes. Und nicht die eines Kämpfers.

Bei der Bayern-Jagd in den drei Spielen bei Werder Bremen, zu Hause gegen Düsseldorf und in Mönchengladbach wird es darauf ankommen, das Team auf die letzte Titelchance einzuschwören. Der Trainer, ganz klar, muss diesen Willen vorleben. Sonst holt er nie einen Titel nach Dortmund.

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
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