Giovanni Trapattoni: Spiele, Sprüche und Stationen

Als sein Vater Francesco starb, war Giovanni Trapattoni erst 18 Jahre alt und wollte mit dem Fussballspielen aufhören, um fortan die Familie zu ernähren. Wie gut, dass der AC Mailand ihm genug Geld gab, um das zu verhindern. Eine grosse Karriere nahm Fahrt auf. Eine Zeitreise.

Giovanni Trapattoni, links, mit der Nummer sechs, spielt 17 Mal für Italien, nimmt an der WM 1962 in Chile teil, jedoch nur als Reservist. Schade, denn einer der Gruppengegner heisst Deutschland. Das Turnier aber gewinnt - wie schon 1958 - Brasilien, mit dem genialen Pelé, hier am Ball. Den meldet Trapattoni ein Jahr später in Mailand derart wirkungsvoll ab, dass Pelé sich nach 25 Minuten auswechseln lässt. Italien gewinnt mit 3:0.
Trapattoni nimmt es auch mit einer anderen Grösse des Fussballs erfolgreich auf. Am 22. Mai 1963 bringt Eusebio, links, im Londoner Wembley-Stadion Benfica Lissabon gegen den AC Mailand zwar in Führung. Doch die Italiener drehen das Endspiel um dem Europapokal der Landesmeister, der heute Champions League heisst. 2:1 für Milan. 41 Jahre später spielt Trap als Trainer Italiens eine EM in Portugal und übernimmt anschliessend für ein Jahr Benfica als Coach.
1994 heuert Giovanni Trapattoni beim besten deutschen Verein an. Der FC Bayern München legt unter dem "Maestro" eine Reihe legendärer Partien hin und beginnt damit gleich im ersten Pflichtspiel. Das Pokal-0:1 in Nürnberg gegen den Drittligisten Vestenbergsgreuth wird live im ZDF übertragen und gerät zum denkbar schlechtesten Einstand für den Erfolgscoach aus Italien.
Im ersten Auswärtsspiel der Bundesliga kommt es noch schlimmer für Trap und seine neue Mannschaft. Underdog SC Freiburg schiesst die Bayern um Starstürmer Jean-Pierre Papin aus Frankreich am 23. August 1994 mit 5:1 aus dem Schwarzwald. Bis heute ist das der höchste Freiburger Sieg über den Rekordmeister. Papin sieht in der 76. Minute die Rote Karte. Der Torschütze des 5:1, Jörg Heinrich, ganz rechts, steht vier Jahre später in Traps Kader beim AC Florenz.
In Frankfurt treffen die Bayern am 15. April 1995 ihrerseits fünf Mal ins Tor. Die gastgebende Eintracht hat beim 2:5 keine Chance. Die ergibt sich aber anschliessend. Niemand auf der Bank der Bayern registriert, dass Trap in der 72. Minute mit Dietmar Hamann den vierten Amateur einwechselt. Das verbieten die damaligen Stauten des DFB. Die Eintracht protestiert und bekommt den Sieg mit 2:0 am Grünen Tisch zugesprochen. Die Bayern sind blamiert.
Noch ein legendäres Bayern-Spiel gegen den SC Freiburg. 10. Mai 1997, Trapattonis zweite Amtszeit in München. Er holt in der 80. Minute Jürgen Klinsmann vom Feld. Beide kennen sich noch aus der gemeinsamen Zeit bei Inter Mailand. Klinsmann, bekennender Kritiker der defensiven Spielausrichtung Trapattonis, platzt der Kragen. Carsten Lakie, rechts, ersetzt den Nationalstürmer und ward hernach in der Liga nicht mehr gesehen.
Klinsmann verlässt stinksauer den Platz ...
... und steuert zielsicher auf eine Werbetonne zu. An ihr lässt Klinsmann die Wut über seine Leistung und die Tatsache ab, ausgewechselt worden zu sein. Der blonde Schwabe verletzt sich dabei sogar leicht. Das Spiel endet 0:0. Die nunmehr einzigartige Werbetonne wandert Jahre später ins Bayern-Museum.
Ein anderer Gegner, der Trap in dessen Karriere gleich zwei Mal ärgert, ist der FC Valencia. Am 10. September 1996 reist Trapattoni mit dem FC Bayern München als amtierender UEFA-Cup-Sieger zum UEFA-Cup-Auftakt nach Valencia. Jürgen Klinsmann, links, und Kollegen scheitern reihenweise an Spaniens Torwart-Legende Andoni Zubizarreta. Nach dem 0:3 gelingt in München nur noch ein 1:0. Die Bayern sind draussen. Mit Red Bull Salzburg scheitert Trap zehn Jahre später beim Versuch, sich für die Champions League zu qualifizieren, an Valencia.
Zeit für Trapattonis berühmten "Anpfiff" auf den beiden kleinen Fingern. Das Pfeifen hat Trap von seinem viel zu früh verstorbenen Vater Francesco gelernt und als erzieherische Massnahme übernommen. Er setzt sie, je nach Spielverlauf, zwischen 15 und 30 Mal ein. Angeblich erreicht Giovanni Lucian Giuseppe, wie Trapattoni mit allen Vornamen heisst, auf diese Weise eine Frequenz von bis zu 10.000 Hertz. Das ist aber nur ein Vorgeschmack auf den 10. März 1998.
Giovanni Trapattoni setzt sich am 10. März 1998 innerhalb von 3:18 Minuten ein Denkmal in Deutschland. In seiner berühmten Wutrede entlädt sich der Zorn des damaligen Trainers des FC Bayern München auf Spieler, die mit den Medien anstatt mit ihm reden, namentlich Thomas Strunz, Mario Basler und Mehmet Scholl. Der "Spiegel" schreibt von einer "Symphonie willkürlich verketteter Silben", auf Italienisch: "Discorso famoso." Die SPD verewigt Traps "Ich habe fertig" auf Plakaten im Bundestagswahlkampf 1998, den Bundeskanzler Helmut Kohl verliert.
Trapattoni hat mit seiner Wutrede den Nerv der Fans getroffen. Der Befreiungsschlag spricht ihnen aus der Seele. Ablesbar ist das vier Tage später an einem Transparent in der berühmten Südkurve während des Heimspiels gegen den VfL Bochum. Es endet jedoch nur 0:0. Die Bayern gewinnen zum dritten Mal in Folge in der Bundesliga nicht. Die fans skandieren: "Ausser Olli (Kahn) dürft ihr alle geh'n!" Doch erst 2005 in Lissabon, wo er Benfica zum Titel führt, trifft Trapattoni nach eigener Aussage die besten Fans seiner Karriere.
Auch vor Louis van Gaal gab es in München schon "Feierbiester": Giovanni Trapattoni, Mitte, schmettert anlässlich der Meisterfeier des FC Bayern München auf dem Rathausbalkon am 1. Juni 1997 gemeinsam mit Landsmann und Stürmer Ruggiero Rizzitelli "Volare" ins ARD-Mikrofon Waldemar Hartmans. Lothar Matthäus, Uli Hoeness und Franz Beckenbauer singen und freuen sich mit.
Deutschland hat Giovanni Trapattoni lieb gewonnen, doch die Bayern lassen ihn laufen. Der AC Florenz schlägt zu, die Stadt, aus der Trapattonis Schwiegersohn Jacopo stammt. Trap führt die Fiorentina 1998/99 (hier beim 0:2 in Parma am 31. Oktober 1998) auf Rang drei der Meisterschaft und anschliessend in die Gruppenphase der Champions League.
Traps Traum, Italien zu trainieren, erfüllt sich durch Dino Zoffs Rücktritt nach der EM 2000. Doch Trapattoni ist das Glück nicht hold: skandalöses Achtelfinal-Aus bei der WM 2002 gegen Gastgeber Südkorea, bei der EM 2004 kommt das Aus sogar schon in der Gruppenphase. Als irischer Coach kommt Trap am 1. April 2009 nach Hause zurück und erzielt in der WM-Qualifikation ein 1:1. Auch das Rückspiel geht unentschieden aus, 2:2.
Zu seiner zweiten WM als Coach aber reist Trapattoni nicht. Frankreichs Stürmer Thierry Henry, Kapitän der Equipe Tricolore, hat am 18. November 2009 in Paris etwas dagegen und seine Finger im Spiel. Henry legt in der 103. Minute des entscheidenden Playoffspiels William Gallas das 1:1 auf, das Irland eliminiert. Dabei spielt Henry den Ball zwei Mal mit der Hand. Er gibt es anschliessend auch zu. Zu spät jedoch für Trap und dessen tapfere Iren.
In Irland versammelt Trap Männer um sich, denen er aus alter Verbundenheit vertraut. Mit Liam Brady arbeitete der "Maestro" bereits Anfang der 80er Jahre bei Juventus Turin zusammen, als Irlands Idol Brady sein Spielmacher war. Hier verfolgen beide am 29. Mai 2009 in London das Freundschaftsspiel Irlands gegen Nigeria.
Zu jener meisterlichen Mannschaft von Juventus gehörte auch Marco Tardelli, links, einer, der Italien 1982 im WM-Finale gegen Deutschland zum Titel schoss. Trap installiert ihn in Irland ebenfalls als einen seiner Assistenten. Hier beim Freundschaftsspiel gegen Belgien am 7. Juni 2011 in Lüttich.
Dass Giovanni Trapattoni mit Juventus erst 1985 und nicht schon 1983 den Europapokal der Landesmeister in die Vitrine stellt, hängt mit Felix Magath zusammen. Magath jagt als Regisseur des HSV die Kugel im Endspiel gegen Turin 1983 in den Winkel. 22 Jahre später begrüssen sich Trap und Magath herzlich als Bundesliga-Konkurrenten. Trapattoni ist in Stuttgart einer der Nachfolger Magaths, und Magath bei den Bayern ein später Erbe Traps.
In Stuttgart führt sich Trapattoni im Sommer 2005 stilecht mit den Worten ein: "Ich schon wieder da." Der Klub treibt es auf die Spitze und plakatiert vor der Ausfahrt zum Stadion für alle Autofahrer mit dem Konterfei des neuen Coaches und dem Versprechen: "Wolle Spass, fahre rechts." Mit dem Spass ist es aber nach 20 Bundesligaspielen und einem 0:0 daheim gegen Bremen vorbei. Dabei haben nur die Bayern und Schalke noch weniger Niederlagen (drei) aufzuweisen als der VfB. Der hat aber auch rekordverdächtige zwölf Mal nur Unentschieden gespielt.