Man hat sich so sehr ein kleines Mädchen gewünscht, aber es wird ein Junge. Oder umgekehrt. Wenn das Babygeschlecht anders ist als erhofft, empfinden manche Eltern Enttäuschung – und schämen sich zugleich dafür. Doch die Psychologin Julia Ditzer beruhigt: Solche Gefühle sind völlig normal.
Viele Eltern malen sich schon ab Beginn der Schwangerschaft ihr zukünftiges Leben mit Kind in allen Details aus – bis hin zum Geschlecht des Babys. Doch was, wenn es anders kommt als gedacht? "Egal. Hauptsache, gesund", heisst es dann oft, vielleicht auch, um die eigene Enttäuschung ein wenig abzufedern oder sie sich dem Partner gegenüber nicht anmerken zu lassen.
Denn so ganz egal ist es manchmal eben doch nicht, wenn es statt des ersehnten Mädchens ein Junge wird oder andersherum.
"Es ist ganz normal, enttäuscht zu sein", sagt die Psychologin Julia Ditzer, die an der Universität Dresden zu Gender Disappointment forscht. So nennt man es, wenn Eltern traurig oder enttäuscht darüber sind, dass das Geschlecht nicht ihren Vorstellungen entspricht. Ein Gefühl, über das nur selten offen gesprochen wird. Denn: "Man erwartet von Müttern, dass sie ihr Kind sofort abgöttisch lieben", erklärt Ditzer. "Wenn das nicht so ist, ist das mit viel Scham verbunden."
Viele hoffen auf ein Mädchen
Vielleicht gerade deshalb gibt es nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zu Gender Disappointment. Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Menschen davon betroffen sind, fehlen weitgehend. Trotzdem zeigen die wenigen vorhandenen Studien ein interessantes Bild: Laut einem Bericht der Universität Warschau etwa ist in Skandinavien seit den 1980er-Jahren der Wunsch nach einem Mädchen so stark, dass Eltern nach einem erstgeborenen Jungen öfter ein weiteres Kind bekommen – wohl in der Hoffnung, dass es diesmal eine Tochter wird.
Auch das US-kanadische Forschungsduo Jensen und McKell Jorgensen-Wells von der Western University kam 2025 im Fachblatt "Psychological Bulletin" zu dem Ergebnis: Eltern aus westlichen Ländern bevorzugen Mädchen.
"Wir versuchen zwar, diese Geschlechterrollen immer weiter aufzuweichen. Aber so richtig weit sind wir da noch nicht."
Das war lange Zeit anders: Früher galten Söhne als "wertvoller", da sie den Familiennamen weitergeben oder später das Erbe übernehmen sollten. "In manchen Kulturen ist das auch heute noch so", erklärt Ditzer. In westlichen Ländern habe sich das gesellschaftliche Bild inzwischen zwar geändert. Trotzdem seien gewisse Rollenerwartungen nach wie vor präsent: "Wir versuchen zwar, diese Geschlechterrollen immer weiter aufzuweichen. Aber so richtig weit sind wir da noch nicht."
So gelten Mädchen oft als ruhiger, emotional zugänglicher und sensibler, während Jungen als lauter, wilder und ungestümer wahrgenommen werden.
Wann das Gefühl auftritt
Stereotype wie diese beeinflussen laut Ditzer direkt die Erwartungen der Eltern und sind daher mitverantwortlich dafür, wenn sich Gender Disappointment einstellt. In der Regel entsteht die Enttäuschung schon früh, oft direkt nach der Mitteilung des Geschlechts. Bei vielen Eltern legt sich dieses Gefühl mit der Geburt, wenn die Hormone einsetzen. Doch das ist nicht immer so.
Wer stark unter diesem Gefühl der Enttäuschung leidet, läuft laut Ditzer Gefahr, eine postnatale Depression zu entwickeln. Auch die Bindung zum Kind kann darunter leiden – mit möglichen Folgen für dessen Entwicklung. "Wenn Mama oder Papa keine emotionale Verbindung aufbauen können, kann sich das unter gewissen Umständen auch auf die Kinder auswirken", sagt Ditzer. "Es kann sein, dass Kinder sich dann schwerer damit tun, ihre eigenen Gefühle zu regulieren. Auch die sprachliche Entwicklung kann verzögert sein."
Auch die Persönlichkeit der Eltern spielt Ditzer zufolge eine Rolle: Menschen mit starkem Kontrollbedürfnis, hoher Gewissenhaftigkeit oder neurotischer Veranlagung würden eher zu Gender Disappointment neigen. Ebenso Eltern, die mit bestimmten Geschlechtern negative Erfahrungen gemacht hätten –etwa Frauen, die in ihrem Leben unter männlicher Dominanz oder Gewalt gelitten haben.
Generell sind laut Ditzer häufiger junge Eltern betroffen: "Eltern bis 25 Jahre erleben eher und stärker Gender Disappointment. Wenn man älter wird, überwiegt dann oft der Wunsch, überhaupt ein Kind zu bekommen."
Was hilft – und warum man reden sollte
Umso wichtiger ist es, dass die betroffenen Eltern frühzeitig darüber sprechen, auch wenn es schwerfällt. "Schon allein zu wissen, dass man mit diesen Gefühlen nicht allein ist, hilft", so Ditzer. Der Austausch mit anderen kann entlasten, zum Beispiel in Online-Foren, in denen Eltern offen über ihre Erfahrungen berichten.
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Auch Hebammen sowie Hausärztinnen und -ärzte sind Ditzer zufolge wichtige Ansprechpartner. Wenn das Gefühl bleibt, sollte man sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Damit man vielleicht eines Tages ganz offen und selbstbewusst sagen kann: "Schade, ich hätte mir ein Mädchen gewünscht." Und im gleichen Atemzug hinzufügt: "Egal. Hauptsache, gesund!" Nicht, um die Enttäuschung zu überspielen, sondern weil man es aus dem tiefsten Inneren so fühlt.
Über die Gesprächspartnerin
- Julia Ditzer forscht an der Technischen Universität Dresden. Seit 2023 ist sie Doktorandin. Ihre Forschungsinteressen sind die Auswirkungen von Vernachlässigung und Missbrauch in der Kindheit auf Menschen.