• Einer Studie zufolge wurde in der Siedlung Abu Hureyra im heutigen Nordsyrien bereits vor fast 13.000 Jahren Vieh gehalten.
  • Damit ist dies der bislang früheste Hinweis auf Tierhaltung.
  • Sollte sich der Beleg bestätigen, könnte eine Lehrmeinung ins Wanken geraten.

Mehr Wissensthemen finden Sie hier

Bisher gingen Anthropologen davon aus, dass die Menschheit im Lauf der Geschichte zuerst Ackerbau entwickelte und erst später Viehhaltung betrieb. Daran weckt ein internationales Forschungsteam nun Zweifel. Es geht davon aus, dass die Bewohner der im heutigen Syrien gelegenen Siedlung Abu Hureyra schon vor fast 13.000 Jahren Tiere hielten - wenn auch nur zeitweise und in geringem Umfang.

Dies sei der bislang früheste Hinweis auf Tierhaltung, schreibt das Team um Alexia Smith von der University of Connecticut nach Analysen von Dungresten im Fachmagazin "PLOS One".

Übergang vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau und Viehhaltung

Abu Hureyra lag im heutigen Nordsyrien am Ufer des Euphrat. Die Siedlung musste Anfang der 1970er Jahre rasch ausgegraben werden, bevor sie 1974 vom Assad-Stausee überflutet wurde. Bewohnt war der Ort ab vor etwa 13.300 Jahren - in den folgenden Jahrtausenden vollzog sich in der Region, die zum Fruchtbaren Halbmond zählt, der Übergang vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau und Viehhaltung.

Lesen Sie auch: Erstaunliche Details: So haben Sie die Titanic bestimmt noch nicht gesehen

Um die Geschichte des Ortes zu rekonstruieren, konzentrierte sich das Team - darunter Andrew Moore vom Rochester Institute of Technology, der die Notgrabung 1972/1973 geleitet hatte - auf ein neues Verfahren: die Analyse sogenannter fäkaler Sphärulite. Diese Kügelchen aus kristallisiertem Kalziumkarbonat haben einen Durchmesser von 5 bis 20 Mikrometern und bilden sich im Darm von Pflanzenfressern wie etwa Schafen, Ziegen und Gazellen.

Die frühesten Anfänge einer Viehhaltung

Solche Sphärulite sind in Proben aus allen Siedlungsphasen des Ortes enthalten - jedoch in unterschiedlichen Konzentrationen. In der zweiten Phase, die vor etwa 12.800 Jahren begann, tauchen sie deutlich häufiger auf als zuvor. Daraus folgern die Forscher, dass damals Tiere, vermutlich wilde Schafe, zeitweilig und anfangs in geringer Zahl direkt vor den Wohngebäuden als Vorrat gehalten wurden. Damit sei die Jagd vor allem nach Gazellen, zu jener Zeit noch die tierische Hauptnahrungsquelle, ergänzt worden.

Dies wären dann die frühesten Anfänge einer Viehhaltung - allerdings noch nicht mit domestizierten, sondern mit wilden Tieren. In jener Epoche verorten Forscher auch die Anfänge der Landwirtschaft in Vorderasien.

In Abu Hureyra geht die 2. Siedlungsphase, die von vor 12.800 bis vor 12.300 Jahren reicht, mit auffälligen Neuerungen einher: Dunkel verfärbte Sphärulite deuten darauf hin, dass der Dung der Tiere damals, zusätzlich zu Holz, als Brennstoff verwendet wurde. Denn für die Verfärbungen müssen die Kügelchen einer Temperatur von 500 bis 700 Grad ausgesetzt gewesen sein. Dies wäre der mit Abstand früheste Nachweis für eine solche Nutzung von Dung.

Lesen Sie auch: Forscher finden tausende Jahre alte geisterhafte Fussabdrücke

Schafe und Ziegen ersetzen Gazellen als Hauptquelle tierischer Nahrung

Zudem werden in dieser Phase die rundlichen Wohngruben der Bewohner durch geradlinige Hüttenkonstruktionen ersetzt. Noch später, vor grob 10.000 Jahren, wurde die Viehhaltung dann gängiger, nun fand der Dung auch Verwendung in der Architektur, hauptsächlich als Putz für Fussböden.

Vor etwa 9.000 Jahren, so die Analyse von Knochenresten, ersetzten dann die inzwischen vermehrt gehaltenen Schafe und Ziegen Gazellen als Hauptquelle tierischer Nahrung. Gleichzeitig fällt die Konzentration von Dung-Sphäruliten im Ort drastisch ab: Dies deutet das Team als Hinweis darauf, dass die Herden inzwischen dauerhaft präsent und so gross waren, dass sie nicht mehr in unmittelbarer Umgebung der Wohngebäude gehalten wurden.

"Die hier gemachten Beobachtungen werfen die Frage auf, ob Veränderungen im Umgang mit Tieren dem Ackerbau vorausgingen oder ob beides gleichzeitig entstand", schreibt das Team. Um das zu klären, könne man das Verfahren der Sphärulit-Analyse nun auch in anderen Siedlungen aus jener Zeit nutzen. Möglicherweise könne man so künftig sogar jene Arten ermitteln, von denen die winzigen Kügelchen stammten. (ff/dpa)

Rippe eines Sauropoden gefunden
Bildergalerie starten

Sensationsfunde: Diese Schätze erstaunen nicht nur Forschende

Ob antike Tempel, Goldschätze oder Dinosaurierknochen: Immer wieder bringen die Tiefen der Erde und des Meeres sensationelle Funde zum Vorschein. Hier sind – ständig aktualisiert – die spektakulärsten Entdeckungen der vergangenen Jahre. (Mit Material der dpa und afp)
Teaserbild: © dpa / Andrew Moore