Die Politik hat gestern entschieden, dass der persönliche Bewegungsradius in Hotspots auf 15 Kilometer beschränkt wird. Der Bundesliga kommt die Verordnung sehr entgegen: Fussballprofis legen in 90 Spielminuten selten eine längere Strecke zurück.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Im Ernst: Wir können wohl davon ausgehen, dass der Ball weiterhin rollt. Dass gleichzeitig Schulen und Kindergärten ihre Pforten schliessen und damit ihren Bildungsauftrag limitieren, ist aktuell der Widerspruch, den Deutschland erlebt und offenbar aushalten muss.

Man argumentiert von Vereins- und Verbandsseite dann gerne mit der Bubble, die den Fussballzirkus, wenn er neun Mal am Wochenende seine Zelte aufstellt, vom richtigen Leben abgrenzt.

Wie die Begegnung mit der Realität in Pandemie-Zeiten verhindert wird, wenn zum Beispiel ein Torjäger mal eben zum Trophäen-Empfang nach Dubai jettet (Lewandowski), bleibt eines dieser Geheimnisse 2020/21. Die Premier League in England meldete gestern 40 neue Corona-Infektionen in einer Woche.

Mats Hummels denkt über Karriereende nach

Mats Hummels beschäftigt sich schon jetzt mit einem möglichen Karriereende 2023. Für den nun 32-Jährigen ist es durchaus denkbar, dass sein am 30. Juni 2023 auslaufender Kontrakt bei der Borussia nicht mehr verlängert wird - und er im Anschluss seine Karriere beendet.

Natürlich, die Spieler werden regelmässig getestet, damit die Gefahr einer Ausbreitung sinkt. Der Massnahmenkatalog ist umfang- und hilfreich. Aber genau das behaupteten Gastronomie, Einzelhandel und Tourismus ja auch, als sie zumachen mussten: dass alles getan wurde, was notwendig war.

Der öffentliche Druck steigt

Man fragt sich: Woher stammen dann die dauerhaft hohen Infektionszahlen? Die Bundesliga fühlt, wie der öffentliche Druck erneut steigt, den Spielbetrieb auszusetzen. Dem steht die Frage entgegen: Wem wäre damit geholfen?

Die Verzweiflung bei den Bundesliga-Klubs über das drohende Aus ist mit Händen zu greifen. Das billigste Argument wäre jetzt zu sagen: Wenn wir nicht spielen, droht dem Verein die Pleite. Die Urangst erleben andere Branchen auch, die keine Vorsorge treffen konnten.

Die Pandemie nimmt keine Rücksicht auf Fussballhistorie. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Was haben andere Branchen davon, wenn die eine, die alle finanziellen Mittel hat, sich vor Ansteckung und Ausbreitung zu schützen, ebenso pausiert?

Die Bundesliga könnte noch viel offensiver argumentieren und sagen: Wir sind neben Playstation und Netflix ein weiterer guter Grund, dass Menschen zu Hause bleiben und fernsehen. In der ersten Schrecksekunde ist dieser Gedanke ein Schlag in das Gesicht von jenen, die Symbolpolitik einfordern und den Fussball als das sehen, was er ist: eine Nebensache. (Vermutlich die wichtigste der Welt, aber eben genau das: eine Nebensache.) In der Coronakrise gibt es aber kein Richtig und kein Falsch mehr.

Bundesliga-Machern fehlt Empathie

Dem Profifussball in Deutschland muss man zugute halten, dass er alles an Hygiene-Konzepten umgesetzt hat, die einerseits sinnvoll und andererseits angemessen sind. Ein Zusammenhang zwischen Infektionszahlen und der Fortführung des Spielbetriebs ist - bei allem Laiensachverstand - nicht zu ersehen.

Niemand drängt zum Beispiel die Politik, Zuschauer im Stadion zu erlauben. Was den Bundesliga-Machern manchmal abgeht, ist womöglich eine Empathie, die über das Bejammern der eigenen Situation hinausgeht.

Millionen von Menschen bangen um ihre Jobs. Eltern wissen nicht, wie sie Beruf und Familie vereinbaren sollen. Die Jungen sind, solange der Impfstoff nicht flächendeckend verteilt ist, in Sorge um die Gesundheit der Alten.

In so einer Gefühlswelt will man nicht hören, dass beim geliebten Verein der erhoffte Sensationstransfer ausbleibt oder man dem Starspieler keine halbe Million vom Gehalt abziehen kann. Mehr Sensibilität fürs grosse Ganze könnte helfen, dass mehr Leute dem Fussball jedes einzelne Spiel gönnen.

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Pit Gottschalk ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de/.
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