Das "Wunder von Bern": "Rahn müsste schiessen" - und er schoss

Neun Jahre nach Endes des Zweiten Weltkriegs wird Deutschland auf einem vom Regen aufgeweichten und schweren Rasen in Bern wiedergeboren. Der Sieg im WM-Endspiel über den haushohen Favoriten Ungarn ist mehr als ein Stück Sportgeschichte. Das liegt auch am unvergessenen Kommentator Herbert Zimmermann.

Fernsehgeräte sind im Sommer 1954 in Deutschland Luxus und deshalb Mangelware. Menschen, die Bilder vom Endspiel um die Weltmeisterschaft in Bern sehen möchten, müssen eng zusammenrücken und erfinderisch sein - wie hier in Stuttgart. Im Radio sorgt Reporter Herbert Zimmermann für eine Sternstunde.
Zuvor jedoch prüft Bundestrainer Sepp Herberger den Zustand des Rasens. Es herrscht das sogenannte "Fritz-Walter-Wetter", also Dauerregen. Die Deutschen haben dank ihres Ausrüsters Adolf Dassler ("adidas") eine Geheimwaffe für besten Halt im Köcher: die weltweit ersten Schraubstollen.
Davon aber lassen sich die Ungarn nicht beeindrucken. Sie haben vor dem Endspiel im Wankdorf-Stadion in Bern seit 1950 31 Länderspiele in Folge nicht verloren und Deutschland schon in der Vorrunde mit 8:3 deklassiert. Nach gutem deutschen Beginn, trifft im Finale Ferenc Puskas, Kapitän des Favoriten, schon in der sechsten Minute zum 1:0.
Nur zwei Minuten später nutzen die Ungarn einen Fehler des deutschen Torwarts Toni Turek, links. Er hält eine Rückgabe Werner Kohlmeyers nicht fest. Zoltan Czibor bedankt sich mit dem Treffer zum 2:0. Zimmermann kommentiert konsterniert: "Was wir befürchtet haben, ist eingetreten."
Die deutsche Mannschaft aber steckt den Schock weg. Sie schlägt nur weitere zwei Minuten zurück. Der Nürnberger Max Morlock rutscht nach einem Schuss Helmut Rahns in den Abpraller.
Ungarns Torwart Gyula Grosics wirft sich Morlock verzweifelt entgegen. Der damals 29-Jährige aber ist schneller am Ball und drückt ihn ins Toreck. Zimmermann atmet am Mikrofon durch: "Gott sei Dank! Es steht nicht mehr 2:0, es steht nur noch 2:1 für Ungarn. Das sollte unserer Elf Mut und Selbstvertrauen geben."
Dieser Mut wird belohnt. In der 18. Minute dieses packenden Endspiels fällt bereits das vierte Tor. Wie schon im Halbfinale gegen Österreich sind auch gegen die Ungarn Deutschlands Eckbälle durch Kapitän Fritz Walter eine gefährliche Waffe. Rahn, Dritter von links, ist zur Stelle, als es zählt. Es steht 2:2.
Auch nach 45 Minuten steht es 2:2. Der Aussenseiter hält gegen die siegessicheren Ungarn erstaunlich gut mit. Zimmermann aber warnt: "Die deutsche Hintermannschaft muss sich vorsehen." Er erzählt aber auch: "Die Pressekollegen waren in der Pause der Auffassung, dass beide Mannschaften gewinnen könnten. Vor dem Spiel tippten sie ausnahmlos auf die Ungarn."
Die wollen die Blamage abwenden und nehmen Tureks Tor unter Beschuss. In diesem Fall versucht sich Sandor Kocsis, ganz links. Der Lauterer Horst Eckel, mit 22 Jahren jüngster deutscher Spieler dieses Finales, kann dem Ball ebenso nur hinterherschauen wie Eckels FCK-Kollege Werner Liebrich, verdeckt. Zimmermann lobt den "quicklebendigen Sturm der Ungarn".
Tureks Vorderleute stemmen sich gegen die Weltklassekicker, können aber nicht alles verhindern. "Ein 20-Meter-Schuss von Bozsik geht 20 Zentimeter über die Querlatte", beschreibt Zimmermann seinen Hörern. Die deutsche Elf übersteht brenzlige Situationen. Turek wächst über sich hinaus. "Toni, Du bist ein Fussballgott!", entfährt es dem begeisterten Reporter.
Und Deutschland hat nicht nur einen Helden im Tor. Ein weiterer stürmt auf Rechtsaussen. Rahn hat bereits zum 2:2 getroffen, und seine Schusskraft ist gefürchtet. In der 84. Minute verliert Bozsik den Ball an Hans Schäfer. Zimmermanns Puls geht hoch: "Schäfer nach innen geflankt, Kopfball, abgewehrt, aus dem Hintergrund müsste Rahn schiessen, Rahn schiesst! Tor! Tor! Tor! Tor!"
Grosics wirft sich vergebens dem Flachschuss Rahns nach. "Tor für Deutschland, Linksschuss von Rahn. Schäfer hat die Flanke nach innen geschlagen, Schäfer hat sich gegen Bozsik durchgesetzt", vollzieht Zimmermann, der Schnappatmung nahe, die Entstehung nach. "3:2 führt Deutschland fünf Minuten vor dem Spielende."
Die Ungarn antworten mit wütenden Angriffen auf den unerwarteten Rückstand. "Wie von der Tarantel gestochen", beschreibt Zimmermann die heraufziehende Gefahr, "lauern die Puszta-Söhne, drehen jetzt den siebten oder zwölften Gang auf - und Kocsis flankt. Puskas abseits. Schuss. Aber nein! Kein Tor! Kein Tor! Kein Tor! Puskas abseits!"
Die Erlösung für die deutschen Fans lässt auf sich warten. "Die Zuschauer gehen mit", freut sich Zimmermann. "Sie feuern unsere Elf an, auch die Schweizer." Aber: "Der Sekundenzeiger wandert so langsam. Wie gebannt starre ich hinüber, geh' doch schneller, geh' doch schneller! Aber er tut es nicht. Er geht mit der Präzision, die ihm vorgeschrieben ist." Doch dann ist das Spiel aus. "Aus! Aus! Aus! Aus!", schreit Zimmermann. "Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!"
Nicht nur auf den Rängen bricht sich der Jubel Bahn. Auf dem Feld umarmt Siegtorschütze Rahn Torwart Turek. Der hat kurz vor Schluss aus drei Metern gegen Czibor gerettet: "Jetzt ein Schuss!", fährt Zimmermann der Schreck in die Glieder. "Gehalten von Toni! Gehalten. Und Puskas, der Major, der grossartige Fussballspieler aus Budapest, er hämmert die Fäuste auf den Boden (...)."
Gerade noch verloren in der Traube jubelnder deutscher Spieler, weiss Puskas, was sich gehört. Trotz tiefster Enttäuschung erweist sich der spätere Star Real Madrids als fairer Verlierer. In seinem Buch "3:2" erinnert sich Fritz Walter an den Moment, als er "an meinen Platz zurückgehen will": "Puskas gratuliert mir in guter sportlicher Haltung zur Weltmeisterschaft."
Nachdem Fritz Walter den Weltpokal von FIFA-Präsident Jules Rimet empfangen und "seinen zehn Mitspielern", wie Zimmermann schildert, "präsentiert" hat, erklingt Deutschlands Nationalhymne. Gesungen wird die erste Strophe, "weil die dritte kaum einer konnte", so Zimmermanns Kollege Rudi Michel 2004 in seinem Buch "Deutschland ist Weltmeister!" Die dritte Strophe ist erst seit November 1953 offiziell deutscher Hymnentext.
"Rauschender Beifall und Jubelschreie haben nichts mit nationalistischen Empfindungen zu tun", erklärt Michel, der später selbst zur Reporter-Legende wird, in seinem Buch. "Bis dahin kaum gekannte Glücksgefühle waren nach diesem Ereignis wohl verständlich und berechtigt." Freudetrunkene Zuschauer tragen Walter und Horst Eckel auf ihren Schultern.
Sepp Herberger, lehnt den Pokal ab, als Walter, rechts, ihn dem Bundestrainer überreichen will: "Behalten Sie ihn", sagt Herberger, "der gehört Ihnen und der Mannschaft." Auf die Schultern lässt sich Herberger von der Menge trotzdem heben. "Fritz, wer hätte gedacht, dass wir das heute noch erleben dürfen?"