Während grössere Einzelhändler mehrheitlich gute Geschäfte machen, leiden kleinere Fachhändler massiv unter der Konkurrenz aus dem Internet. Rund 50 000 Läden könnten nach einer Prognose des Handelsverbandes Deutschland innerhalb von fünf Jahren verschwinden.

Der deutsche Einzelhandel wird immer mehr zur Zweiklassengesellschaft. Bei den meisten grösseren Handelsketten klingeln dank der guten Konsumstimmung in Deutschland derzeit die Kassen.

An vielen kleinen Fachhändlern geht die Kauflust der Bundesbürger dagegen spurlos vorbei. Sie leiden massiv unter der wachsenden Konkurrenz des Online-Handels.

"Die Schere zwischen Gross und Klein geht im Einzelhandel immer weiter auseinander", fasste HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth am Dienstag das Ergebnis einer aktuellen Branchenumfrage des Handelsverbandes zusammen.

Der Einzelhandel befinde sich in einem "massiven Strukturwandel", wie er in kaum einer anderen Branche zu beobachten sei.

50.000 Länden verschwinden

Nach einer Prognose des Handelsverbandes Deutschland (HDE) dürften rund 50.000 Läden zwischen 2015 und 2020 vom Markt verschwinden. Wichtigster Auslöser dafür ist Genth zufolge das Internet.

Wozu die Assistenzsysteme von Amazon, Google und Co. gut sind.


Dabei laufen die Geschäfte im deutschen Einzelhandel in diesem Jahr dank steigender Einkommen vieler Menschen und einer Rekord-Erwerbstätigkeit eigentlich bislang besser als erwartet.

Der HDE erhöhte am Dienstag sogar seine Wachstumsprognose für das Gesamtjahr. Er rechnet nun für 2017 mit einem Einzelhandels-Umsatz von 501 Milliarden Euro - ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bisher war der Branchenverband lediglich von einem Umsatzzuwachs von zwei Prozent ausgegangen.

Doch kommt das Wachstum nicht überall an. Vor allem grössere Handelsunternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten profitieren von der Kauflust der Bundesbürger. An kleineren Unternehmen geht das Wachstum dagegen oft vorbei.

Das hat vor allem einen Grund: den Boom des Online-Handels. Er ist nach wie vor der grösste Wachstumstreiber in der Branche. Die Umsätze im Internet dürften nach HDE-Schätzungen in diesem Jahr erneut um rund 10 Prozent auf 48,7 Milliarden Euro wachsen.

Kleine können nicht mithalten

Grosse Handelsketten vom Schuhhändler Deichmann über den Modeanbieter H&M bis zu den Elektronikketten Media Markt und Saturn haben daraus längst die Konsequenzen gezogen und haben Millionen in den Ausbau ihrer Internetpräsenz gesteckt.

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Sie verkaufen ihre Produkte längst parallel im Internet und im Laden - und treffen damit offenbar die Kundenwünsche.

Kleinere Fachhändler können da oft nicht mithalten. Oft fehlen selbst grundlegende Voraussetzungen für ein konkurrenzfähiges Online-Angebot wie etwa ein modernes Warenwirtschaftssystem.

"Weniger investitionsstarke Betriebe fühlen sich vom Wachstumstrend abgehängt, während grosse Unternehmen vom Boom des E-Commerce profitieren", beschreibt Genth die Lage.

Besonders der Modehandel leidet unter der Konkurrenz von Amazon, Zalando und Co.. In der HDE-Umfrage klagten fast die Hälfte der Textilhändler über schlechtere Geschäfte.

Jetzt ist die Lebensmittelbranche dran

Deutlich besser ist bislang die Stimmung im Lebensmittelhandel, wo die überwiegende Zahl der Händler über konstante und bessere Umsätze berichtet.

Kein Wunder eigentlich. Denn hier liegt der Online-Anteil am Branchenumsatz bislang gerade einmal bei gut einem Prozent.

Doch spätestens seitdem der US-Internetgigant Amazon in den ersten deutschen Städten seinen Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh gestartet hat, ist es auch im Lebensmittelhandel mit der Ruhe vorbei.

Auch die grossen Supermarktketten Rewe, Edeka und Kaufland buhlen längst mit Online-Shops um Kunden. Allein in diesem Jahr dürften sich die Umsätze im Online-Lebensmittelhandel um 20 Prozent erhöhen, prognostiziert der HDE. Der Lebensmittelhandel zählt damit inzwischen zu den wachstumsstärksten Bereichen im E-Commerce.


© dpa