Die unwahrscheinliche Karriere der Bibiana Steinhaus

Bibiana Steinhaus beendet ihre Karriere als Schiedsrichterin. Damit endet auch die Ära einer Pionierin, die die Bundesliga auf die ihr eigene so unaufgeregte Weise geprägt hat. Nun bleibt nur zu hoffen, dass sie auch andere junge Frauen und Mädchen inspiriert hat, in ihre Fussstapfen zu treten. Entgegen aller Widrigkeiten.

Ein Freund ihres Vaters, der ebenfalls Schiedsrichter war, überredet Steinhaus als Jugendliche doch mal einen Kurs zu machen. Als sie ihr erstes Spiel leitet, sieht er laut "SZ": "So ein Talent hast du einmal in hundert Jahren." Von diesem Tag an startet Steinhaus durch.
Bis 2007 pfeift sie in der Regionalliga Spiele der Herren, erarbeitet sich einen Namen und vor allem Respekt. Bald wissen auch die Spieler: Steinhaus braucht man nicht blöd kommen, sie ist furchtlos und hat eine gute Ansprache.
Ab 2003 wird Steinhaus in der 2. Bundesliga als Schiedsrichterassistentin eingesetzt.
Am 21. September 2007 folgt dann endlich Steinhaus erstes Spiel als leitende Schiedsrichterin im männlichen Profifussball: Paderborn gegen Hoffenheim. Die Medien überschlagen sich schon damals. "Es war einfach verrückt", sagt Steinhaus in der "Süddeutschen Zeitung. "Wie ein Naturspektakel."
Der Besuch im "aktuellen Sportstudio" danach darf natürlich auch nicht fehlen. Steinhaus ist eine gefragte Gesprächspartnerin in diesen Tagen.
Neben ihrer Tätigkeit als Schiedsrichterin arbeitet Bibiana Steinhaus hauptberuflich als Polizistin in Niedersachsen. Zwei Jobs, die sich ergänzen, findet sie. In beiden Jobs gehe es darum "Entscheidungen zu treffen und Entscheidungen zu kommunizieren", erklärt sie im Interview mit der "Welt".
Bibiana Steinhaus ist keine zimperliche Schiedsrichterin. Sie lässt ein Spiel lieber laufen, will den Spielfluss so wenig wie möglich unterbinden. Doch wenn Szenen aus dem Ruder laufen, schreckt sie auch die Konfrontation nicht. Meistens gelingt es ihr, Spieler bei Rudelbildungen schnell zu beruhigen. Das bringt ihr viel Lob ein.
2010 hat dann auch endlich mal der Boulevard etwas über Steinhaus zu schreiben. Im Spiel zwischen Hertha BSC und Alemannia Aachen, will Peter Niemeyer Steinhaus auf die Schulter klopfen und erwischt aus Versehen ihre Brust! Sogar international wird berichtet. Steinhaus nimmt es gelassen: "Das war weder für ihn noch für mich eine aussergewöhnliche Situation. Ich denke, da kann man es mit einem Augenzwinkern belassen." Auch das bringt Pluspunkte.
2011 pfeift Bibiana Steinhaus auch bei der Frauen-WM in Deutschland. Drei Spiele leitet sie insgesamt, darunter auch das Endspiel zwischen Japan und den USA.
Der Aufstieg in die erste Liga lässt auf sich warten. Assistieren darf Steinhaus, doch noch kein Spiel leiten. Der DFB behauptet lange, andere wären einfach besser. 2016 kommt jedoch einen geheime Liste ans Licht: Steinhaus steht nach Noten auf Platz eins der Zweitligaschiedsrichter. Der Druck auf den DFB wächst.
Doch Steinhaus geht ihren Weg unbeirrt weiter. Ist gern gesehener Gast auf Events (hier mit ihrem damaligen Lebensgefährten Stefan Kiefer), wird geschätzt. Doch das reicht ihr nicht.
2015 wird Bibiana Steinhaus vom Düsseldorfer Kerem Demirbay sexistisch beleidigt: Eine Frau habe nichts auf dem Fussballplatz zu suchen. Er wird für vier Spiele gesperrt und entschuldigt sich telefonisch bei Steinhaus. Die ist nicht nachtragend, findet sie doch die "Strafe" des Vereins für Demirbay viel ärgerlicher: Der Spieler musste ein Mädchenfussballspiel als Schiedsrichter leiten. "Wieso ist ein Spiel zu leiten eine Strafe?", fragt Steinhaus danach.
Auch der damalige Bayern-Trainer Pep Guardiola verhält sich gegenüber Steinhaus 2015 nicht korrekt, fasst sie immer wieder an. Sie schüttelt ihn ab, bleibt cool. Männliche Kollegen wären da wohl schon längst aus der Haut gefahren.
In der Saison 2016/17 erwischt Bibiana Steinhaus im Spiel zwischen 1860 München und dem FC St. Pauli einen schwarzen Tag. Sie gibt einen diskussionswürdigen Elfmeter für Pauli und verwehrt den Löwen im Gegenzug einen Strafstoss. Steinhaus hadert mit sich. Hat der DFB nun wieder eine Grundlage, um ihr den Aufstieg zu verwehren?
Doch sie muss nicht mehr lange auf die Erlösung warten: Der DFB erkennt ihre Leistung endlich an und befördert sie in die Bundesliga. Am 21. September 2017 pfeift Bibiana Steinhaus endlich ihre erste Partie als Erstligaschiedsrichterin: Hertha BSC gegen Werder Bremen.
Sie agiert souverän, lässt sich von dem Medienecho nicht verrückt machen und bleibt ihrem Credo treu: "Auch wenn das jetzt vielleicht platt klingt, aber ich möchte jedes anstehende Spiel gut leiten", so erklärte sie kürzlich. "Denn jedes Spiel hat den bestmöglichen Spielleiter verdient. Mein Antrieb ist, sich immer noch weiterentwickeln zu können und die Möglichkeit wird mir in jedem Spiel geboten."
Als Grund für ihre Entscheidung gibt sie private Gründe an. Seit vier Jahren ist Steinhaus mit dem ehemaligen englischen FIFA-Referee Howard Webb liiert, der in New York lebt. Es lässt sich erahnen, dass sie künftig mehr Zeit mit ihrem Partner verbringen möchte.
DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich dankt ihr zum Abschied: "Ihr gebühren höchste Anerkennung für das, was sie erreicht hat." Steinhaus sei "eine absolute Bereicherung für den Fussball, sowohl von ihrer Art, die Spiele zu leiten, als auch im persönlichen Umgang". Das kann man wohl so sagen.