In Werchojansk, nördlich des Polarkreises, herrschen Temperaturen wie in der Karibik. Die globale Erwärmung könnte sich dadurch nochmals beschleunigen.

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Die wenigen Touristen, die im Juni durch Palma de Mallorca streiften, erlebten einen selbst für die Baleareninsel auffallend frühen Hochsommer. Die Temperaturen kletterten tagsüber bereits auf bis zu 34 Grad Celsius, nachts sanken sie nicht unter 22 Grad.

Noch heisser war es an manchen Tagen aber in Werchojansk. Doch Werchojansk liegt nicht im Mittelmeer oder in der Karibik, sondern im Nordosten Sibiriens.

Hier, in dem entlegenen Rentierzüchter-Städtchen, berüchtigt für seinen brutalen Winterfrost, stieg das Thermometer am 20. Juni auf 38 Grad Celsius, gut 18 Grad mehr als üblich in diesem Monat.

Nie zuvor haben Forscher im Polarkreis eine höhere Lufttemperatur gemessen. Mindestens bis in den August hinein, sagen einige Meteorologen voraus, wird die derzeitige Rekordhitzewelle über Sibirien andauern. Die Folgen könnten Europa und der Rest der Welt zu spüren bekommen.

Globale Erwärmung schreitet schnell voran

Inmitten der Viruskrise steuert die Klimakrise womöglich einem neuen Höhepunkt entgegen. 2020 könnte zum wärmsten Jahr seit Beginn der weltweiten Temperaturaufzeichnungen im 19. Jahrhundert werden.

Bisher hält das Jahr 2016 diesen Rekord – aber damals war es nicht nur wegen des Klimawandels so warm, sondern auch wegen El Niño. Bei diesem natürlichen Klimaphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre wiederkehrt, erwärmt sich über komplexe Wechselwirkungen der Ostpazifik vor Peru, was zu steigenden Temperaturen in weiten Teilen der Welt führt.

Sollte 2020 auch ohne El-Niño-Effekt zum heissesten Jahr werden, so wäre dies ein weiterer Beleg dafür, wie schnell die globale Erwärmung voranschreitet – selbst in einem Jahr, in dem die Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) wegen der weltweiten Corona-Lockdowns kurzfristig sogar gesunken sind.

Aussergewöhnlich milder Winter und warmer Frühling

Hauptverantwortlich für das Rekordpotenzial von 2020 sind die Klimaereignisse, die sich derzeit in der Arktis abspielen. Sie erwärmt sich schon seit Jahren mehr als doppelt so schnell wie der Rest der Welt.

Besonders betroffen ist aktuell Sibirien. Ein ganz aussergewöhnlich milder Winter mündete dort in einen ganz aussergewöhnlich warmen Frühling und dieser in einen geradezu infernalen, trockenen Sommer.

Die Durchschnittstemperaturen in Sibirien lagen zwischen Januar und Juni teils um bis zu neun Grad Celsius höher als im langjährigen Mittel. Dazu kommt extreme Trockenheit. Besonders im Osten Sibiriens brennen deshalb schon seit März die Wälder.

Wegen Corona ist es für die russischen Behörden schwieriger, die Feuer unter Kontrolle zu bringen; anders als letztes Jahr wurde die russische Armee bisher seltener gegen die Flammen eingesetzt. Die Brände sind auch deshalb noch zahlreicher und grösser als die des vergangenen Sommers, die ihrerseits bereits doppelt so intensiv wüteten wie in der Taiga üblich.

Beissender Rauch liegt in der Luft

Der europäische Copernicus Atmosphere Monitoring Service erwartet, dass die Wald- und Torfbrände bis in den August anhalten werden. Allein im Juni hätten sie eine Menge an Treibhausgasen freigesetzt, die 56 Millionen Tonnen CO2 entspricht (im selben Monat des Vorjahres waren es noch 53 Millionen Tonnen). Das ist fast so viel wie das nahe Düsseldorf gelegene Braunkohlekraftwerk Neurath, Deutschlands grösste CO2-Schleuder, in zwei Betriebsjahren ausstösst.

Für die Menschen Sibiriens ist dieser Sommer hart. In zahlreichen Regionen liegt beissender Rauch in der Luft. Dichte Schwärme von Moskitos schwirren umher. Viele Fischer fangen mit ihrem üblichen Gerät kaum noch Fische, denn die haben sich in tieferes, kühleres Wasser zurückgezogen.

Die warme Luft vor der sibirischen Küste hat auch dem Meereis zugesetzt und es früh weggeschmolzen. Die Laptew- und Barentssee sind jetzt eisfrei. Seit Beginn der Aufzeichnungen hat es zu diesem Zeitpunkt im Jahr noch nie so wenig Meereis in der Arktis gegeben.

Sibirische Permafrostböden tauen auf

Die Schmelze wird noch viele Wochen anhalten. Erst Mitte September erreicht die Ausdehnung der Eisfläche normalerweise ihr Minimum. Am wenigsten arktisches Meereis gab es 2012, doch wenn sich der bisherige Trend fortsetzt, könnte das Katastrophenjahr 2020 diesen Negativrekord locker brechen.

Die hohen Lufttemperaturen und die Feuer bringen auch zu Lande das Eis im Untergrund zum Schmelzen: Sie tauen die sibirischen Permafrostböden auf. Diese Relikte der Eiszeit enthalten enorme Mengen von teils Jahrzehntausende altem organischem Material.

Wenn es nicht länger permanent gefroren bleibt, sorgen Mikroorganismen dafür, dass sich diese Pflanzenrückstände zersetzen. Und dabei entweichen CO2 und Methan, insbesondere Letzteres ist ein hochwirksames Klimagas.

Die Menge an CO2, die aus den Permafrostböden von Sibirien, Alaska, Kanada und Skandinavien austreten könnte, ist atemberaubend. Forscher schätzen, dass sie 1,5 Billionen Tonnen Kohlenstoff speichern, dies entspräche fast doppelt so viel, wie derzeit an CO2 in der Atmosphäre vorhanden ist.

Teufelskreis in der Arktis

Sowohl bei der arktischen Eisschmelze als auch beim Verlust des Permafrosts steuert die zusehends wärmere Welt auf Kipppunkte zu – auf gefährliche Schwellen, hinter denen es kein Zurück mehr gibt. Denn Meereis ist hell und reflektiert deshalb grosse Teile des einstrahlenden Sonnenlichts zurück in den Weltraum.

Wenn dieses Eis schmilzt, bleibt eine dunkle Wasseroberfläche zurück, die Energie absorbiert und sich folglich aufheizt, wenn Sonnenlicht einfällt. Das wärmere Wasser bringt umso leichter weitere Eisflächen zum Schmelzen, und so kommt es in der Arktis zu einem Teufelskreis.

Ganz ähnlich verhält es sich bei den Permafrostböden. Je wärmer es wird, desto mehr CO2 steigt aus ihnen in die Atmosphäre auf. Dort sorgt es als Treibhausgas dafür, dass es noch wärmer wird in den Permafrostgebieten, die dann noch stärker tauen und zusätzliches CO2 freisetzen. Die Arktis droht sich daher zunehmend in eine bedeutende CO2-Quelle zu verwandeln, die den weltweiten Klimawandel beschleunigt.

Von tauenden Permafrostböden geht aber noch eine weitere Gefahr aus. Auf dem festen, eisigen Untergrund haben Menschen Häuser errichtet, Industriegebäude, Pipelines, Schienen und Strassen – und plötzlich verlieren diese in der Schmelze ihren Halt.

Ende Mai kollabierte angejahrter Tank

45 Prozent der Anlagen zur Öl- und Gasgewinnung in Sibirien sind wegen des chronischen Tauwetters bis zum Jahr 2050 strukturell bedroht, hiess es schon Ende 2018 in einer Studie, die im Fachblatt "Nature Communications" erschien. Wie recht die Autoren mit ihrer Prognose hatten, zeigte sich schneller als erwartet.

Ende Mai kollabierte ein angejahrter Tank auf einem Industriegelände in der sibirischen Grossstadt Norilsk – offenbar weil der inzwischen zu weiche Boden seine Pfeiler nicht länger tragen konnte. Rund 20.000 Tonnen Diesel ergossen sich in die Tundra und in den Fluss Ambarnaja, der den Kraftstoff bis in das Nordpolarmeer abzuleiten droht. Ein Ölfilm hat sich bereits über Hunderte Quadratkilometer auf Land und Wasser ausgebreitet.

Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte den Notstand; Fachleute erwarten, dass die Reinigungsarbeiten in dem hochempfindlichen Ökosystem viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern könnten.

Die Katastrophe gilt inzwischen als ähnlich verheerend wie der Unfall des Öltankers Exxon Valdez, der 1989 vor Alaska auf Grund gelaufen war und den Prinz-William-Sund mit 40.000 Tonnen Erdöl verseucht hatte. Hunderttausende Vögel und Fische gingen damals zugrunde; viele Bestände haben sich bis heute nicht erholt.

Ist der Mensch zweifelsfrei schuld an der Hitzewelle in Sibirien?

Die Folgen der Erwärmung sind also drastisch, nur: Sind der Mensch und sein Ausstoss an Klimagasen zweifelsfrei schuld an der so folgenreichen, sechsmonatigen Hitzewelle in Sibirien? Oder lassen sich die Rekordtemperaturen auch damit erklären, dass es eben immer wieder zu Wetterextremen kommt? 14 Wissenschaftler aus Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Russland, der Schweiz und den Niederlanden haben diese Frage im Eiltempo untersucht.

Sie gingen dabei nach wissenschaftlich anerkannten Methoden aus der jungen Disziplin der Zuordnungsforschung vor. Sie will ermitteln, wie viel Klimawandel in einzelnen Wetterereignissen steckt.

Im Rechner bauten die Experten das Klima des Jahres 1900 nach, als das vom Menschen freigesetzte CO2 noch keine grosse Rolle spielte. Parallel dazu modellierten sie das aktuelle Klima, in dem der Anteil von CO2 in der Atmosphäre höher ist als je in den letzten drei Millionen Jahren.

Dann liessen sie die Computer durch die Daten pflügen, um eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie wahrscheinlich waren sechs Monate Sibirienhitze vor 120 Jahren im Vergleich zu heute? Das Ergebnis fällt eindeutig aus. Der Klimawandel hat das Risiko für einen solchen Wetterverlauf um mehr als das 600-Fache erhöht.

Derartige Hitzewelle höchstens alle 130 Jahre

In einer Welt ohne Klimawandel könnte es ein vergleichbares Ereignis nur alle 80.000 Jahre geben, urteilt die an der Studie beteiligte deutsche Physikerin Friederike Otto von der University of Oxford. Selbst in Zeiten der globalen Erwärmung sei mit einer derartig intensiven Hitzewelle höchstens alle 130 Jahre zu rechnen.

In dieser Aussage, immerhin, liegt Anlass für einen Funken Optimismus. Offenbar ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass Sibirien 2021 die Fortsetzung oder gar eine Verschlimmerung des diesjährigen Hitzedesasters erleben wird. Wahr ist allerdings auch: Wenn der CO2-Gehalt der Atmosphäre wie bisher ansteigt, könnte Sibirien in Zukunft zum Schauplatz noch viel stärkerer Hitzewellen werden.

In Paris haben die Staaten der Welt 2015 das Ziel festgeschrieben, die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf nicht mehr als 2 Grad Celsius, besser noch auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu beschränken.

Doch schon jetzt, so heisst es in einem neuen Bericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), ist die Welt im Schnitt mehr als ein Grad wärmer als noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Weltweit heissester Januar überhaupt

Nach Erwartung der WMO werden sich alle bewohnten Regionen der Erde bis 2024 weiter erwärmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der kommenden Jahre das Pariser Klimaziel von 1,5 Grad übertrifft, gibt sie mit 20 Prozent an. Das bedeutet: Selbst wenn 2020 ein Rekordhitzejahr wird, würde der nächste Rekord wohl nicht lange auf sich warten lassen.

Noch ist nicht ausgemacht, ob 2020 in die Annalen eingehen wird. Der Januar war der weltweit heisseste Januar überhaupt. Die folgenden Monate bis Mai blieben sehr warm, übertrafen aber nach Darstellung der US-Wetterbehörde NOAA die Messwerte des Jahres 2016 nicht.

Der Juni erreichte in der Rangliste aller Junimonate Platz drei, hinter 2016 und 2019. Schon seit 44 Jahren, so haben NOAA-Statistiker ausgerechnet, ist jeder einzelne Juni wärmer als der Durchschnittsjuni des 20. Jahrhunderts.

Noch im April erwarteten NOAA-Forscher mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent, dass 2020 rekordheiss würde. Jetzt zweifeln sie daran. Der Grund: Sie haben erste Hinweise dafür, dass ein La-Niña-Ereignis von diesem Herbst an bis ins nächste Frühjahr eintreten könnte.

2022 könnte alle bisherigen Temperaturrekorde brechen

Dieses Klimaphänomen ist das genaue Gegenteil von El Niño. Es sorgt dafür, dass mehr kaltes Wasser aus den Tiefen des Ostpazifiks vor Peru aufsteigt. In der Folge sinken vielerorts die Meerestemperaturen, was eine kühlende Wirkung auf die Luft entfaltet. La Niña könnte daher 2020 degradieren – vom womöglich heissesten zu einem der heissesten Jahre, so wie jedes einzelne seit 2013.

Gewonnen ist damit natürlich nichts. Der Klimawandel geht weiter, solange die CO2-Emissionen steigen. Sobald La Niña abflaut, könnte schon 2022 alle bisherigen Temperaturrekorde brechen.

Anm. d. Red: In einer früheren Version dieses Artikels hiess es, laut Schätzungen von Forschern seien 1,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in den Permafrostböden gespeichert. Tatsächlich sind es 1,5 Billionen Tonnen. Wir haben die entsprechende Passage angepasst.  © DER SPIEGEL

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