Wissenschaftler haben im Bodenseeraum den ersten Höhlenfisch Europas entdeckt. "Wir nehmen an, dass in dem 250 Quadratkilometer grossen Versickerungsbereich der Donau, der in der Aachquelle nördlich des Bodensees mündet, eine grosse Population lebt", sagte Jasminca Behrmann-Godel, Limnologin an der Universität Konstanz.

Sie entdeckte das Tier zusammen mit einem Team aus Höhlentauchern und weiteren Forschern der Universität Oldenburg sowie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Über ihren Fund berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Current Biology"

Der Fisch - eine Schmerle - sei nicht nur der erste europäische Höhlenfisch, sondern auch der bislang nördlichste der Welt, sagte Behrmann-Godel. Zuletzt sei im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania am 41. Breitengrad ein solches Tier entdeckt worden. "Es wurde spekuliert, dass nördlicher gar keine Höhlenfische mehr vorkommen können, da dort während der letzten Eiszeit alles vereist war. Das haben wir im Prinzip mit dem Fund widerlegt." In Europa liegt beispielsweise die italienische Stadt Neapel nahe dem 41. Breitengrad.

Erste genetische Analysen der Wissenschaftler lassen darauf schliessen, dass die Fische vermutlich vor rund 20.000 Jahren - nach dem Ende der Würmeiszeit - aus der Donau in das Höhlensystem am Bodensee einwanderten.

Muss das Tier besonders geschützt werden?

Der Fund ist aus wissenschaftlicher Sicht etwas ganz Besonderes - aber muss das Tier nun vor Schaulustigen geschützt werden? "Nein", sagt der Höhlentaucher Joachim Kreiselmaier, der den kleinen farblosen Fisch in dem Höhlensystem im Bodenseeraum entdeckt hat. Das Tauchen in der Aachquelle sei grundsätzlich verboten. "Dazu baucht man eine Ausnahmegenehmigung der Stadt Aach." Und selbst, wenn man die habe: "Ein normaler Sporttaucher kommt da nicht hin. Er kann es zwar probieren, aber dann ist es mehr oder weniger eine Harakiri-Aktion. Die meisten haben weder die Ausbildung noch die Ausrüstung dazu."

Kreiselmaier selbst hat in rund 20 Jahren schon mehr als 200 Tauchgänge in der Aachquelle absolviert. "Bis nach hinten, also da, wo die Fische sind, waren es aber weniger als 20", sagt er. Denn das Tauchen bis an diese Stelle ist sehr kompliziert und zeitaufwändig. Zum einen müsse man abwarten, bis die Schüttung - also die Menge an Wasser, die aus der Quelle kommt - unter vier Kubikmetern liege, sagt Kreiselmaier.

Zum anderen sei das Höhlensystem ein grosses Labyrinth. "Da sind schon auf den ersten 150 Metern viele Abzweigungen." Auch die Sicht sei schlecht, das mache die Orientierung nicht einfach. Zum Fundort der Fische - hin und zurück - sei er rund drei Stunden unterwegs, sagt Kreiselmaier. "Ich habe sechs Flaschen Sauerstoff dabei, das sind über 200 Kilogramm Ausrüstung."

Wie viele Höhlenfische gibt es in etwa?

Von den etwa 14.000 Süsswasser-Fischarten lebt nur ein kleiner Teil in oft dunklen Höhlen: Der Fisch-Experte Jörg Freyhof vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) geht von rund 280 Arten weltweit aus. Es gebe sie zum Beispiel in Australien, Madagaskar und vor allem in China. "Dort gibt es einen sehr alten und sehr grossen Karst", sagt Freyhof. "Dort scheinen sehr günstige Bedingungen für Höhlenfische zu sein."

Der berühmteste Höhlenbewohner unter den Fischen ist wohl eine Astyanax-Art, die in Mexiko vorkommt. Zu ihm sei besonders viel geforscht worden, sagt Freyhof. So haben Wissenschaftler beispielsweise herausgefunden, dass der Fisch auf einen Tag-Nacht-Rhythmus verzichtet, um vermutlich Energie zu sparen. Mexikanische Höhlenfische könne man sogar im Zooladen kaufen, sagt Freyhof. "Sie werden fürs Aquarium gezüchtet."  © dpa