Der Krieg im Sudan dauert an und gerät doch immer mehr aus dem Blick der Weltöffentlichkeit. Im Interview erklärt die stellvertretende Leiterin von UNICEF Sudan Annmarie Swai, warum gerade diese fehlende Aufmerksamkeit für Kinder zur grössten Gefahr wird.
Kurz, für eine Woche im Jahr, liegt der Fokus für einen Moment auf einer der grössten humanitären Krisen der Welt. Der Sudan befindet sich inzwischen im vierten Jahr eines verheerenden Krieges, der grosse Teile des Landes destabilisiert hat. Zentrale Versorgungssysteme wie Gesundheit, Bildung und Wasser sind in vielen Regionen zusammengebrochen. Besonders Kinder wachsen in einem Alltag aus Angst, Gewalt und Unsicherheit auf.
Vor einigen Tagen wurde bei einer internationalen Konferenz in Berlin beschlossen, das Land mit weiteren 1,5 Milliarden Euro zu unterstützen. Ob das reicht, ist fraglich: Allein UNICEF benötigt in diesem Jahr 963 Millionen US-Dollar, um Kinder und Familien zu unterstützen. Die finanzielle Lücke ist weiterhin da. Was die Menschen im Sudan jetzt dringend brauchen, erklärt Annmarie Swai, stellvertretende Leiterin von UNICEF Sudan, unserer Redaktion im Gespräch.
Frau Swai, wird der Sudan vom Rest der Welt ignoriert?
Annmarie Swai: Die Aufmerksamkeit der Welt schafft es nicht, mit der Eskalation Schritt zu halten. Wir kommen jetzt ins vierte Jahr dieses Krieges. Im Sudan besteht die Gefahr, dass die Krise weiter andauern und es nicht ausreichend Geld geben wird.
Was passiert dann?
Ohne Sichtbarkeit und Unterstützung werden vor allem die Kinder im Sudan leiden. Klar ist, dass es weltweit gerade viele Bedürfnisse und Krisen gibt, aber der Sudan ist eine davon.
Können Sie ein Bild davon zeichnen, wie Kinder den Krieg erleben?
Kinder leben in konstanter Angst, Instabilität und Gewalt. Vor allem in den aktiven Kampfzonen wie Kordofan oder Darfur. Jeder Aspekt im Leben eines Kindes – sei es Familie, Zuhause, Schule oder Stabilität – wird durch diesen Krieg untergraben. Und da nichts sicher und stabil ist, wird sich das auf ihr zukünftiges Wohlbefinden, ihre Gesundheit, Bildung und ihr ganzes Leben auswirken.
Derzeit liegt die Aufmerksamkeit ja vor allem auf dem Krieg im Iran. Was bedeutet das für den Sudan?
Die Lage im Iran macht es im Sudan nicht leichter. Wir spüren erste Auswirkungen. Ein grosser Teil unserer Arbeit ist der Transport von Hilfsgütern durch das Land oder die Aufbereitung von Wassersystemen. Dadurch, dass der Brennstoff teurer wird, wird auch unsere Arbeit beeinträchtigt. Das ist ein zusätzlicher Faktor in einer ohnehin schon schwierigen Situation.
"Diese Lücke hat zur Folge, dass viele Menschen keine lebenswichtige Hilfe erhalten werden."
Sie haben die Unterfinanzierung bereits angesprochen. Wie gross ist die Lücke zwischen den humanitären Bedürfnissen und dem vorhandenen Geld?
Von den für UNICEF 2026 benötigten 963 Millionen US-Dollar sind bisher nur 149 Millionen eingegangen. Das bedeutet, dass noch etwa 84 Prozent unseres Gesamtbedarfs fehlen. Diese Lücke hat zur Folge, dass viele Menschen keine lebenswichtige Hilfe erhalten werden.
Können Sie diese Lücke in konkrete Beispiele übersetzen?
Wir sind gezwungen zu priorisieren. Das heisst, wir müssen schauen, wo es die grösste Notwendigkeit gibt und lebensrettende Hilfe geleistet werden muss, vor allem für Kinder. Das Problem ist, dass andere Kinder dabei in schlimmere Situationen rutschen, weil wir ihnen nicht die Hilfe geben konnten, die sie brauchen.
Wie kann man angesichts all des Leids priorisieren, wer Hilfe bekommt?
Es ist wahnsinnig schwierig und herausfordernd. Wir müssen einer grossen Menge an Anforderungen mit wenig Ressourcen begegnen. Wir haben bei UNICEF aber das Glück, dass wir ein Mandat in vielen verschiedenen Bereichen haben. Dadurch können wir verstehen, wo der Bedarf am dringendsten ist und dort Unterstützung leisten. Wir versuchen immer das Beste zu geben mit dem, was wir haben.
Der Krieg herrscht jetzt seit drei Jahren. Was bedeutet es für Kinder im Sudan, wenn es nicht bald zu einer Waffenruhe kommt?
Mehr Menschen werden hungern – denn dadurch, dass so viele vertrieben werden, können sie keine Landwirtschaft betreiben und es wird kaum Ernten geben. Aus der Perspektive von Kindern wird es bedeuten, dass sie mehr Gewalt und Ausbeutung erleben. Ihre Bildungslücke wird immer grösser, da sie nicht zur Schule gehen können.
"Aber wir sehen, was sich verändern kann, wenn die aktiven Kämpfe aufhören und die Menschen die Möglichkeit haben, sich wieder aufzurappeln."
Und umgekehrt gefragt: Wenn es jetzt eine Waffenruhe geben würde, wäre dann alles besser?
Es gäbe zumindest ein wenig Stabilität. Nach drei Jahren Krieg bräuchte es eine lange Phase der Erholung. Ein Waffenstillstand würde bedeuten, dass die anhaltenden Auswirkungen des Krieges ein Ende finden würden. Aber wir sehen, was sich verändern kann, wenn die aktiven Kämpfe aufhören und die Menschen die Möglichkeit haben, sich wieder aufzurappeln.
Zum Beispiel?
Als in Karthum die Kämpfe aufgehört haben, konnten viele Menschen in die Stadt zurückkehren. Wir in der humanitären Hilfe können Grundlagen wieder aufbauen und müssen uns nicht nur auf lebensrettende Unterstützung konzentrieren. Wir können daran arbeiten, zum Beispiel Wassersysteme, das Gesundheitswesen, Bildungseinrichtungen wieder aufzubauen. Sowas ist schwierig, wenn man keinen Zugang zu den Menschen hat, wie das in vielen anderen Regionen noch der Fall ist.
Ab wann ist eine humanitäre Krise nicht mehr umkehrbar?
Im Sudan sind schon das Gesundheitssystem, die Wasserversorgung und das Bildungssystem kollabiert. Es gibt also ein echtes Risiko für einen langfristigen und nicht mehr umkehrbaren Schaden. Kinder sind traumatisiert, sie waren seit Jahren nicht in der Schule. Wenn es so weitergeht, denke ich, dass wir an einem Punkt sind, wo es kein Zurück gibt.
Was braucht der Sudan vom Rest der Welt?
Zuallererst uneingeschränkten und ungehinderten Zugang zu allen Konfliktgebieten, vor allem in Darfur und Kordofan. Wir müssen Kinder da versorgen können, wo sie es am dringendsten brauchen. Ausserdem eine flexible, aber vorhersehbare Finanzierung. Und das internationale humanitäre Recht muss respektiert werden.
"Es ist unglaublich zu sehen, wie schnell Kinder sich wieder erholen können."
Was meinen Sie damit?
Empfehlungen der Redaktion
Vor allem, dass die Zivilbevölkerung geschützt werden muss, ebenso wie humanitäre Helfer. Auch zivile Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser dürfen nicht angegriffen werden. Dieser Krieg muss beendet werden. Ohne eine anhaltende Waffenruhe wird es immer nur weiter eskalieren.
Gibt es trotzdem etwas, das Ihnen Hoffnung macht?
Es ist unglaublich zu sehen, wie schnell Kinder sich wieder erholen können. Da wo wir es schaffen, Schulen wieder zu öffnen und Bildungsprogramme zu starten, sehen wir, was für eine Stabilität das den Kindern, aber auch den Eltern und letztendlich dem Land gibt. Das macht mir Hoffnung. Und diese Kinder verdienen nicht weniger als das.
Über die Gesprächspartnerin
- Annmarie Swai ist stellvertretende UNICEF-Vertreterin im Sudan, wo sie für die Gesamtkonzeption, Koordination und Umsetzung der UNICEF-Programme verantwortlich ist. Sie ist seit vielen Jahren für UNICEF und im humanitären Bereich tätig und koordiniert die Massnahmen in verschiedenen Programmbereichen, darunter auch die Reaktion auf die aktuelle humanitäre Krise.