Einfach unfair, was die Bayern mit Niko Kovac machen - das sagt unser Kolumnist über die Führungsetage des Rekordmeisters.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Mehr aktuelle News zur Bundesliga finden Sie hier

In seinem ersten Jahr beim FC Bayern hat Trainer Niko Kovac nicht alles falsch und offenbar vieles richtig gemacht. Er hat einen Spielerkader, den er nicht zu verantworten hat, durch das Formtief im Herbst geführt und neun Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund in jetzt zwei Punkte Vorsprung umgewandelt. Ein Unentschieden noch: Dann ist Kovac Deutscher Meister.

Trotzdem muss er von seinen Vorgesetzten Ressentiments ertragen, die den Tatbestand des einfach unfairen Verhaltens mit sich führen. Der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte am Samstag bei Sky: "Ich höre immer das Wort Jobgarantie, Jobgarantie. Bei Bayern München müssen Spieler, Management und Trainer erfolgreich abliefern, das gilt für alle."

Stunden später gab Sportdirektor Hasan Salihamidzic im ZDF Pfötchen: "Wenn wir Meister werden, dann wird es eine Zwei plus. Wenn nicht, dann war das eine Scheisssaison!" Und: "In Zeiten, wo wir (...) Titel gewinnen können, sind wir gut beraten, unsere Energie nicht auf Personalüberlegungen zu verlieren." Ob Kovac Trainer bleibt? "Das werden wir sehen …"

Bayern-Führung schwächt Autorität des Trainers

Mit solchen Sätzen schwächt die Bayern-Führung nicht nur die Autorität des Trainers vor der Mannschaft. Die Einlassungen geschehen in einer Phase, da jeder Funken Konzentration vonnöten ist, um dem ersehnten Punktgewinn in der Bundesliga (am Samstag gegen Eintracht Frankfurt) eine Woche später den DFB-Pokalsieg gegen RB Leipzig folgen zu lassen.

Welche Sorge muss Rummenigge also treiben, dass er im Saisonfinale seinen zumindest national erfolgreichen Trainer infrage stellt und das Double riskiert?

Sogar BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke schwieg 2017 in der Trainerfrage, bis Thomas Tuchel den Pokalsieg geschafft hatte und die beschlossene Trennung in aller Form ausgesprochen werden konnte.

Das vorzeitige Aus in der Champions League mag ein Grund für Zweifel an Kovac sein, nicht aber für den Zeitpunkt. Die damalige Heimniederlage gegen Liverpool ist erstens dadurch entschuldigt, dass inzwischen auch Top-Mannschaften wie der FC Barcelona der Willensstärke des Klopp-Teams erlegen waren, und zweitens auch schon wieder zwei Monate her.

Kovac stand bei Rotation wie ein Lehrling da

Bestenfalls kann man Rummenigge Aufrichtigkeit unterstellen, dass er nicht eine Jobgarantie abgeben will, die er Wochen später wieder einkassieren muss.

Schlimmstenfalls setzt er sich dem Vorwurf aus, die eigene Agenda über das Vereinswohl zu setzen. Dass seine Worte Richtung Kovac kein Echo bei den Spielern erzeugen, kann er nicht ernsthaft annehmen.

Die Attacke trifft Kovac nicht unerwartet. Auf der Spobis-Tagung Ende Januar erläuterte Rummenigge Moderator Marco Klewenhagen im Detail, wie man dem Trainer das Rotationsprinzip bei der Mannschaftsaufstellung ausgeredet und ihn zurück in die Spur geschoben habe. Man muss sich das mal vorstellen: Der Bayern-Trainer stand wie ein Lehrling da.

Von Uli Hoeness dagegen ist bekannt, dass er Kovac schätzt. Der Präsident liess die Öffentlichkeit Ende Februar in der TV-Sendung "Doppelpass" wissen, dass ein Übergangsjahr, wie es Kovac zu moderieren hat, durchaus titellos enden darf: "Ich habe in meinem Leben mehr als 50 Titel gewonnen, da kommt es auf den einen mehr oder weniger auch nicht mehr an."

Machtgeplänkel zwischen Rummenigge und Hoeness

Gegen diese Schutzbehauptung steht Rummenigges ausformulierte Erwartung: Dass jeder, der beim FC Bayern arbeitet, Erfolge abzuliefern hat - also Titel. Er hat damit nicht nur die Höhe der Messlatte definiert, sondern an die Klub-DNA erinnert. Dagegen kann nicht einmal Hoeness, der Pate des FC Bayern, wie man ihn heute kennt, argumentieren.

Im Machtgeplänkel zwischen Rummenigge (Vertrag bis 2021) und Hoeness (Wiederwahl im November offen) geht völlig unter, dass Kovac die letzten Prozente aus einer satten Truppe geholt hat. Wozu sie in der Lage ist, zeigte sie in grossen Spielen (5:0 gegen Dortmund). Was ihr zu schaffen macht, in kleinen (1:1 in Nürnberg). Ein Trainer ist nicht für alles verantwortlich.

Die Ursache für die Zwietracht ist darin zu suchen, dass Rummenigge vor Saisonende einen anderen Trainer wollte; angeblich Thomas Tuchel. Hoeness setzte sich, vielleicht aus der Not geboren, mit seinem Wunschkandidaten Kovac durch. Der ist jetzt zum Spielball in der Chefetage geworden. Schützen kann ihn Hoeness nur, wenn Niko Kovac Titel einbringt. Jetzt am Samstag.

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
Fever Pit'ch ist der tägliche Fussball-Newsletter von Pit Gottschalk. Jeden Morgen um 6:10 Uhr bekommen Abonnenten den Kommentar zum Fussballthema des Tages und die Links zu den besten Fussballstorys in den deutschen Medien.

Was hat Bayern München Borussia Dortmund voraus? Unser Kolumnist wirft einen Blick auf das Titelrennen in der Bundesliga und stellt fest: Wattebausch-Trainer gewinnen keine Meisterschaften.