Wer ab und an ein Glas Wein trinkt, lebt gesünder – oder etwa doch nicht? Immer wieder werden geringen Mengen Alkohol positive Effekte für die Gesundheit nachgesagt. Ob und was an dieser Aussage dran ist, lesen Sie hier.

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"Der Wein erfreut des Menschen Herz." Das sagte nicht nur einst Johann Wolfgang von Goethe - es steht bereits in der Bibel (Psalm 104, 15). Aber ob er auch gesund und gut für unsere Gesundheit ist, gilt als umstritten. Mässig viel Wein soll das Risiko reduzieren, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen. Das liest man zumindest immer wieder. Doch ist das wahr?

Stimmt nicht, sagt Professor Dr. Helmut Seitz aus Heidelberg. Seit 1976 forscht er zum Thema Alkohol und dessen Auswirkungen auf den menschlichen Körper: "Es kann durchaus sein, dass es einem Menschen nicht schadet, ab und an ein Glas Alkohol zu trinken. Aber das als gesund zu bezeichnen, ist schlichtweg falsch."

Schon geringe Mengen Alkohol sind schädlich

Diese Aussage wird auch durch eine im Fachblatt "The Lancet" veröffentlichte Studie untermauert, die im vergangenen Jahr publiziert wurde. Die grossangelegte Studie zum Alkoholkonsum erstreckte sich auf 195 Länder und Gebiete und einen Forschungszeitraum von 26 Jahren. Insgesamt wurden die Daten von 28 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 95 Jahren erfasst.

Das internationale Team aus Wissenschaftlern – darunter auch einige deutsche Forscher – erklärt in den Ergebnissen, dass bereits der Konsum von mehr als 100 Gramm reinem Alkohol pro Woche die Lebenserwartung verkürzt und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich steigert. 100 Gramm reiner Alkohol entspricht ungefähr einem Liter Wein oder Sekt, einem halben Liter Schnaps oder rund 2,5 Litern Bier.

Der Trend geht auch beim Essen zurück zum Selbermachen, denn Fertigprodukte sind in Zeiten von Clean Eating und Healthy Food ohnehin verpönt. Wer jetzt denkt, Selbermachen sei doch viel zu aufwändig, der sollte sich die folgenden Produkte einmal anschauen.

Gute Substanzen nicht ausreichend

Immer wieder liest man aber auch von gesunden Stoffen in alkoholischen Getränken. Dazu gehören antioxidative Polyphenole wie Resveratrol und Quercetin. Ist die grössere Menge an Resveratrol in Rotwein deshalb ein Plädoyer für das tägliche Gläschen? Auch hier lautet die Antwort: nein.

"Man müsste riesige Mengen Alkohol trinken, damit die Menge von Resveratrol oder Quercetin zum Tragen kommt. Alkohol ist eine Substanz, die oxidativen Stress macht. Resveratrol und Quercetin sind antioxidative Stressfaktoren. Die Substanzen wirken also gegen den Alkohol – aber der Alkohol ist viel stärker als die positiven Inhaltsstoffe."

Das heisst: Keine positiven Effekte auf den Körper. Wer bewusst lebt und gerne so etwas wie Resveratrol zu sich nehmen möchte, solle lieber Traubensaft oder grünen Tee trinken, so der Experte. Alkohol hingegen ist keine Medizin, sondern ein Genussmittel mit nicht unerheblichen Risiken.

Ein Glas Rotwein zum Abendessen, ein Bier zum Fussballgucken, ein Cocktail mit den Freundinnen – Gelegenheiten zum Trinken gibt es zur Genüge. Doch ab wann ist Alkohol schädlich, wo verlaufen die Grenzen zwischen Genuss, Gewohnheit und Abhängigkeit?

Alkohol kann Krebsentstehung fördern

Es ist nachgewiesen, dass Alkohol rund 200 Krankheiten auslösen oder verstärken kann. Seitz zählt eine lange Liste von Erkrankungen auf. Diese reicht von der Schädigung der Leber bis hin zu diversen Krebserkrankungen. "Vor zehn Jahren sass ich mit einem Forscherteam aus 20 Experten zusammen. Das Ergebnis der Studie war eindeutig: Alkohol ist krebserregend. Daran gibt es keinen Zweifel."

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO listet Alkohol als einen der Hauptfaktoren für die Entstehung von Krebs. Auf chronische Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Schuppenflechte, kann Alkoholkonsum ebenfalls einen negativen Effekt haben. "Wenn Sie aber ein gesunder Mensch sind, der keine chronischen Erkrankungen hat, können Sie bis zu drei Gläser Wein oder Bier in der Woche trinken. Dafür müssen Sie aber wirklich rundum gesund sein", so Seitz.

Schnaps und Billig-Alkohol sind besonders gefährlich

Dazu ist ausserdem zu beachten: Alkohol ist nicht gleich Alkohol. Es gibt durchaus alkoholische Getränke, die ungesünder sind als andere. "Schnäpse sind ganz schlecht, da sie hochkonzentriert sind, die Schleimhaut in Mund und Speiseröhre schädigen und dort auch Krebs verursachen können. Dass Rotwein gesünder als Weisswein ist, ist Quatsch. Es gibt Alkoholika mit Beistoffen wie Aldehyde und Fuselöle, die nicht besonders gut für die Gesundheit sind. Die findet man beispielsweise in billigem Wein."

Dennoch spielt Seitz nicht den Missionar und sagt den Menschen nicht, dass sie gar keinen Alkohol mehr trinken sollen. "Das ist sicherlich auch utopisch. Alkohol ist ein gutes soziales 'Schmiermittel' und gesellschaftlich anerkannt. Wenn man es in Massen geniesst, kann man es vertreten. Aber gesund ist es deshalb noch lange nicht."

Prof. Dr. med. Helmut K. Seitz ist Professor der Universität Heidelberg für Innere Medizin, Gastroenterologie und Alkoholforschung. Er ist zugleich Direktor des Alkoholforschungszentrums (AFZ).

Verwendete Quellen:

  • Interview Prof. Dr. med. Prof.h.c. (VRC) Helmut K. Seitz
  • WHO
  • The Lancet
  • Kenn dein Limit
  • Ärzteblatt
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