Am Ende, als das 4:0 feststand, war Julian Nagelsmann sehr glücklich mit dem Klamauk, den die Fans von Union Berlin bei ihrem Bundesliga-Debüt in der Alten Försterei veranstaltet hatten.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Die 15 Minuten Stimmungsboykott von Union Berlin gegen RB Leipzig bedeuten nämlich auch: Der Gästetrainer Nagelsamnn konnte in aller Ruhe Anweisungen aufs Spielfeld rufen. Das ist, wenn die Mannschaft noch nicht eingespielt ist, ein enormer Vorteil: Die Spieler verstehen jedes Wort.

In den drei Jahren, die RB Leipzig jetzt in der ersten Liga spielt, haben die Verantwortlichen die kleinen und grossen Provokationen selten bejammert. Nicht einmal, als BVB-Hooligans 2017 Steine auf den Mannschaftsbus warfen, startete eine Gegenoffensive, so laut die Proteste auch gegen das "Konstrukt", wie die Übernahme des einstigen Amateurklubs SSV Markranstädt durch den Getränkehersteller Red Bull abwertend genannt wird, sein wollten.

RB Leipzig: Drei Jahre Bundesliga und einige Erfolge

Genüsslich zieht die Marketing-Abteilung bei diesen Gelegenheiten Umfragewerte aus der Tasche, die einerseits die Popularität der stürmischen Spielweise beweisen sollen und andererseits Gegnern den Spiegel vorhalten. Am Ende zählt immer noch, was auf dem Rasen passiert. Das ist der Trick: Die anderen arbeiten sich an ihren Unmutsäusserungen ab, RB Leipzig selbst rüstet auf. 522 Mio. Euro ist der Kader inzwischen wert.

Tabellenplatz zwei, sechs und drei, zweimal für die Champions League qualifiziert und zuletzt ins DFB-Pokalfinale eingezogen - das ist die Bilanz nach drei Jahren Bundesliga. Grossklubs wie Schalke 04 oder Hamburger SV träumen davon. Ja, mit Turnvater Jahn haben die Mateschitz-Investitionen in den Verein mit seinen angeblich sieben Mitgliedern nichts am Hut. Aber dafür erlebt Leipzig, Gründungsstadt des DFB, endlich Bundesliga.

Weder Lok/VfB Leipzig noch Chemie/Sachsen Leipzig sahen sich in der Lage, ihre Tradition in eine dauerhafte Erstliga-Zugehörigkeit zu überführen. Das macht den Rest der Republik genauso kirre: Vereine wie 1. FC Kaiserslautern, Rot-Weiss Essen und Alemannia Aachen verblühen im Niemandsland des deutschen Fussballs. Ihre solidarische Abneigung gegen RB Leipzig soll auch die eigenen Unzulänglichkeiten entschuldigen.

Die langfristige RB-Strategie geht auf

Dass die Red Bull GmbH mit dem e.V. noch immer ein halbes Dutzend Spieler aus Zweitliga-Zeiten beschäftigt, lässt die Langfristigkeit in der RB-Strategie erahnen. Wenn es um die Meisterschaft geht, spricht man gerne vom Duell zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Doch unübersehbar ist: Schritt für Schritt kommt RB Leipzig näher. Mit Julian Nagelsmann als Trainer vielleicht sogar ein Stückchen schneller.

Bevor also kreativ über neue Protestaktionen nachgedacht wird, womöglich Schmähungen und Beleidigungen, sei daran erinnert: Sportlich bringt ein Stimmungsboykott gar nichts, sondern stärkt allenfalls die Selbstvergewisserung, auf der vermeintlich guten Seite des Vereinsfussballs zu stehen. Doch wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit: Der Blick, wenn die anderen die Pokale stemmen, wird doppelt schmerzen.

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Seine Titelverteidigung nimmt der Hamburger SV sehr ernst. Noch bevor die 2. Liga Fahrt aufgenommen hat, sammelten angebliche HSV-Fans in einer Meisterschaft, die perverser kaum sein kann, die ersten Punkte. Die blauen Rauchschwaden, die der HSV-Anhang beim DFB-Pokalspiel in Chemnitz auf die Reise geschickt hat, werden ein juristisches Nachspiel haben. Der Verband, so viel ist sicher, wird eine Geldstrafe für die Pyrotechnik verhängen.