Wenn es jemals eines Beweises bedurft hätte, dass Trainer einen massgeblichen Einfluss auf die Spielweise ihrer Mannschaft haben, dann hat ihn David Wagner jetzt erbracht. Von den elf Schalkern, die den Tabellenführer RB Leipzig sensationell 3:1 abgefertigt haben, spielten acht vorige Saison schon auf Schalke, als der Trainer noch Domenico Tedesco hiess.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

So schlecht kann der Kader also nicht gewesen sein, den Manager Christian Heidel bei seinem Abgang Anfang des Jahres hinterlassen hat. Mit derselben Truppe, die im Frühjahr gegen den Abstieg kämpfte, liegt der Tedesco-Nachfolger David Wagner auf Platz vier in der aktuellen Bundesliga-Tabelle, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigen würde. Auf den Trainer kommt es an.

Steckt der BVB in einer Krise?

Beim Nachbarn BVB kann sich Lucien Favre folglich nicht damit herausreden, dass er mit dem Formtief seiner Mannschaft nichts zu tun hat. Sein Verweis auf die 76 Punkte, die er vorige Saison geholt hat und die in diesem Jahrzehnt nur zweimal übertroffen wurden (2012 von Jürgen Klopp und 2016 von Thomas Tuchel), entschuldigt ihn keineswegs.

Von den vergangenen fünf Pflichtspielen konnte Borussia Dortmund nur ein einziges gewinnen, das Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (4:0). Dem 1:3 bei Union Berlin folgten in der Bundesliga zwei 2:2-Unentschieden bei Eintracht Frankfurt und zuletzt gegen Werder Bremen sowie zwischendurch die Nullnummer gegen Barcelona in der Champions League.

Steckt Borussia Dortmund deshalb in einer Krise? Tabellarisch ja: Platz 8 nach sechs Spieltagen - das klingt beschämend, wenn man die Investition von 125 Mio. Euro in neue Spiele zugrunde legt. Mit 11 von 18 möglichen Punkten hat der BVB den schlechtesten Saisonstart seit fünf Jahren hingelegt. Sogar Freiburg und Schalke stehen besser da.

Man kennt das von Lucien Favre: Einer guten Saison folgt gerne die Ernüchterung. Zweimal hat er als Trainer Klubs in der Bundesliga geführt. 2007 bis 2009 Hertha BSC und 2011 bis 2015 Mönchengladbach. In Berlin brachte er sein Team von Platz zehn auf vier - dann der Absturz mit Entlassung. In Gladbach dauerten die Schwankungen länger.

Lucien Favre bleibt ein Rätsel

Zunächst der Sprung vom Relegationsplatz auf Platz vier - anschliessend Mittelmass mit Platz acht. Dann wieder Aufschwung: Platz sechs und drei. Danach schmiss er von selbst hin. Sein Nervenkostüm war ruiniert. Und diesmal? Vor TV-Kameras bringt Favre keinen Satz mehr geradeaus heraus, der Aufschluss über die Situation seiner Mannschaft gibt.

Der Mann, 61 Jahre alt, bleibt ein Rätsel. Weil er selbst keine Anhaltspunkte liefert, dass das aktuelle Tief allein dem Umstand geschuldet, dass die mit Julian Brandt, Thorgan Hazard, Mats Hummels und Nico Schulz hochgradig aufgerüstete Mannschaft nicht eingespielt ist, muss man notgedrungen auf die Bedeutungslosigkeit der Tabelle am 6. Spieltag hinweisen.

Der Vor-Vorgänger Peter Bosz legte 2017 einen Traumstart mit 14 Punkten hin. Nur Wochen nach der Tabellenführung, noch während der Hinrunde, verlor er seinen Arbeitsplatz. Nicht zu vergessen: Jürgen Klopp 2011. Nur sieben Punkte aus sechs Spielen, Platz 11. Und am Ende der historische Erfolg: Deutscher Meister mit 81 Punkten. Nie war der BVB besser.

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