Eigentlich sind Ungarns Grenzen coronabedingt geschlossen. Doch nun macht Ministerpräsident Victor Orban ausgerechnet für den Fussball eine Ausnahme. Das dürfte Markus Söder so gar nicht in den Plan passen.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk
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Gib Corona keine Chance: Seit dem 1. September hat Ungarn die Grenzen für einen Monat geschlossen und lässt die Einreise aus dem Ausland nur in Ausnahmefällen und Notsituationen zu. Was ein Ausnahmefall ist, wissen die Fans des FC Bayern seit gestern Nachmittag: Ministerpräsident Victor Orban erlaubt den Stadionbesuch beim Uefa Supercup am 24. September in Budapest. Seine Botschaft: 3.000 Bayern-Fans dürfen wieder Bayern sehen.

Eine Selbstverständlichkeit ist das Besuchsrecht in Ungarn nicht. Daheim in Bayern herrscht Ministerpräsident Markus Söder etwas strenger: Seine CSU gestattet noch immer kein Publikum in der Allianz-Arena. Die Hausherren und ihre Gäste sollen den Corona-Beschränkungen folgen und ausnahmslos wenigen Repräsentanten und den TV-Zuschauern vorspielen. Fair ist das nicht: In Leipzig und Berlin findet die Bundesliga vor grossem Haus statt.

Politisches Kalkül oder berechtigte Vorsicht?

Markus Söder hat, um es ganz klar zu sagen, sehr gute Gründe für seine Zurückhaltung bei Sportereignissen. Er, ein Club-Fan, steht nicht im Verdacht, dem Fussball einen Nachteil verschaffen zu wollen. Trotzdem sind die unterschiedliche Einschätzung der Corona-Gefahr und die daraus gefolgerten Handlungen schwer erklärlich. Das Risiko ist in den einzelnen Regionen in Deutschland nicht signifikant unterschiedlich hoch.

So bleibt der Verdacht im Raum stehen, dass Söder wie sein windiger Kollege Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen Risikominimierung in eigener Sache und damit auf Kosten des Fussballs betreibt: Beide wollen Kanzler werden und müssen jede Nachlässigkeit, die man ihnen bei einem Corona-Ausbruch in ihrem Bundesland nachsagen könnte, vermeiden. Bloss kein Risiko: Die halbe Liga hat sich folglich dem Kampf um die Merkel-Nachfolge zu beugen.

Deutschland unter Folgedruck

Es obliegt jetzt ausgerechnet RB Leipzig zu beweisen, dass 8.500 Zuschauer in einem Stadion mit knapp 42.000 Plätzen nicht die Gesundheit in ganz Sachsen gefährden. Der Red-Bull-Verein, seit Jahren angefeindet, verkörpert zurzeit die grösste Hoffnung, dass ein Stadionbesuch in Deutschland alsbald wieder zum Regelfall wird. RB als Pilotprojekt: Auch für Fans des FC Bayern, von Borussia Dortmund und des FC Schalke. Es sind verrückte Zeiten.

Dass ein paar Tage später Ungarn die Stadiontüren für deutsche Fans öffnet, also jenes EU-Land, das sein gestörtes Demokratie-Verständnis gar nicht mehr verbergen mag, sollte Söder zum Nachdenken bringen. Der Schaden ist wohl grösser, wenn Rechtsausleger Orban Verschwörungstheoretikern in Deutschland neuen Stoff für ihre Hirngespinste zu Corona liefert. "Alles halb so wild", lautet seine Botschaft. Das kann Söder nicht gewollt haben.

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Pit Gottschalk ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fussball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de/.
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