Sie haben keine Thigh Gap und leiden unter Skinny Fat? Dann wird es Zeit für eine Runde Body Shaming! Wer den Satz nicht verstanden hat, darf sich beglückwünschen. Denn dabei handelt es sich um höchst zweifelhafte Schönheitsideale, die im Netz kursieren. Doch längst nicht jeder ist immun dagegen.

Unter Body Shaming versteht man die Scham, die Menschen angesichts der (vermeintlichen) Schwachstellen ihres eigenen Körpers empfinden. Nicht immer jedoch muss die Körperkritik von einem selbst kommen, wie Dani Mathers, 29, ihres Zeichens US-Playmate kürzlich eindrucksvoll bewies.

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Frauen immer unzufriedener mit ihrem Körper

Die Besagte fühlte sich nämlich dazu befähigt, via Snapchat das Foto einer Frau zu veröffentlichen, die nach dem Besuch eines Fitnessstudios nackt unter der Dusche stand. Das Auffällige an der Frau? Sie war weder dick noch dünn, weder jung noch alt, weder klein noch gross, sondern einfach ziemlich normal.

Neben der Aufnahme postete Dani Mathers ein Foto von sich selbst, wie sie sich - halb entsetzt, halb belustigt - die Hand vor das Gesicht hält. Zusätzlich garnierte sie ihren Post mit dem Spruch "If I can't unsee this, you can't.", also in etwa, "Wenn mir dieser Anblick nicht erspart bleibt, dann euch auch nicht!". Seitdem fegt dem Playmate ein mächtiger medialer Shitstorm um die Bunny-Ohren.

Nun könnte man angesichts der empörten Reaktionen zu dem Schluss kommen, das Thema Body Shaming habe sich im Jahr 2016 grösstenteils erledigt und sei einem entspannten Umgang mit den unterschiedlichen Körperformen gewichen. Tatsächlich belegen aber zahlreiche Studien, dass speziell Frauen heute unzufriedener denn je mit ihren Körpern sind. Und auch die Männer lassen sich immer mehr einreden, sie seien nicht in Ordnung.

So kommt eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag des Nestlé Ernährungsstudios aus dem Jahre 2014 zu dem Ergebnis, dass sich 39 Prozent der Frauen und ein Viertel der Männer in Deutschland unwohl mit ihrem Körper fühlen. Als Grund nennt die Studie unter anderem, dass Schlankheit inzwischen nach ihrem Empfinden für beruflichen Erfolg und einen hohen sozialen Status stehe.

Von der "Thigh Gap" bis zur "Collarbone Challenge"

Doch "nur" schlank zu sein reicht vielen längst nicht mehr. Im Gegensatz zu den 1990er Jahren, als Models wie Kate Moss den Heroin Chic populär machten, lautet das Credo der Stunde: Fit und durchtrainiert sein, Bauchmuskeln statt Size Zero. Der Wirtschaftshistoriker Simon Graf schreibt in der Fachpublikation "Body Politics – Zeitschrift für Körpergeschichte": "Der fitte Körper ist nicht nur jung, schön und schlank, sondern zieht seine Attraktivität auch aus dem Umstand, dass er für Willenskraft, Leistungsstärke und Gesundheit steht und damit ökonomische Verwertbarkeit verkörpert."

Neben dem Ideal, durchtrainiert sein zu müssen, sind Kurven und dicke Hintern à la Kim Kardashian bei Frauen derzeit wieder angesagt. Doch gerade bei jungen Mädchen hat Dünnsein immer noch einen sehr hohen Stellenwert, wie der Social-Media-Trend "Thigh Gap", der 2013 aufkam, verrät. Darunter versteht man eine Lücke zwischen den Oberschenkeln, die im Stand bei geschlossenen Beinen entsteht. Nur wenn ein deutlicher Spalt zwischen den Oberschenkeln bestehen bleibt, so der Trend, ist man dünn genug.

Dieser Trend wurde jüngst von der "Collarbone Challenge" abegelöst: Je mehr Münzen in ein Schlüsselbein passen, als desto attraktiver gilt man unter den teilnehmenden Teenagern. Experten sehen diese Social-Media-Trends sehr kritisch, wie Prof. Dr. Stephan Herpertz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte: "In der Adoleszenz ist man hochgradig sensibel für Ausseneinflüsse und hat ein problematisches Selbstwertgefühl. Die kleinste Infragestellung des Selbstwerts wird sofort am Aussehen festgemacht."

Schönheit im Wandel

Es scheint, als seien derzeit unterschiedliche Körperideale bei Frauen nebeneinander präsent. Eigentlich eine erfreuliche Entwicklung, würde diese das Verständnis vertiefen, dass Körper nun einmal unterschiedlich sind und sich nicht in gängige Schablonen pressen lassen. Tatsächlich aber driften die unterschiedlichen Ideale leicht in Extremformen ab. Das entspricht einer Grundregel der Attraktivitätsforschung, wonach immer das als schön gilt, was schwer zu erreichen ist. Zusätzlich wird operiert und gephotoshopt, was das Zeug hält. Und das längst nicht mehr nur bei Stars.

Ausserdem ist zu beobachten, wie sich die Anhänger der unterschiedlichen Trends gegenseitig anfeinden. Fälle von Body Shaming und gegenseitigem Niedermachen häufen sich in den sozialen Medien, auch Stars sind davor nicht gefeit. Lena Meyer-Landrut etwa wird oft wegen ihrer zierlichen Figur angegriffen, Alessandra Meyer-Wölden wegen ihres vermeintlichen Fitness-Fimmels und Stars wie Adele mussten sich schon oft Kommentare gefallen lassen, wonach sie "zu fett" seien.

Schönheitsideale sind einem permanenten Wandel unterworfen und wechseln sich gegenseitig ab. Auf den Trend, alle Körperformen als schön zu empfinden, so lange sie nicht in ein gesundheitlich bedenkliches Extrem abdriften, wartet man dagegen weiterhin vergebens.