Wie "Der Bachelor", nur umgekehrt: In der neuen RTL-Show "Temptation Island" testen Paare auf einer Insel die Treue ihrer Partner. Auch wenn die Auftaktfolge am Mittwochabend noch vergleichsweise harmlos ausging, hat die Show alle Trash-Zutaten für eine intellektuelle Eskalation beisammen.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

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"Der Bachelor", "Die Bachelorette", "Bachelor in Paradise", "Take me out", "Love Island" und natürlich die Nackten von "Adam sucht Eva": Die RTL-Gruppe scheint seit einiger Zeit ihr Herz für Singles entdeckt zu haben. Wohl kaum ein anderer Sender ist gerade derart umtriebig, wenn es um Partnervermittlungsfernsehen geht, wie die Kölner.

Doch je gesättigter der Markt, desto mehr muss man sich umgucken, um eine Wendung zu finden, die man noch nicht in irgendeiner Show hatte. RTL hat sich umgeguckt und "Temptation Island" gefunden. Das aus den USA stammende Format läuft inzwischen weltweit und funktioniert nach dem Grundschema aller Datingshows: Man steckt Mann und Frau zusammen in eine Luxus-Villa und guckt, was passiert.

Die neue Wendung bei "Temptation Island" besteht lediglich darin, dass hier nicht verkuppelt werden soll. Der Unterhaltungswert soll stattdessen darin liegen, dabei zuzusehen, wie ein Paar eventuell wieder auseinander geht. Oder wie es Giulie in der deutschen Auftaktfolge erklärt: "Der Reiz für mich: Wenn er seine Freundin für mich verlässt, das wär natürlich der ideale Fall."

"Temptation Island": "Ist das wirklich für die Zukunft gedacht?"

Was genau Giulie damit meint, erklärt ein Blick ins Regelwerk der Show: Vier Paare trennen sich für zwei Wochen und beziehen jeweils eine Luxus-Villa auf einer sommerlichen Insel. Die restlichen Zimmer der Anwesen werden mit jeweils elf "sexy Singlemännern" und elf "sexy Singleladys" aufgeschüttet, um die Liierten unter RTL-Laborbedingungen in Versuchung zu führen.

Die erste Frage, die dem Zuschauer dazu einfällt: Warum? RTLs Begründung wird vermutlich lauten: Weil es funktioniert hat. Die der Kandidaten fällt hingegen etwas anders aus. Für Fabian beispielsweise ist die Show ein Test, um herauszufinden, ob er wirklich mit seiner Freundin Ziania nach Mexiko auswandern soll: "Die Sendung gibt uns die Möglichkeit, zu schauen, ob das dann wirklich so passt, dass man sagen kann: 'Okay, das ist wirklich für die Zukunft gedacht.'"

Natürlich hätte man für einen solchen Test auch den grossen Partnerschaftstest in der "Brigitte" oder der "Cosmopolitan" machen können, die Aussagekraft wäre jedenfalls nicht geringer ausgefallen. Aber da wären natürlich keine zwei Wochen Gratis-Urlaub dabei gewesen.

Die meisten der vier Paare sind sich jedenfalls sicher, dass so eine "Insel der Versuchung" nicht an der gegenseitigen Zuneigung rütteln kann. Salvatore und Christina hingegen haben bereits Probleme, eine gemeinsame Definition von "fremdgehen" zu finden – ein Dilemma, das offenbar bereits in der Vergangenheit wegen Salvatores Umtriebigkeit Thema war. Der stellt aber trotzdem eine optimistische Prognose für die zwei Wochen aus: "Ich werde treu bleiben. 100 Prozent. Ich lass' es auf mich zukommen."

Kondome liegen schon bereit

Die Verführerinen (v.l.) Patrizia, Janina, Tabea, Michelle, Jenni, Maria, Nicole, Giulie, Maryana, Vasfije und Anastasiya.

Kaum ausgesprochen, läuft auch schon die erste Single-Parade vor den Augen der Paare ein und die "Verführerinnen und Verführer" sehen in der Regel aus, als würden sie im Cast von "Berlin - Tag & Nacht" nicht gross auffallen. Ihre Zeit vertreiben sich die Singles als Barkeeper oder Student oder auch als "Barkeeperin und hauptberuflich Studentin", wie besagte Giulie erzählt.

Moderatorin Angela Finger-Erben peppt nach dem Einzug die überschaubaren Grundregeln noch mit Fragen an die Kandidaten auf wie "Wen findest du auf den ersten Blick am hottesten?", es werden Blumenkränze hin und her gereicht und erste Dates ausgemacht. Dann ziehen sich die Kandidaten in ihre jeweiligen Villen zum Zeitvertreib zurück.

Der sieht dann so aus, wie man ihn von vielen anderen Dating-Shows kennt: Man lümmelt am Pool herum, trinkt ein Likörchen und präsentiert sich gegenseitig die sekundären Geschlechtsmerkmale. Auch die Gespräche fügen sich intellektuell reibungslos in die ähnlicher Formate ein.

Als die Single-Damen zum Beispiel die von der Produktionsfirma bereitgelegten Kondome entdecken, kommt "Verführerin" Maria folgender Satz in den Kopf: "Weisst du, wie viele ihr habt? Die könnt ihr gar nicht verbrauchen. Ausser, ihr bumst jede von uns zweimal jede Nacht." Ja, ein gutes RTL-Datingshow-Gespräch springt eben nicht höher, als es muss.

Christina ahnt Übles

Auch ansonsten operiert "Temptation Island" in Folge eins weitgehend in einem intellektuellen toten Winkel. Es geht um einfachste menschliche Emotionen: Wut, Rache, Neid, Eifersucht, Liebe und alles, was daraus entstehen kann.

Um das festzuhalten, löst RTL mit allerlei Kniffen ebenjene Impulse aus und dokumentiert dann fein säuberlich zusammengeschnitten jede Makro- und Mikro-Geste oder -Mimik der Kandidaten in der Hoffnung, dass daraus etwas Unterhaltsames entsteht. Am Ende jeder Folge bekommen die vier Paare dann getrennt voneinander präsentiert, was der jeweilige Partner denn so in der Zwischenzeit getrieben hat.

Natürlich sucht die Produktionsfirma hier nicht unbedingt die Szenen aus, die die Kandidaten in Sicherheit wiegen, im Gegenteil. In der Auftaktfolge ist in puncto Untreue allerdings noch nicht sonderlich viel passiert. Nur Christina ist bei den ersten Bildern ihres Salvatore etwas schockiert: "Mir haben seine Blicke nicht gefallen", erklärt die Blondine den Tränen nahe und prophezeit: "Das ist das erste Video. Es könnte noch ganz schlimm werden." Wir haben die Befürchtung, dass sie damit nicht ganz falsch liegen wird.

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