Wann immer die US-Amerikaner im Kriegszustand sind, lassen sie Vertreter der Streitkräfte bei Sportveranstaltungen auftreten und ihren militärischen Gruss auf dem Spielfeld zeigen. Das gesamte Publikum erhebt sich, bevor zum Beispiel NBA-Profis Basketball spielen, und erweisen den Soldaten auf der anderen Seite der Welt Respekt. Ein Zweifel an der Mission kommt nicht auf - und in aller Regel keine Kritik. Patriotismus hin oder her: Für uns Europäer sind diese Momente bei Sport-Events befremdlich.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Nationalspieler Ilkay Gündogan erlebte im Internet Beschimpfungen, als er übers Wochenende einem Instagram-Foto seines früheren Mitspielers Cenk Tosun ein Like gab.

Der türkische Nationalspieler hatte Bilder vom Freitagabend gepostet, als die türkische Mannschaft ihre Freude nach dem Sieg über Albanien politisch auflud: Jeder Spieler zeigte den militärischen Gruss, was als Propaganda für den Vormarsch der Türkei in Nordsyrien gewertet wurde. Inzwischen untersucht die Uefa den Fall.

Gündogans Like ist keine Regierungserklärung

Kaum jemand wollte Gündogan hinterher abnehmen, dass er das Foto nicht militärisch verstanden hat, dass er wie Emre Can den Like-Button allein aus Sympathie zu Tosun drückte, der ein Tor erzielt hatte. Gündogan, Deutscher mit türkischen Wurzeln, gilt als Wiederholungstäter.

2018 belastete sein gemeinsames Foto mit Präsident Erdogan die WM-Vorbereitung. Wie will man ihm glauben, dass er kein politisches Statement abgeben wollte? Vielleicht ist die Antwort eine ganz einfache: Weil er’s gesagt hat.

Erstens kann ihm niemand das Gegenteil beweisen. Zweitens wird von Fussballern zu viel verlangt, wenn sie einerseits als mündige Bürger auftreten und andererseits die politischen Zusammenhänge in aller Tiefe verstehen sollen. Und drittens: So ein Like auf Instagram ist zuallererst ein Fingertipp und keine Regierungserklärung.

Wohl jedem, der sich in den Sozialen Netzwerken bewegt, ist so ein Like schon viel zu schnell unterlaufen. Daraus einen Staatsakt auf Kosten von Gündogan zu konstruieren, geht zu weit.

Der eigentliche Skandal: Die politische Botschaft der türkischen Mannschaft

Hätte Gündogan das Tosun-Foto politisch verstanden, hätte er allein aufgrund der Vorkommnisse von 2018 jeden Disput vermieden und das Like nicht gesetzt; so schlau ist er. Fahrlässigkeit ist vermutlich der grösste Vorwurf, den man ihm jetzt machen kann. Ein Grund zum Durchdrehen ist sein Like jedenfalls nicht. Viel eher steht zu befürchten, dass die nächstbeste Gelegenheit genutzt wurde, alte Ressentiments gegenüber Spielern mit Migrationshintergrund zu bedienen.

Dass die türkische Mannschaft die EM-Qualifikation zu einer politischen Verlautbarung nutzt, ist der eigentliche Skandal und muss Folgen haben. Fussball eignet sich selten für politische Botschaften.

In diesem konkreten Fall wurde kein Unrecht angeprangert, was Milde begründen könnte, sondern Solidarität zum Angriff auf Kurden in Nordsyrien ausgedrückt. Die Uefa ist wieder in einer Situation, wo sie unmissverständlich Haltung und Grenzen definieren muss. Das ist viel wichtiger als ein Gündogan-Like.

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Zu lange haben sich die Deutschen mit dem Gedanken gequält, ob Thomas Müller und Mats Hummels eine Nachspielzeit in der Nationalmannschaft vergönnt sein sollte. Seit Mittwoch weiss man: Man sollte keine Sekunde mehr darauf verschwenden. Es lohnt sich nicht.