Die Erkältungswelle rollt, die Krankenstände klettern immer höher: Kommen die Atemwegsinfektionen tatsächlich mit der kalten Jahreszeit oder woran liegt es, dass gerade so viele Menschen krank sind? Ein Mediziner gibt im Interview die Antworten – die auch mit Corona, Lüften und Homeoffice zu tun haben.

Ein Interview

Derzeit kennt fast jeder jemanden, der mit Husten, Schnupfen oder Fieber flachliegt. Woran liegt es, dass gerade so viele Menschen krank sind?

Mehr zum Thema Gesundheit

Micha Löbermann: Da kommen mehrere Ursachen zusammen. Zum einen gibt es in der jetzigen Jahreszeit immer mehr Atemwegsinfektionen als in anderen Jahreszeiten. Zum anderen müssen solche Infektionen auf jemanden treffen, der oder die für die Infektion empfänglich ist – und derzeit scheint es sehr viele Menschen zu geben, die für Infektionen empfänglich sind.

Was sind die Gründe dafür?

Teilweise lässt es sich damit erklären, dass wir in den letzten Jahren durch die Corona-Pandemie und ihre Schutzmassnahmen ein bisschen Immunschutz verpasst haben. Wir haben uns durch Maske, Abstand und Co. auch vor solchen Viren geschützt, die nun für Erkältungen sorgen. Das trifft vor allem jüngere Kinder, die bis zu zwei Jahre lang nur mit wenigen Viren in Kontakt gekommen sind, weil sie weniger in der Kita und viel zu Hause waren. Dadurch haben sie keinen Schutz aufgebaut und holen das jetzt nach. Das ist nicht schlimm, aber es kommen gehäuft mehr Erkrankungen zusammen, als wenn man es über die Jahre zusammengetragen hätte.

Lesen Sie auch

  • Was hinter den vielen Lungenentzündungen in China und Europa steckt
  • Umfrage: Vor zwei Krankheiten haben die Deutschen am meisten Angst

Welche Rolle spielt die kalte Jahreszeit?

In der kälteren Jahreszeit ist man mehr drin als draussen, sodass die Wahrscheinlichkeit steigt, höhere Virusmengen in der eigenen Atemluft zu haben. Wenn man ausserdem anfängt zu heizen, können die Schleimhäute trockener werden – man ist dann nicht mehr so abwehrfähig. Es ist allerdings noch nicht abschliessend erforscht, wie viel Einfluss das Heizen wirklich hat. Die Luftfeuchtigkeit spielt ebenfalls eine Rolle. Viren können in tropischen Regionen, wo die Luft viel feuchter ist, nicht so weit durch die Luft kommen. In trockener Luft können sie sich hingegen länger halten.

Wir alle kennen den typischen Elternspruch "Setz dir eine Mütze auf oder zieh dir eine Jacke an, sonst erkältest du dich". Ist da was dran oder ist das ein Mythos?

Da gibt es keinen wirklichen Zusammenhang. Was stimmt: Wenn man sich unterkühlt, dann ist die Abwehrkraft des Immunsystems geschwächt und man kann sich leichter anstecken. Aber solange man nicht friert, besteht kein Problem. Es ist vielmehr so, dass Menschen teilweise sogar zu warm angezogen sind. Wenn man dann beim Shoppen immer wieder von warmen in kalte Bereiche wechselt, friert man vielleicht eher.

Weitere News gibt's in unserem WhatsApp-Kanal. Klicken Sie auf "Abonnieren", um keine Updates zu verpassen.

Impfen

Zunahme von Atemwegserkrankungen: Krankenhäuser rufen zur Impfung auf

Angesichts der zunehmenden Zahl von Atemwegserkrankungen hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) an die Bevölkerung appelliert, sich gegen die Grippe und das Coronavirus impfen zu lassen. Besonders bestimmten Menschengruppen wird eine Impfung empfohlen.

Gibt es denn seit der letzten Erkältungssaison neue Forschungserkenntnisse zu Viren?

Forschende aus Belgien haben sich kürzlich mit der Raumluft befasst und verschiedene Messungen durchgeführt. Es hat sich gezeigt, dass Räume, in denen sich mehr CO2 befindet – also mehr Atemluft –, auch mehr Viren zu messen sind. Das betrifft sowohl die Konzentration der Viren als auch unterschiedliche Erreger. Es handelt sich dabei vor allem um Räume, in denen es eine geringere Frischluftzufuhr gibt. Die gesündesten Räume sind gelüftete Räume mit wenigen Menschen drin. Lüften ist also eine vorbeugende Massnahme, um sich nicht zu erkälten.

Gibt es weitere Forschungsergebnisse?

Forschende aus China haben sich über Jahre den Zusammenhang zwischen Atemwegsinfekten und dem Wetter angeschaut. Sie konnten zeigen, dass höhere Temperaturen und viel Sonne das Risiko für Ausbrüche von Atemwegsinfektionen vermindern. Die Forschung untermauert, dass das stimmt, was viele gerade leidvoll erfahren: Erkältungen haben mit unserer Umwelt zu tun, unserem Mikroklima und dem Schutz unseres eigenen Körpers.

Davon kann man aber nicht alles beeinflussen ...

Das stimmt. Gerade bei Menschen, die ein hohes Risiko haben, an Atemwegsinfektionen wirklich schwer zu erkranken, sind aber zusätzliche Schutzmassnahmen sinnvoll.

Was wären solche Schutzmassnahmen?

Man sollte sich gut überlegen, ob man unbedingt zur Arbeit geht, wenn man Husten oder Schnupfen hat oder sich fiebrig fühlt. Dort kann man schliesslich andere leicht anstecken und es ist dann sinnvoller, zu Hause zu bleiben, bis man sich wieder besser fühlt. Wenn es jemanden in der Familie gibt, der ein hohes Risiko hat, schwer krank zu werden, können sich alle Angehörigen zum Beispiel gegen Grippe oder Covid-19 impfen lassen, um das Risiko für sich selbst und andere zu senken.

Wie lange sollte man denn zu Hause bleiben, wenn man erkältet ist?

Eine grobe Regel sagt eine Woche. In der Regel ist es so, dass die Ansteckungsfähigkeit nach Beginn der Beschwerden mit jedem Tag deutlich sinkt und dass man meistens nach vier, fünf Tagen schon erheblich weniger ansteckend ist für seine Umgebung. Es ist immer wichtig, kurz in sich reinzuhören. Meist kann man selbst gut einschätzen, ob es einem wieder gut geht.

Über den Gesprächspartner

  • Prof Dr. Micha Löbermann ist Leiter der Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten am Zentrum für Innere Medizin der Universitätsmedizin Rostock.
JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.