Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek war laut einem Zeitungsbericht ein geheimer Informant der FPÖ. Er soll den Rechtspopulisten vertrauliche Informationen vom Verfassungsschutz beschafft haben.

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Der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek soll über einen Mittelsmann geheime Informationen aus dem österreichischen Bundesamt für Verfassungsschutz (BVT) und dem Innenministerium an die rechtspopulistische FPÖ weitergegeben haben. Das berichtet die Tageszeitung "Presse" unter Berufung auf Insider.

Marsalek, der nach Bekanntwerden des Wirecard-Skandals untergetaucht war, wird demnach in SMS-Chatprotokollen zwischen Ex-FPÖ-Politiker Johann Gudenus und dessen Vertrauten Florian S. erwähnt. S. soll heikle Informationen aus dem Innenministerium an Gudenus weitergegeben haben, berichtet die "Presse". Die Quelle dafür sei "Jan" gewesen.

Das österreichische Innenministerium kündigte an, den Vorwürfen gegen Marsalek nachzugehen, schliesst aber aus, dass Marsalek unter seinem echten Namen als Informant tätig war. Wirecard nahm auf SPIEGEL-Anfrage zu dem Bericht nicht Stellung.

Mit Zugang zu brisanten Dokumenten geprotzt

In Grossbritannien protzte Marsalek laut einem Bericht der "Financial Times" ("FT") ebenfalls mit seinen Zugängen zu brisanten Dokumenten. Er soll demnach Geheimdienstdokumente herumgezeigt haben, die unter anderem die Formel für das Nervengas Nowitschok enthalten hätten, mit dem 2018 der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter im britischen Salisbury angegriffen worden waren. Marsalek habe sich mit den Geheimakten offenbar vor Vertretern der Londoner Finanzbranche wichtig machen wollen, schreibt die "FT".

Der Absturz von Wirecard im Zuge eines Bilanzskandals hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Der einst gefeierte Finanzdienstleister hat gestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt in dem Fall.

Schlüsselfigur im Wirecard-Skandal

Marsalek gilt neben Ex-Vorstandschef Markus Braun als Schlüsselfigur in dem Skandal. Er steht im Verdacht, Bilanzsumme und Umsatzvolumen von Wirecard aufgebläht zu haben. Marsalek war nach Auffliegen des Wirecard-Skandals fristlos entlassen worden.

Die Informationen, die Marsalek angeblich weitergab, schürten laut "Presse" das Misstrauen der FPÖ gegen den damaligen Koalitionspartner ÖVP und sollen den Skandal um das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) mit ausgelöst haben. Beamte dort stehen unter anderem im Verdacht, südkoreanischen Geheimagenten nordkoreanische Passrohlinge beschafft zu haben.

Die SMS-Chatprotokolle, in denen Marsalek vorkommen soll, wurden durch die Ermittlungen in einem anderen Skandal aufgedeckt. Gudenus' Mobiltelefon war im Sommer 2019 im Zuge der Ermittlungen zur sogenannten Ibiza-Affäre beschlagnahmt worden. Seinerzeit hatte ein Video, das SPIEGEL und die "Süddeutsche Zeitung" öffentlich machten, dokumentiert, dass Gudenus und der damalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache Bereitschaft zu illegaler Parteienfinanzierung und zur verdeckten Übernahme der Kontrolle über parteiunabhängige Medien signalisiert hatten.   © DER SPIEGEL