Der Baumarkt ist nicht nur für Bastler, Bauern und Heimwerker ein veritabler Sehnsuchtsort. Jeder Deutsche lässt dort im Jahr rund 600 Euro liegen, wobei sich fünf grosse Marken das Revier aufteilen: Obi, hagebau, toom, Hornbach und Bauhaus. Im neuen Verbraucher-Format in der Prime Time, "Der Sat.1 Baumarkt Check", wollte der Sender Antworten auf Fragen wie "Wie unterscheiden sich Angebot und Preise bei den grossen Ketten?", "Wer punktet bei Beratung und Service?" und "Wo verstecken sich Baumarkt-Verkäufer am liebsten vor den Kunden?" liefern. Möglich, dass letzte Frage am Donnerstagabend gar nicht gestellt wurde. Garantiert wurden aber Geduld und Freundlichkeit von Verkäufern vor laufender SAT.1-Kamera gecheckt.

Robert Penz
Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Robert Penz dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

An sich waren Test- und Verbraucher-Formate im TV ja immer mehr eine Domäne der öffentlich-rechtlichen Sender. Jetzt wollen es offenbar auch die Privaten wissen. Sat.1 nahm in "Der Sat.1 Baumarkt-Check" die grossen Fünf und deren gigantische Produktwelten unter die Lupe. Tatsache ist: Alle bieten sie mehrere Tausend Artikel an. Und vorweg: Laut einer vom Sender beauftragten Umfrage beurteilen 61 Prozent der Kunden von Baumärkten deren Preis-Leistungsverhältnis für "sehr gut" oder zumindest "gut".

Zu Beginn muss Oliver, ein kaufmännischer Leiter, für Sat.1 die fünf Produkte Leiter, Lampe, Akkuschrauber, Handsäge und Kloschüssel in den Märkten suchen, jeweils das billigste Produkt in etwa der gleichen Grösse erstehen und letztlich den Preisvergleich machen. Das Ergebnis: Bei Hornbach musste er für 113 Euro am wenigsten tief in die Geldbörse greifen, wobei die Preisunterschiede generell marginal waren. "Der Konkurrenzdruck untereinander hat schon eine beruhigende Wirkung", konstatiert Peter Wüst, Geschäftsführer vom Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten.

Ein Ort zum Feilschen oder nicht?

Ob man verhandeln könne, will der Sender unmittelbar danach wissen. Und so schickte er Yvonne ins Rennen, die im Baumarkt – mit einem Kamerateam an ihrer Seite wohlgemerkt – versuchen soll, den Preis eines kleinen Gartenhäuschen zu drücken. Yvonne scheitert so gut wie überall, da man, so die Argumentation einiger Baumärkte, ja ohnedies schon faire Preise offerieren würde. Rabatte gibt es laut Wüst aber sehr wohl: "Für Grossabnehmer, für Profis sowie Kundenkarten-Rabatte. Wenn ich mehr Volumen kaufe, krieg ich auch bessere Preise. Das halte ich für legitim".

Bürokaufmann Michael testet danach wiederum die bekannte "12-Prozent-Tiefpreisgarantie" von Bauhaus in einer Dortmunder Filiale. Die verspricht, dass man ein Produkt stets um 12 Prozent günstiger als beim Mitbewerber bekomme. Michael schiebt dem Verkäufer sein Handy mit dem Preis der Konkurrenz unter die Nase, der daraufhin sofort den Preis adaptiert. Nicht schlecht zu wissen, dass das durchaus funktioniert.

In 1,6 Kilometern zu fünf Produkten

In der fast 30.000 Quadratmeter grossen Bauhaus-Filiale in Frechen bei Köln kann man sich schon mal verlaufen. Eventmanager Oliver und Finanzbeamtin Anja bekommen von Sat.1 einen Schrittzähler verpasst und sollen in Europas grösstem Baumarkt fünf Produkte einkaufen – darunter eine Dachlatte, Salztabletten und Umzugskartons – und dabei monitoren, wie lange sie hierfür benötigen und wie viele Kilometer sie dabei zurücklegen

"Das ist ja wie eine Stadt hier", meint der leicht überforderte Oliver, der nach zehn Minuten noch immer einen leeren Einkaufswagen durch die "Stadt" schiebt, vermutlich aber immerhin schon 100 Kalorien verbrannt hat. Nach 50 Minuten und 1,59 Kilometern war die Suche, der man als Zuseher gefühlt in Echtzeit zusehen musste, letztlich vorbei. "Wir achten auf klare Regale und Gangstrukturen", so ein Bauhaus-Geschäftsführer trocken. "Wo finde ich das?" und "Wo steht das?" seien die häufigsten Fragen der Kunden.

"Versteckte Kamera"-Tests unerwünscht

"Gerade zu Stosszeiten jemanden zu finden, kann doch länger dauern", meint Kunde Fabian etwa, als beim "Sat.1 Baumarkt-Check" alles um das Thema "Beratung" kreist. Es soll ja in Deutschland einige Leute geben, die noch nie einen Baumarkt-Verkäufer in natura gesehen haben, weshalb es auch nicht extrem verwundert dass keine der fünf Baumarkt-Ketten im Vorfeld einen Test mit versteckter Kamera genehmigte. "Ich hab das Gefühl, dass das meistens nur Aushilfen, die auf 450-Euro-Basis arbeiten, weil die, die man anspricht, sich meistens nicht auskennen", meint ein Kunde, der aber immerhin schon Baumarkt-Personal gesichtet haben dürfte.

Dass Sat.1 dann die Freundlichkeit und Geduld des Personals von Musicaldarstellerin Nicole, die natürlich ein Kamerateam dabei hat, checken lässt, muss man als Zuseher ebenso nicht ganz ernstnehmen. Ergebnis des Tests: Alle sind super, geduldig ohne Ende und haben das Zeug zum "Mensch of the Year 2022".

"Die Kritik ist ein bisschen unfair. Ein Baumarkt ist ein Selbstbedienungsunternehmen", verteidigt Peter Wüst vom Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten". Beratung werde hier gegen günstigere Preise getauscht. "Erwarten Sie im Supermarkt, dass Ihnen wer erklärt, wie man eine Gans zubereitet?", so Wüst weiter.

Hornbach nimmt halbleeren Eimer Farbe zurück

Auch die Eigenmarken lässt Sat.1 am Donnerstagabend checken, und zwar von Malermeister Chris, der weisse Wandfarben testen muss und normalerweise ausnahmslos auf hochwertige Markenprodukte setzt. Eigenmarken wurden in den 70er-Jahren vom Lebensmittelbereich entwickelt, um vermeintlich gute Alternativen für die Kunden zu offerieren und sie im Niedrigpreissegment abzuholen. "Ist nicht ganz verkehrt", "Alles in allem sehr okay" und "Gute Wandfarbe" kommentiert Chris sein "Testmaterial". Das Fazit des Profis: "Vom Preis-Leistungs-Verhältnis waren die Baumarktfarben in Ordnung und ihr Geld wert. Für den Privatgebrauch ist das ausreichend."

Dass Pädagogin Diana bei Hornbach in München einen geöffneten und bereits halbleeren Topf weisser Farbe zurückgeben kann und dafür den vollen Preis erstattet bekommt, ist wohl auch der Präsenz der Sat.1-Kamera geschuldet. "Wir nehmen das auf Kulanzbasis zurück", meint der Verkäufer zur Pädagogin, was ein Kollege auf Twitter nicht so ganz packt: "Schande auf den Kollegen von Hornbach, der einen halbvollen Farbeimer zurückgenommen hat, nur weil ihr die Farbe nicht gefiel. Bei mir gibt’s das niemals!". Dazu Erklärbär Peter Wüst: "Alles, was in Kulanz zurückgenommen wird, fliesst in die Kosten ein und wird in Teilen in den Preisen wieder auftauchen. Die Tatsache, dass die Branche so hart miteinander umgeht, gibt den Kunden auch Möglichkeiten."

Online-Tutorials helfen durchaus

Am Ende des "Sat.1 Baumarkt-Check" dreht sich alles um die Digitalisierung. Milliarden investieren Baumärkte inzwischen in die digitale Präsenz und somit in Apps, Video-Tutorials oder Webshops. "Wir haben ein kleines Filmstudio. Denn mit Videos kriegen sie die Dinge viel besser erklärt als mit einer vierseitigen Gebrauchsanweisung", offenbart Hans-Joachim Kleinwächter, Geschäftsführer Marketing und Category-Management bei toom. Auch Hornbach setzt mit seiner "Meisterschmiede" längst auf Tutorials.

Ob diese auch funktionieren, testet Tanzlehrerin Tanja, die ihren Wasserhahn austauschen möchte und dank dem Tutorial dann ganz gut vorwärtskommt. Dass ihr der Verkäufer der Armatur versichert hat, dass man für die Montage null Werkzeug benötige, die Off-Stimme im Tutorial dann aber plötzlich mit einem "Dann vorsichtig mit dem Maulschlüssel festziehen" daherkommt, lässt sie nur kurz etwas unrund werden. Sie improvisiert mit einer Rohrzange und freut sich, dass nach "Wasser marsch!" alles dicht ist .

Fazit: Dauerwerbesendung-Anmutung

Durchaus logisch klingt, was Marketing-Experte Matthias Niggehoff äussert: "Die Baumärkte digitalisieren so massiv, weil sie erkennen, dass darin ein grosses Umsatzpotenzial liegt. Gleichzeitig geht es darum, neue Zielgruppen zu erschliessen". Gerade jüngere Leute könne man mit Apps und dergleichen ja anziehen. Franziska und Korbinian lässt Sat.1 am Ende noch Webshops testen. "Hornbach, toom und Bauhaus waren super, dort wurde alles transparent angezeigt.

Obi und hagebau hingegen nicht so vorteilhaft, da man direkt beim Artikel noch keine Versandkosten sehen konnte. Und bei hagebau konnten wir zudem das Produkt lange nicht finden", so der Befund der beiden am Ende einer sehr sprunghaften Sendung, die einen häufig nicht wissen liess, von welchem Baumarkt gerade die Rede ist, zwar sehr wohl das eine oder andere Problem aufgriff und ein paar Fragen beantwortete, wiederholt aber doch den Eindruck einer Dauerwebesendung machte. Eine Frage, die am Donnerstagabend leider nicht beantwortet werden konnte, ist jene eines Twitter-Users: "Wieso macht mich dieser Baumarkt-Check eigentlich so aggressiv?"

Teaserbild: © picture alliance / zb/Kirsten Nijhof