ESC 2019: Viel Gefühl und schiefe Töne

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Von
Julia Wolfer

Die Spannung beim Eurovision Song Contest 2019 war bis zuletzt gross - auch wenn dann doch der haushohe Favorit siegt. Superstar Madonna legte indes keinen siegreichen Auftritt hin. Die ganze Show in Bildern.

Pünktlich um 21:00 Uhr (MESZ) landeten die Kandidaten aus 26 Ländern im multinationalen Paralleluniversum namens Eurovision Song Contest, diesmal in Israel verortet. Trotz aller Proteste vor der Show in Tel Aviv ging der ESC 2019 ohne besondere Vorkommnisse glatt über die Bühne.
Früher hat es gereicht, Desiree Nosbusch auf die Bühne zu stellen. Heute muss der ESC von mindestens vier Moderatoren betreut werden. Bis auf die rechte der beiden Damen dürften diese ausserhalb der israelischen Landesgrenzen allerdings weitgehend unbekannt sein (v.li.): Assi Azar, Lucy Ayoub, ESC-Siegerin Netta (M.), Bar Refaeli und Erez Tal.
Malta - Michela mit "Chameleon": Weisse Jeansjacke mit Ärmeln aus Klarsichtfolie, Tennissocken bis übers Knie plus Bestrahlung in Gelb, Pink, Grün - optisch ist "Chameleon" anspruchsvoll. Textlich dafür umso weniger: "Chame chameleon Yalla yalla yalla la la la". Endergebnis: Platz 16
Albanien - Jonida Maliqi mit "Ktheju tokës": Lassen Sie sich nicht täuschen: Sie sehen Albanien, nicht Spanien. Wie das Flamenco-Kleid zur Balkanballade kam, wird immer ein Geheimnis bleiben. Aber es geht ja auch ums Lied und nicht um die Optik, und das ist höchst politisch: Jonida Maliqis "Ktheju tokës" handelt von Flucht und Migration. Endergebnis: Platz 18
Tschechien - Lake Malawi mit "Friend Of A Friend": Ein poppiger Rückfall in die späten 1980er-Jahre. Wäre Frontmann Albert Cerny tatsächlich 30 Jahre früher geboren, man hätte ihn beim "Traumtelefon" mitspielen lassen. Endergebnis: Platz 11
Deutschland - S!sters mit "Sister": Man ist da einiges gewohnt in Deutschland. Grosse Chancen rechnet sich traditionell niemand aus. Das ausgegebene Motto des Abends lautete daher: Kann Deutschland beim ESC mehr Punkte holen als Nürnberg in der Bundesliga (19)? Es kann! Endergebnis: Platz 24 (mit 32 Punkten).
Russland - Sergey Lazarev mit "Scream": Russlands Sergey Lazarev duscht noch schnell auf der Bühne. Aber die Beiläufigkeit täuscht: Kein anderes Land nimmt den ESC so ernst wie Russland. Dafür holen die wirklich alles auf die Bühne: Duschkabinen, acht digitale Sergey-Klone, Gezeitenstürme. Endergebnis: Platz 3
Dänemark - Leonora mit "Love Is Forever": Das harmloseste Lied an diesem Abend spendiert Dänemark. Es ist so nett, dass es ein bisschen aggressiv macht. Das vielleicht interessanteste an diesem Beitrag ist ein XXL-Stuhl auf der Bühne und die Frisur des Typen rechts an der Stuhlkante. Endergebnis: Platz 12
San Marino - Serhat mit "Say Na Na Na": Willkommen in den 1990ern, San Marino! Für die Ankunft im vorletzten Jahrzehnt ist der türkische Zahnarzt Serhat verantwortlich. Er beweist: Man alles erreichen, wenn man es nur genug will – auch ganz ohne Talent. Ralph Siegel wäscht seine Hände diesmal in Unschuld. Endergebnis: Platz 20
Nordmazedonien - Tamara Todevska mit "Proud". Tamara Todevska schreit mit Leibeskräften gegen die einschläfernde Wirkung ihrer Ballade "Proud" an. Bei den Länderjurys kommt das an: Sie wählen Nordmazedonien an die Spitze. Nur die Zuschauervotings können das noch verhindern. Endergebnis: Platz 8
Schweden - John Lundvik mit "Too Late For Love": Der traditionelle Konsens-Kandidat aus Schweden. Diesmal geht das Land aber mal ganz neue Wege: Nicht der eigene Erfolgsbeitrag aus dem Vorjahr wird kopiert, sondern der von Österreich. Das Konzep geht auf. Endergebnis: Platz 6
Slowenien - Zala Kralj & Gasper Santl mit "Sebi": Für Slowenien stehen Zala Kralj & Gasper Santl auf der ESC-Bühne – und das ist durchaus wörtlich gemeint: Sie stehen, Bewegungsdrang ist nicht erkennbar. Der Song der beiden halbsedierten Teenager, "Sebi" (deutsch: Selbst) handelt davon, eigene Fehler und Schwächen zu akzeptieren. In ihrem Fall betrifft das ganz generell die Motorik. Endergebnis: Platz 13
Zypern: Tamta mit "Replay": Zypern macht nur beim Outfit halbe Sachen. Tamta ist ein Megastar in Griechenland, Produzent, Songwriter und Choreografin sind die gleichen wie im Vorjahr (Platz 2). Ausserdem kursiert das Gerücht, sie sei das uneheliche Kind von Madonna und Lady Gaga. Beste Gene also! Endergebnis: Platz 15
Niederlande - Duncan Laurence mit "Arcade": Chris Martin … äh … Duncan Laurence galt von vornherein als Topfavorit und konnte das im Finale bestätigen - und das (anders als im Video) sogar angezogen! Endergebnis: Platz 1
Griechenland - Katerine Duska mit "Better Love": Griechenland liefert das Baisertörtchen des diesjährigen ESC. Viel Pastell, massenhaft Rüschen und Tüll und Blümchendeko. Einzig der Degenkampf der Backgroundtänzerinnen fiel etwas aus dem Rahmen - verletzt wurde glücklicherweise niemand. Endergebnis: Platz 21
Israel - Kobi Marimi mit "Home": Die Zuschauer haben wohl dank DSDS oder "Supertalent" genug von Tränendrüsen-Storys, jedenfalls hat Israel die tragische Hintergrundgeschichte (er war mal dick, dann hat er abgenommen, seitdem glaubt er an sich) nichts genutzt. Endergebnis: Platz 23
Norwegen - KEiiNO mit "Spirit In The Sky": Norwegen ist musikalisch etwas auf Abwege geraten: "Spirit In The Sky" ist ein Mix aus Polarkreis 18, Seemannssound und samischem Traditionsgejodel. Ergo: Da ist wirklich alles dabei! Scheusslich ist es natürlich trotzdem, aber das muss wohl so. Endergebnis: Platz 5
Grossbritannien - Michael Rice mit "Bigger Than Us": Wäre natürlich irgendwie lustig gewesen, wenn Grossbritannien ausgerechnet im (mutmasslichen) Jahr des Brexit den ESC nach Hause holen würde. Aber daraus wurde (wie auch aus dem Brexit) nichts. Endergebnis: letzter Platz.
Island - Hatari mit "Hatrið mun sigra": Island hat einem illegalen Experiment Rammstein mit Depeche Mode gekreuzt, das Ergebnis in eine Sadomaso-Kluft gesteckt und nennt es nun Hatari. Auf vielen Ebenen verstörend. Endergebnis: Platz 10
Estland - Victor Crone mit "Storm": Der obligatorische Schweden-Hottie singt in diesem Jahr für Estland. Gehüllt in eine Hasselhoff-Schmuserocker-Lederjacke kann er europaweit Frauenherzen zum Schmelzen bringen. Für den Einsturz der Berliner Mauer hätte es aber wohl nicht gereicht. Endergebnis: Platz 19