Kurz nach der Wende erlebte die Fussballwelt erstmals, was Dynamo-Fans in Dresden unter der gerade erst gewonnenen Freiheit verstehen: Das Europapokal-Spiel 1991 gegen Roter Stern Belgrad musste wegen schwerer Fan-Ausschreitungen vorzeitig abgebrochen werden. Anschliessend wurde Dynamo Dresden für zwei Europapokal-Spielzeiten gesperrt.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk
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Seitdem reihte sich eine Auseinandersetzung an die nächste. Der aktuelle Tiefpunkt: Am Wochenende kam es nach dem Aufstieg in die 2. Liga zu einer Strassenschlacht mit der Polizei. Die Bilanz: elf verletzte Beamte, 30 Festnahmen und mindestens ein Dutzend demolierte Einsatzwagen. Die Aufstiegsfreude: dem Mob geopfert.

Dynamo Dresden: Aufstiegsfest wird von Gewaltexzessen überschattet

"Es hätte ein Freudenfest werden können und es endete im Chaos", schreibt der Sportbuzzer in seiner Lokalausgabe. "Der Wiederaufstieg von Dynamo Dresden in die 2. Fussball-Bundesliga wird überschattet von Gewaltexzessen der Fans. Nun steht Aufarbeitung an." Aber wird eine Aufarbeitung reichen? Was heisst das überhaupt?

Das Wort "Aufarbeitung" wird gerne verwendet, wenn die Verantwortlichen hilflos sind. Dabei ist die Sachlage eindeutig: 500 gewaltbereite Fans haben nicht zum ersten Mal ihr persönliches Interesse über das des Vereins gestellt. Im Grunde sind diese Leute keine echten Fans: Denn mit ihrem Verhalten ziehen sie die Farben des Vereins in den Dreck.

Dynamo Dresden kann seit Jahren nicht verhindern, dass sogenannte Fans in ihrem Namen Krawall suchen. Massnahmen wären aus einem ganz anderen Grund wichtig: Die Mehrheit sieht mit Schaudern, wie ihr Traditionsklub unter der Minderheit leidet. 2017 landete im Pokalspiel gegen RB Leipzig ein abgetrennter Bullenkopf im Innenraum.

Verein sollte für zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen aufkommen

So gerät der deutsche Fussball ins Dilemma. Einerseits will niemand Dynamo Dresden an der Rückkehr in die 2. Liga hindern. Andererseits muss der Staat für die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen aufkommen, die bei Gastspielen in den Zweitliga-Städten unausweichlich sind. Das ist in Corona-Zeiten keinem normalen Menschen zu erklären.

Man kann hier das Verursacherprinzip anwenden: Solange Dynamo Dresden das Problem nicht löst, sollte der Verein jeden Euro, der über das normale Sicherheitskonzept hinaus ausgegeben werden muss, selbst bezahlen. Der Verein kann und darf sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen: Nur dann ergibt Aufarbeitung Sinn.

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Pit Gottschalk ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de/.
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