• Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll.
  • Wissen, über was politisch diskutiert wird.
  • Heute: Das grosse Manager-Bashing: Diese deutschen Aufsichtsräte haben sich nicht mit Ruhm bekleckert.
  • Es gibt aber auch Lichtblicke.
Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart

Guten Morgen, liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Berufung von Bernd Pischetsrieder zum neuen Daimler-Aufsichtsratschef schlägt einem schon vorher löchrigen Fass den Boden aus. Ausgerechnet der Mann, der bei BMW durch die Rover-Übernahme rund vier Milliarden DM versenkte und als Vorstandschef bei VW von Ferdinand Piech zwar berufen, aber dann schnell als Windikus durchschaut und gefeuert wurde, soll nun die Stuttgarter Luxusmarke repräsentieren.

Bernd Pischetsrieder ist ein deutscher Manager.

Wäre Pischetsrieder, 72, nicht Manager, sondern Musiker, würde man ihn auf der B-Seite einer Schallplatte und auch dort eher als Studiomusiker einsetzen. Der Mann ist angenehm demütig und in hohem Masse harmlos. Er spielt nach Noten, die andere ihm aufgeschrieben haben. "Das ist eine Not- und maximal Übergangslösung", urteilt Aktionärsschützer Marc Tüngler von der DSW.

Als Nachfolger von Manfred Bischoff, auch das gehört zur Wahrheit, ist er damit eine Idealbesetzung. Vorstandschef Ola Källenius hat keinen Impulsgeber gesucht, sondern einen lebenden Nickdackel, der auf der Ablage der Dienstlimousine artig mitfährt. Beim Daimler möchte man vom Aufsichtsrat nicht kontrolliert, sondern liebevoll begleitet werden.

Hasso Plattner ist ein Mitbegründer des IT-Unternehmens SAP.

Platz zwei in der Hitparade der Verlierer im Aufsichtsrat nimmt SAP-Chefaufseher Hasso Plattner ein, dem trotz grosser Aufbauleistung – SAP ist sein Lebenswerk – in 2020 nichts Grosses gelang. Wann immer der alte Haudegen selbst Hand anlegte, wie zum Beispiel bei der Besetzung des Vorstandsvorsitzes, griff er daneben.

Die abrupte und sachlich bis heute nicht begründbare Trennung von Bill McDermott war der Kardinalfehler seiner Zeit als Aufsichtsratschef. Das Intermezzo einer Doppelspitze musste schon nach sechs Monaten wieder abgebrochen werden, weil der Aufsichtsrat zwei Menschen vor den Karren spannte, die nicht im Gleichtakt laufen konnten.

Die darauf folgende Machtübergabe an Christian Klein führte dazu, dass sich an der Börse ein zweistelliger Milliardenbetrag in Luft auflöste. Bill McDermott – der Gegenschnitt muss an dieser Stelle erlaubt sein – verdoppelte bei seinem neuen Arbeitgeber „Service now“ den Börsenkurs.

Die einst stolze Softwareschmiede aus Walldorf, die im zukunftsträchtigen Cloud-Geschäft von Microsoft, Amazon und Salesforce zunehmend in die Zange genommen wird, schaut einer ungewissen Zukunft entgegen.

Hasso Plattner - wer es sehen will, der sieht es - hat an der Spitze einen Araberhengst gegen einen Trakehner Wallach getauscht. SAP besitzt heute einen Vorgesetzten, aber keinen Leader. Die Firma hat Kunden, aber keine Vision. Der Aktienkurs reflektiert genau diesen Sachverhalt.

Platz Nummer drei der Verliererparade gebührt Ulrich Lehner, der zwar bereits 2018 ging, aber der den beschleunigten Abstieg von ThyssenKrupp massgeblich zu verantworten hat. Durch stupide Kostensenkungsprogramme, strategische Fantasielosigkeit und die Attitüde eines Mister Allwissend wurde er zum Symbol des Niedergangs, der bis heute anhält.

Ulrich Lehner war von März 2013 bis Ende Juli 2018 Aufsichtsratsvorsitzender bei thyssenkrupp.

Das einstige Vorzeigeunternehmen der deutschen Industriegesellschaft ist heute der kranke Mann des Ruhrgebiets. Noch ist unklar, ob man sich zum 210. Jahrestag der Krupp-Gründung, der am 20. November kommenden Jahres begangen wird, noch vor der Villa Hügel oder bereits auf dem Essener Bergfriedhof trifft.

Lehner jedenfalls hat die fünf Jahre, die ihm an der Spitze des Aufsichtsrates vergönnt waren und die bereits im Juli 2018 unsanft endeten, zum weiteren Substanzverzehr genutzt. Die Werte, die Firmenlegende Berthold Beitz seinen Nachfolgern hinterlassen hatte, wurden von Lehner nicht gemehrt.

Auf Platz vier der Versager im Aufsichtsrat ist Hans Dieter Pötsch zu nennen. Der ehemalige Finanzchef von Martin Winterkorn, der sowohl die Dieselaffäre als auch die Wirren der Ablösung von Vorstandschef Matthias Müller unbeschadet überstand, ist der grosse Überlebenskünstler von Wolfsburg.

Strafbefehle werden zugestellt, Vorstände purzeln, gestern musste der Kommunikationschef nach massiven Gewerkschaftsinterventionen seinen Abgang verkünden, aber Pötsch wirkt auf dem Sessel des Chefkontrolleurs wie festgeschraubt.

Hans-Dieter Pötsch wurde im Oktober 2015 zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Volkswagen AG gewählt.

Der Firma allerdings vermag er weder Gesicht noch Richtung geben. Im Machtspiel zwischen Management und Betriebsrat ist er der Doppelagent, der auf zwei Schultern trägt.

Pro forma ist die ambitionierte Elektro-Strategie von Vorstandschef Herbert Diess auch seine, aber er kämpft nicht für deren Durchsetzung. Er nickt bei den Kapitalvertretern und hält zugleich Händchen mit der Arbeitnehmerbank. Er ist kein Stratege, sondern ein Taktierer. Seine Schwäche ist die Stärke von Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der weiss wenigstens, was er will.

Diese Betrachtung der Underperformer in deutschen Aufsichtsräten wäre unvollständig, wenn wir nicht auch einen Blick auf die Phalanx der Leistungsträger werfen würden. In den deutschen Aufsichtsräten finden sich auch jene Persönlichkeiten, die ihren Firmen 2020 Statur und Struktur verliehen haben.

Wolfgang Reitzle war von Januar 2003 bis Mai 2014 Vorstandsvorsitzender der Linde AG.

Da ist zum einen Wolfgang Reitzle, der Architekt der Verschmelzung von Linde und Praxair. Der neu entstandene globale Gaseanbieter – der gute Chancen hat, im Wasserstoffzeitalter eine Rolle zu spielen – legte alleine nach der Fusion am 29. Oktober 2018 von 39,2 auf 107,2 Milliarden Euro oder 173,5 Prozentpunkte zu. Linde plc ist nach Börsenkapitalisierung derzeit die Nummer zwei im Dax und damit wertvoller als die Autofirmen und die Chemiegiganten.

Michael Diekmann war von 2003 bis 2015 Vorstandsvorsitzender der Allianz SE, seit Mai 2017 ist er deren Aufsichtsratsvorsitzender.

Zu erwähnen ist auch Michael Diekmann, der als Allianz-Vorstandschef einen exzellent geführten Finanzkonzern hinterliess und aus dem Aufsichtsrat heraus weiter wertsteigernd wirkt. Die Allianz SE hat sich im Zusammenspiel von Vorstandschef Oliver Bäte und Altmeister Diekmann stark entwickelt - beim Aufbau von Versicherungspolicen, beim betreuten Anlagevermögen und den Renditen. Analysten trauen der Versicherung trotz Corona-Delle ein operatives Ergebnis von zehn Milliarden Euro in 2020 zu.

Nikolaus von Bomhard war bis Ende April 2017 Vorsitzender des Vorstands der Münchener Rück (Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Aktiengesellschaft in München).

Auch Nikolaus von Bomhard konnte als Aufsichtsratschef an seine 13 erfolgreichen Jahre als CEO der Munich Re anknüpfen, ohne dass er vom Management als übergriffig empfunden wird. Die Corona-bedingten Milliardenausfälle - verursacht im Wesentlichen durch hohe Schäden bei den Messe- und Kulturveranstaltern und hohen Todeszahlen in den USA - hat das Unternehmen verkraftet und peilt für 2021 wieder einen Gewinn von knapp drei Milliarden Euro an. Der Aktienkurs hat das Corona-Tief überwunden.

Fazit: Das Old-Boys-Network der Deutschland AG ist intakt, doch mediale Pauschalkritik daran ist nicht gerechtfertigt. Die meisten Aufsichtsratschefs sehen, hören und fühlen durchaus, was im Unternehmen los ist. Doch die Aktionäre sollten sich den Anfängen einer Kumpelkultur zwischen Vorstand und Aufsichtsrat widersetzen: Die schwarzen Schafe treten - die Berufung von Bernd Pischetsrieder belegt es - nicht vereinzelt, sondern bereits als Herde auf.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in das Wochenende – und einen friedlichen 2. Advent. Es grüsst Sie herzlichst

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.