Fachleute sind sich einig: Jeder von uns kennt mit Sicherheit mindestens ein Kind, das Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist. Für Eltern ist dabei eine Frage ganz zentral: Wie kann ich mein eigenes Kind davor schützen?

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Es sind nicht nur Einzelfälle: In jeder Schulklasse sitzen ein bis zwei Kinder, die von sexueller Gewalt betroffen sind, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

"Diese Häufigkeit macht es deutlich: Wenn Sie einen Verdacht haben, dass ein Kind aus Ihrem Umkreis sexualisierte Gewalt erfährt, tun Sie das bitte nicht als Spinnerei ab. Trauen Sie Ihrem Gefühl, wenn Sie den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt. Schauen Sie genau hin – nicht weg. Bleiben Sie aufmerksam. Suchen Sie sich Unterstützung", appelliert Tanja von Bodelschwingh, Beraterin beim "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch". Niemand mache etwas falsch, der einen noch so vagen Verdacht den Beraterinnen und Beratern am Hilfetelefon schildere, was kostenlos und anonym möglich sei.

Wachsam sein bedeutet nicht permanente Überwachung

Für Eltern ist zudem ein grosses Thema: Was kann ich tun, um mein Kind zu schützen? Kann ich überhaupt etwas tun, ohne es permanent zu beaufsichtigen? Die Antwort ist: ja.

Zum einen kursieren viele Irrtümer über sexuelle Gewalt - wer sie kennt und weiss, wo tatsächlich die grössten Gefahren lauern, hat den ersten Schritt zur Prävention getan. Darüber hinaus ist auch der generelle Umgang mit Kindern entscheidend – sowohl der Eltern als auch in pädagogischen Institutionen. "In Fachkreisen spricht man von präventiver Erziehungshaltung", erklärt von Bodelschwingh.

Ein präventiver Erziehungsstil sei geprägt von gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und offenen Ohren für die Themen, Fragen und Sorgen der Mädchen und Jungen. Diese Haltung lasse sich auch durch Präventions-Workshops und -Kurse in der Schule und im Kindergarten verankern.

"Wichtig ist aber natürlich vor allem auch, aufmerksam zu sein – zum Beispiel für Verhaltensänderungen und Stimmungen von Kindern", betont sie. Sexuelle Gewalt zu erkennen, sei schwer. "Missbrauch aber überhaupt erstmal als eine Möglichkeit für Belastungen oder Verhaltensauffälligkeiten in Betracht zu ziehen, ist ein erster und wichtiger Schritt, Kinder zu schützen."

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Erster Schritt: Irrtümer beseitigen

Zu den häufigen Irrtümern sagt von Bodelschwingh: "Viele Eltern denken, dass die grösste Gefahr von Fremden ausgeht. Sie hoffen, einen Täter oder eine Täterin würde man schnell erkennen. Doch genau das Gegenteil ist erfahrungsgemäss der Fall." Der Verein N.I.N.A., bei der die Sozialpädagogin tätig ist, und die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI) klären daher kontinuierlich über klassische Mythen zu sexualisierter Gewalt auf. Hier einige wichtige Fakten:

  • In den allermeisten Fällen stammen die Täter und Täterinnen aus dem nahen Umfeld des Kindes, sind also keine Fremden. Vielmehr sind sie den Kindern vertraut.
  • Es sind nicht nur Männer: Auch Frauen üben sexualisierte Gewalt aus.
  • Nicht alle Täter und Täterinnen sind pädophil und nicht alle pädophilen Menschen missbrauchen Kinder: Das Motiv der Tat ist nicht in erster Linie die sexuelle Ausrichtung, sondern das Gefühl von Macht über einen anderen Menschen.
  • "Die Täter und Täterinnen sind fast immer Menschen, von denen man es niemals erwarten würde. Sie gelten als besonders engagiert - etwa in ihrem Ehrenamt als Jugendleiter oder Sporttrainerin - und geniessen allseitiges Vertrauen und Anerkennung", betont von Bodelschwingh.
  • Auch Jungen sind betroffen - und zwar häufiger als viele denken: In etwa einem Drittel der 2019 angezeigten Taten war das der Fall.
  • Kinder erzählen ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen nicht unbedingt von der Tat: "Dafür gibt es sehr viele, sehr komplexe Gründe: Viele schämen sich, weil ihnen der Täter oder die Täterin vermittelt, dass sie mitgemacht haben und selbst Schuld sind. Er oder sie macht ihnen weiss, das sei etwas ganz Normales, etwas, das dazugehört: Alle Kinder würden das machen. Meistens drohen die Tatpersonen dem Jungen oder Mädchen auch mit schlimmen Konsequenzen, wenn sie etwas verraten. Die Kinder befürchten, niemand würde ihnen glauben oder - wenn der Täter oder die Täterin ein sehr nahestehender Mensch ist: diesen Mensch womöglich ganz zu verlieren, wenn die Tat bekannt wird."

Mit Erziehung lässt sich viel erreichen

Auch mit ihrer Erziehungshaltung, mit ihrem konkreten Umgang mit Kindern und Jugendlichen können Eltern und pädagogische Einrichtungen sehr viel zu deren Schutz beitragen, sagt von Bodelschwingh. Sie nennt einige Grundzüge einer solchen Erziehung:

  • "Es ist wichtig, dass Erwachsene die Selbstbestimmung von Kindern unterstützen und fördern: Kinder dürfen ihre Meinung sagen und sich abgrenzen. Sie müssen in all ihren Anliegen ernst genommen werden und erfahren, dass eigene Bedürfnisse von Bedeutung sind und sie selbst dafür einstehen dürfen und können. Ziel der Erziehung und Bildung ist nicht, dass Kinder den Erwachsenen uneingeschränkt gehorchen.
  • Der Umgang mit Kindern sollte geprägt sein von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung. Diese Achtung vor dem anderen – egal ob Kind oder Erwachsener - gilt uneingeschränkt und auch, wenn das Kind beispielsweise etwas gemacht hat, was es aus Sicht der Erwachsenen nicht sollte. Kinder müssen erfahren, dass sie sich mit allen Problemen anvertrauen können und dadurch nicht weniger geliebt werden – auch wenn es mal Ärger gibt.
  • Kinder sollten ermutigt werden, sie selbst zu sein und eigenen Bedürfnissen nachzugehen - ohne dabei die Grenzen anderer zu verletzen.
  • Erwachsene können Kinder dabei unterstützen, den eigenen Körper als wertvoll, liebens- und schützenswert zu begreifen. Dazu gehört auch, die persönlichen und körperlichen Grenzen von Kindern in jeder Situation zu respektieren. Um hierfür ein Beispiel zu geben: Wenn ein Kind sich am Strand nicht ohne Sichtschutz umziehen möchte, dann muss das in Ordnung sein. Vermeiden Sie Aussagen wie: "Stell dich doch nicht so an. Dir guckt keiner was weg." Helfen Sie dem Kind lieber dabei, sich mit gutem Gefühl und geschützt vor den Blicken anderer umziehen zu können.
  • Eine wichtige Botschaft ist auch, dass Kinder selbst über ihren Körper bestimmen dürfen. Geben Sie kein Küsschen, wenn das Kind dies nicht möchte. Machen Sie dem Kind auch kein schlechtes Gewissen deswegen. Kinder müssen auch mitentscheiden dürfen, wann sie fotografiert werden und ob das Bild gepostet und für andere sichtbar wird.
  • Wichtig ist auch, dass Kinder gute Geheimnisse (eine tolle Überraschung, die man für Papa gebastelt hat) und schlechte Geheimnisse, mit denen es einem nicht gut geht, unterscheiden können. Bei den schlechten Geheimnissen gilt: Du kannst und sollst dich jemandem anvertrauen und darüber sprechen. Das ist kein Petzen!
  • Eine in vielen Familien häufig wiederholte Warnung lautet: "Nicht mit Fremden mitgehen!" Dabei sind die Täter und Täterinnen den betroffenen Kindern nur in absoluten Ausnahmefällen wirklich fremd. Kinder für solche Ausnahmesituationen zu sensibilisieren, ist natürlich wichtig – denn sie sollen nicht in ein fremdes Auto einsteigen oder mit einem fremden Menschen mitgehen. Problematisch ist jedoch, wenn Kinder durch eine solche Art der Prävention die sehr viel subtileren und manipulativeren Annäherungsversuche und Grenzüberschreitungen durch eine vertraute Person gar nicht als Gefahr oder Übergriff einordnen können. Es sind vor allem dem Kind besonders nahestehende Menschen, die sexuelle Gewalt ausüben – auch wenn dies schwer vorstellbar ist.
  • Sexualerziehung und Prävention von sexueller Gewalt ist gerade in einer Gesellschaft wichtig, in der Sexualität allgegenwärtig ist. Gerade dann brauchen Kinder Orientierung im Dschungel der sexuellen und sexualisierten Botschaften und Reize. Sexueller Missbrauch wird von vielen Menschen mit Sex in Verbindung gebracht. Dabei üben die Täter und Täterinnen Gewalt gegen Kinder aus – auf sexualisierte Art und Weise und dabei ausgesprochen manipulativ.
  • Hilfreich ist, wenn Familien zuhause Literatur zum Thema haben, die Kindern Mut macht, Grenzen zu setzen oder die kindgerecht aufklärt. Buchtipp: "Kein Küsschen auf Kommando", geeignet bereits für Kinder ab 3 Jahren. Mehr Lesetipps finden sich online beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch. Kindgerechte Infos im Netz bietet die Seite trau-dich.de der bundesweiten Initiative zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs, dort findet sich beispielsweise auch eine Broschüre als PDF für Acht- bis Zwölfjährige.
  • Nicht zuletzt ist eines von hoher Bedeutung: Die Familie ist kein geschlossenes System. Es ist wertvoll für das Kind zu wissen: Es gibt auch ausserhalb des engsten Familienkreises geeignete Vertrauenspersonen, an die ich mich wenden kann. Erlebt das Kind, dass die Eltern auch für ihre Belange Beratung in Anspruch nehmen, ist das nichts zu Verbergendes, sondern im Gegenteil ein sehr gutes Vorbild für das Kind! Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es sich im Ernstfall Hilfe suchen wird. Das ist besonders dann wichtig, wenn der Täter oder die Täterin aus dem engsten Familienkreis kommt."

Für wichtig hält von Bodelschwingh auch, das Wissen zu hilfreicher Prävention und Beratungsangeboten bekannter zu machen: "Es kursieren nicht zuletzt so viele Irrtümer, weil die Menschen viel mit Ängsten und zu wenig mit Aufklärung konfrontiert sind. Dabei liesse sich damit viel bewirken." Deshalb appelliert sie: "Schlagen Sie Präventionsprojekte vor an den Einrichtungen, in denen Ihr Kind ein- und ausgeht. Und sprechen Sie auch mit anderen Familien über das Thema."

Über die Expertin: Tanja von Bodelschwingh ist Sozialpädagogin und beim Verein N.I.N.A. e. V. (Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen) in Kiel. Zudem ist sie Beraterin beim "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch".

Verwendete Quellen:

  • Interview mit der Tanja von Bodelschwingh
  • Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI)
  • Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Wenn Sie selbst oder Ihr Kind von sexueller Gewalt betroffen sind oder Sie einen Verdacht haben, wenden Sie sich bitte an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530 (Deutschland), die Beratungsstelle für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder (Tamar) 01 334 0437 (Österreich) beziehungsweise die Opferhilfe bei sexueller Gewalt (Lantana) 031 313 14 00 (Schweiz).

Falls Sie bei sich oder anderen pädophile Neigungen festgestellt haben, wenden Sie sich bitte an das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden".