Das katastrophale Jahr der britischen Royals

Die britische Monarchie hat zweifellos ein schwieriges Jahr hinter sich. Manche sprechen sogar von einem zweiten "annus horribilis". Ein Rückblick.

Das Jahr 2019 hat für die britischen Royals mit einem Schock begonnen: Im Januar ist Prinz Philip an einem Autounfall in Sandringham beteiligt. Er sitzt selbst am Steuer, als sein Land Rover mit einem anderen Fahrzeug kollidiert und sich überschlägt. Wie durch ein Wunder bleibt der 98-Jährige unverletzt, zwei Frauen aus dem anderen Unfallauto müssen jedoch im Krankenhaus mit leichten Verletzungen behandelt werden.
Prinz Philip gibt der Polizei später zu Protokoll, er sei von der Sonne geblendet worden. Der Zwischenfall löst in Grossbritannien eine generelle Debatte über Senioren mit Führerschein aus. Rechtliche Konsequenzen hat der Vorfall für den Prinzen zwar nicht, jedoch wird der Royal scharf dafür kritisiert, dass er sich bei den Unfallopfern weder nach ihrem Befinden erkundigt noch entschuldigt hat. Erst mit Verspätung zeigt er sich in einem Brief reumütig.
Das Verhalten des 98-Jährigen lässt sich vielleicht auch damit erklären, dass er Augenzeugen zufolge nach dem Crash unter Schock stand. Besonders lange steckte ihm dieser jedoch nicht in den Gliedern: Nur wenige Tage nach dem Unfall wird er erneut am Steuer seines Geländewagens gesichtet – ohne angelegten Gurt, was die Führerscheindebatte weiter befeuert. Nach einigen Wochen gibt Philip seinen Führerschein schliesslich widerwillig ab.
Im Juni gibt der Palast bekannt, dass Harry und Meghan ihr soziales Engagement künftig stärker von William und Kate trennen wollen und dafür eine eigene Stiftung gründen werden. Der Schritt wird als weiterer Hinweis für eine Entfremdung der Brüder interpretiert, für die Kate und vor allem Meghan von der Presse verantwortlich gemacht werden.
Schon zuvor gab es Indizien für den Bruderzwist, beispielsweise der Umzug von Harry und Meghan im Frühjahr. Bis dahin lebten sie mit William und Kate Tür an Tür im Kensington Palace, fortan bewohnen sie ein Cottage in Windsor. Auch die Social-Media-Auftritte der beiden Paare wurden plötzlich getrennt – seitdem ist Familie Sussex nur noch auf Instagram vertreten.
Nach monatelangen Spekulationen über das abgekühlte Verhältnis der blaublütigen Brüder räumt Prinz Harry in einer Dokumentation des britischen Senders ITV schliesslich ein angespanntes Verhältnis zu William ein. Momentan befänden sie sich auf unterschiedlichen Pfaden. "Es passieren unweigerlich Dinge, aber wir sind Brüder. Wir werden immer Brüder sein." Er liebe William sehr, aber "als Brüder hat man gute und schlechte Tage", so Harry.
Die TV-Doku, die bei Harrys und Meghans Südafrikareise entstand, sorgte auch darüber hinaus für Aufregung. Die Herzogin spricht darin offen über ihre Probleme mit den teils sehr kritischen Medienberichten und bestätigt, dass die vergangenen zwei Jahre "wirklich ein Kampf" für sie gewesen seien. Auf die Frage, wie sie mit dem Druck fertig werde, erklärt Meghan: "Danke für die Frage, denn nicht viele Leute haben gefragt, ob es mir gut geht. Aber es ist eine sehr reale Sache, mit der man hinter den Kulissen umgehen muss."
Auch für die hohen Sanierungskosten ihres neuen Zuhauses, dem alten Gebäude Frogmore Cottage, steht das Paar in der Kritik. Die umweltschädliche Nutzung von Privatjets wird ihnen - mitten in den Klima-Debatten - ebenfalls vorgehalten. Prinz William und seine Kate punkten dagegen in den Medien, weil sie Linienflüge nutzen und dadurch weniger das Klima schädigen.
Für das britische Königshaus sollte es in diesem Jahr aber noch schlimmer kommen. Prinz Andrew, der zweite Sohn von Königin Elizabeth, gerät immer tiefer in den Skandal um den verstorbenen US-Multimillionär Jeffrey Epstein. Dieser soll Dutzende minderjährige Frauen missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben. Bis heute ist unklar, was der lange Zeit mit Epstein befreunde Andrew darüber wusste – und ob er nicht gar selbst zum Täter wurde.
Eines der Opfer von Epstein, die US-Amerikanerin Virginia Giuffre, behauptet, als Minderjährige in den Jahren 2001 und 2002 dreimal zum Sex mit dem Prinzen gezwungen worden zu sein. Andrew, der als Lieblingssohn von Königin Elizabeth II. gilt, streitet die Vorwürfe ab. Ein Foto, das ihn mit der damals 17 Jahre alten Giuffre zeigt, will der Prinz nicht wiedererkennen.
Im November wagt Prinz Andrew die Flucht nach vorne und lässt sich auf ein TV-Interview zur Epstein-Affäre ein. Doch was dazu gedacht ist, seinen Ruf wiederherzustellen, schlägt gründlich fehl. Tatsächlich lässt das Interview den 59-Jährigen in noch schlechterem Licht erscheinen, Experten sprechen von einer "PR-Katastrophe" für das Königshaus.
Andrew verspricht, den Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung im Fall Epstein zu helfen. Momentan wirft ihm auch in den USA keine Behörde offiziell Fehlverhalten vor. Ob das auch so bleibt, ist allerdings fraglich. Der BBC zufolge muss der Royal bei künftigen Reisen in die USA jedenfalls mit Vorladungen zur Zeugenaussage rechnen. Entsprechende Anträge seien von fünf Epstein-Opfern gestellt worden.
"Es war ein katastrophales Jahr", urteilt die Royal-Expertin und Autorin Penny Junor im Rückblick. In der britischen Boulevardpresse gilt 2019 bereits als schlimmstes Jahr seit 1992. Damals trennten sich Charles und Diana öffentlich, sowohl Prinz Andrew als auch Prinzessin Anne liessen sich scheiden und bei einem Brand wurden Teile von Windsor Castle zerstört. In ihrem hohen Alter von 93 Jahren musste Königin Elizabeth II. nun ein zweites "annus horribilis" erleben, wie sie das Jahr 1992 damals in einer Ansprache selbst nannte. Aus ihrer Sicht kann das neue Jahr wohl nur besser werden.