Flughafen BER: Eine Geschichte von Bau-Pannen und -Skandalen

Am 31. Oktober 2020 soll der Hauptstadtflughafen BER eröffnet werden. Wer die Geschichte des Airports verfolgt hat, mag diese Nachricht wohl nicht mehr für möglich gehalten haben. Denn seit Beginn des Baus im Jahr 2006 gab es immer wieder grosse Verzögerungen, die zu einem der grössten Skandale der deutschen Baugeschichte führten. © 1&1 Mail & Media/spot on news

Am 5. September 2006 fand der erste Spatenstich statt: Der Flughafen Berlin Brandenburg "Willy Brandt" sollte entstehen. Es war eines der grössten Bauprojekte in ganz Deutschland. Ursprünglich sollten die ersten Flüge bereits am 30. Oktober 2011 abheben. Dazu kam es jedoch nicht.
Fehlerhafte Planung, mangelnde Aufsicht beim Bau und viele technische Mängel verzögerten eine Eröffnung immer wieder. Die Idee für den Flughafen entstand bereits 1991, kurz nach der Wiedervereinigung. Ein neuer zentraler Flughafen in Berlin sollte Tegel, Tempelhof und Schönefeld (Bild) ersetzen.
Im gleichen Jahr wurde die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH gegründet und war seither als Bauherrin für den neuen Airport verantwortlich. Fünf Jahre später stand der Standort fest: Im Mai 1996 entschieden der Bund und die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg sich für den Ausbau von Schönefeld.
Schon kurze Zeit später sprachen sich einige Bürgerinitiativen wegen zu hohen Fluglärms gegen den Bau eines Grossflughafens aus und gingen gemeinsam mit Anwohnern sogar vor Gericht, mehr als 4.000 Klagen sammelten sich. 2006 wies das Bundesverwaltungsgericht die Musterklagen überwiegend ab.
2004 beschloss die Potsdamer Landesregierung, den Flughafen zu bauen – unter Auflagen. Der Bau sollte etwa 1,7 Milliarden Euro kosten. Zwei Jahre später dann endlich der erste Spatenstich: Am 5. September 2006 begann der Bau.
Im Jahr 2008 stiegen die Kosten für den Bau. Es wurden wachsende Passagierzahlen erwartet, für die es demnach auch mehr Platz bräuchte. Zwei zusätzliche Seitenflügel liessen die Kosten auf 2,2 Milliarden Euro klettern. Im selben Jahr schloss der Flughafen Tempelhof nach 85 Jahren (Bild).
Eine Eröffnung im Jahr 2011 schien nicht möglich, der Termin wurde zum ersten Mal verschoben: vom Herbst 2011 auf Juni 2012. Der Grund? Eine Planungsfirma war pleite gegangen.
2010 gab es erneute Proteste gegen den Flughafen. Die Deutsche Flugsicherung legte einen ersten Vorschlag für die Abflugrouten vor, die jedoch bei den Anwohnern nicht gut aufgenommen wurden. 2012 wies das Bundesverwaltungsgericht mehrere Klagen ab.
Wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung 2012 wurden Probleme mit der Brandschutzanlage bekannt. Die Folge? Wieder wurde die Eröffnung verschoben, dieses Mal auf März 2013. Der bisherige Technikchef wurde entlassen, der neue brachte den Vorschlag einer erneuten Verschiebung ein – auf Oktober desselben Jahres.
Derweil stiegen auch die Kosten weiter: 4,3 Milliarden Euro für den neuen Flughafen. "Wir sind im Zeitplan", zeigte sich Berlins damaliger Bürgermeister Klaus Wowereit (Bild) optimistisch. Dann wurden jedoch zahlreiche Baumängel öffentlich: zu kurze Rolltreppen, Probleme bei der Lüftung und wiederum beim Brandschutz.
Der Eröffnungstermin wurde ein weiteres Mal verschoben – dieses Mal auf einen unbekannten Zeitpunkt. Ein neuer Flughafenchef sollte im März 2013 die Chronik des Scheiterns durchbrechen: Hartmut Mehdorn.
Ein Führungsstreit im Aufsichtsrat folgte und mehrere Personen räumten das Feld. Unter anderem Technikchef Jochen Grossmann und Geschäftsführer Horst Amann (Bild) mussten gehen. Flughafenchef Mehdorn kündigte im Juni 2014 an, den nächsten Eröffnungstermin einzuhalten.
Die Kosten stiegen derweil weiter, 2014 sollte der Flughafen bereits 5,4 Milliarden Euro kosten. Ende des Jahres nannte Mehdorn einen neuen Eröffnungstermin: zweites Halbjahr 2017. Im März 2015 gab er jedoch seinen Rücktritt bekannt, neuer Flughafenchef wurde Rolls-Royce-Manager Karsten Mühlenfeld (Bild).
Der nächste Rückschlag war die Pleite des Baukonzerns Imtech im August 2015. Eine der wichtigsten Baufirmen fiel somit weg. Wegen zu schwerer Rauchgasventilatoren folgte ein Baustopp. Im Januar 2017 wurde die Eröffnung für dasselbe Jahr abgesagt und wiederum verschoben.
Flughafenchef Karsten Mühlenfeld nahm im März 2017 seinen Hut. Sein Nachfolger wurde Engelbert Lütke Daldrup (Bild), der im selben Jahr einen neuen Eröffnungstermin vorschlug: Oktober 2020.
2018 wurde der Pier Süd (Bild) baurechtlich abgenommen, gemeinsam mit dem Pier Nord war er also bereit für etwaigen Passagierverkehr.
Das Hauptterminal war jedoch nicht sicher genug: Der TÜV Rheinland stellte eine ungenügende Sicherheitsverstromung und Sicherheitsbeleuchtung fest.
2019 nahm der TÜV zwar die Entrauchungsanlage des Hauptterminals ab, gleichzeitig wurden aber Mängel an der Brandmeldeanlage und an Sicherheitskabeln bekannt. Im November 2019 wurde schliesslich ein neuer und letzter Eröffnungstermin öffentlich gemacht: der 31. Oktober 2020.
2020 wurden noch vorhandene Mängel beseitigt und der Bau fertiggestellt. Zwar verzögerte die Corona-Pandemie den Probebetrieb. Im April 2020 bescheinigte der TÜV Rheinland jedoch die Betriebssicherheit. Die Kreisverwaltung konnte somit eine Nutzungsfreigabe erteilen.
"Wir können den BER am 31. Oktober guten Gewissens in Betrieb nehmen", sagte Engelbert Lütke Daldrup nach dem Probebetrieb mit 9.900 Komparsen. Er rechne am ersten Tag mit etwa 5.000 Passagieren. Der Flughafenchef beziffert die Baukosten auf 5,96 Milliarden Euro. Das ist dreimal so viel wie 2006 geplant.