Diese Nationalspieler dienten unter Joachim Löw aus

Vor diesem Moment graut jedem Trainer: Einem Spieler sagen zu müssen, dass es für ihn nicht mehr reicht. Jede Kadernominierung für eine WM oder eine EM bringt für Bundestrainer Joachim Löw schlaflose Nächte mit sich, weil er Turnier-Kandidaten aussortieren und daheim lassen muss. Schlimmer ist nur noch, Nationalspieler gänzlich auszusortieren. Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller sind in dieser Reihe nur die jüngsten "Opfer".

Kevin Kuranyi verärgerte den Bundestrainer, weil er während des WM-Qualifikationsspiels gegen Russland im Oktober 2008 in Dortmund noch vor Beginn der zweiten Halbzeit eigenmächtig das Stadion verliess. Löw hatte Kuranyi, 2007 sogar Kapitän der Mannschaft, nicht nominiert. Kuranyi spielte 52-mal für Deutschland und traf 19-mal.
Torsten Frings sortierte Joachim Löw im Januar 2010 aus, da er für die WM in Südafrika nicht mehr mit dem Routinier plante. Frings hatte elf Monate zuvor, bei einem 0:1 gegen Norwegen, zum 79. und letzten Mal das Nationaltrikot getragen. Er fühlte sich von Löw angesichts seiner Verdienste nicht adäquat behandelt.
Auch Frings' Kumpel Michael Ballack stiess die Form seines Abschieds aus der Nationalmannschaft im Juni 2011 sauer auf. Bis zu seiner schweren Knöchelverletzung im englischen Cup-Finale 2010, wenige Wochen vor Beginn der WM in Südafrika, war der "Capitano" unumstrittene Führungsperson der Nationalelf. Das änderte sich während des Turniers, das Ballack auf Krücken nur besuchte. Ballack kehrte nach seinem 98. Einsatz (3. März 2010 gegen Argentinien) nicht mehr in die Mannschaft zurück.
Stefan Kiessling waren trotz konstant starken Trefferquoten in der Bundesliga, deren bester Torschütze er 2013 war, nur sechs Länderspiele vergönnt. Nach der WM 2010, zu der Löw Kiessling mitnahm, verbrachte Kiessling bezüglich seines Status' als Nationalstürmer drei Jahre in einem Schwebezustand zwischen Hoffnung und Frust. Letzten Endes beendete Kiessling das Kapitel im August 2013 genervt selbst.
Für Sandro Wagner erfüllte sich der Traum von der A-Nationalmannschaft spät. Erst mit 29 Jahren debütierte der U-21-Europameister von 2009. In acht A-Länderspielen traf der gebürtige Münchner fünfmal. Auf eine Nominierung für den WM-Kader 2018 aber hoffte Wagner vergebens. Seinen Ärger darüber tat er lautstark kund - und trat im gleichen Atemzug aus der Nationalelf zurück.
Sebastian Rudy galt über Jahre als einer der Lieblinge des Bundestrainers. Joachim Löw schätzte die Vielseitigkeit des "Sechsers", der in Hoffenheim zum Kapitän und Nationalspieler reifte. Bei der WM 2018 holte sich Rudy im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden früh ein mehrfach gebrochenes Nasenbein ab. Dieses blutige Bild wird immer in Erinnerung bleiben. Seit diesem 27. Länderspiel ist Rudy nicht mehr für Deutschland aufgelaufen.
Mario Gomez vom VfB Stuttgart sah nach der WM 2018 für sich keine Perspektive mehr unter Joachim Löw und trat zurück. Der 33-Jährige ist ein klassischer Strafraumstürmer, der mit Flanken gefüttert werden muss. Im neuen System von Löw, das weniger auf Ballbesitz und mehr auf Tempofussball ausgerichtet ist, wäre Gomez mehr oder weniger ein Fremdkörper. Er spielte 78-mal für Deutschland und schoss 31 Tore.
Sami Khedira war das erste prominente "Opfer" des Neubeginns. Schon nach der desolaten WM in Russland teilte Löw dem Weltmeister von 2014 mit, dass er bei der Nominierung künftig andere Spieler bevorzugen werde. Khedira nahm die Entscheidung professionell auf, steht bei Bedarf weiterhin zur Verfügung. Der 31-Jährige kam für die Nationalmannschaft 77-mal zum Einsatz.
Arsenals Mesut Özil ist ein Sonderfall. Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach der WM 2018 hatte aufgrund des Foto-Eklats mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan weniger sportliche Gründe. Özil, der in 92 A-Länderspielen 23-mal ins Tor traf, lehnte ein klärendes Gespräch mit Löw ab.
Für Jerome Boateng dürfte die Ausbootung nicht überraschend kommen. Schon vor den beiden letzten Länderspielen des sportlich völlig verkorksten Jahres 2018 hatte der 30-Jährige von Löw eine Pause verordnet bekommen. Der Bayern-Verteidiger spielte zuletzt zu inkonstant. Zudem wurde er durch zahlreiche Verletzungen immer wieder zurückgeworfen. Boateng kam für die Nationalmannschaft 76-mal zum Einsatz.
Jahrelang galt Mats Hummels als Prototyp des modernen Innenverteidigers: starke Antizipation, exzellentes Kopfballspiel und herausragender Spielaufbau. Doch zuletzt wurden Hummels' Schnelligkeitsdefizite gegen die immer jüngeren und antrittsstärkeren Offensivgegner sichtbarer. Dazu gesellten sich für ihn untypische Konzentrationsfehler. Nach 70 A-Länderspielen beendete Joachim Löw Hummels' DFB-Karriere.
Eine Nationalmannschaft ohne Thomas Müller war mal undenkbar. Doch seit der EM 2016 läuft Müller seiner Topform hinterher. Das einst von Louis van Gaal formulierte Diktum "Müller spielt immer" galt nicht mehr - weder bei Bayern München noch in der Nationalmannschaft. Müllers 100. Länderspiel gegen die Niederlande (2:2) dürfte zugleich sein letztes gewesen sein. Müller, Torschützenkönig der WM 2010, traf im Dress des DFB 38-mal.