Chinesische Forscher hatten es bereits vermutet, jetzt haben norwegische und deutsche Kollegen in einer Studie weitere Hinweise gefunden, dass die Blutgruppe eine entscheidende Rolle beim Verlauf einer COVID-19-Erkrankung haben könnte. Doch mit welcher Blutgruppe ist man besonders gefährdet?

Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer

Ein chinesisches Forscherteam hatte bereits Anfang März die Entdeckung gemacht, dass bei überdurchschnittlich vielen Menschen mit der Blutgruppe A ein schwerer Verlauf bei einer Corona-Erkrankung nachgewiesen wurde. Demgegenüber waren Menschen mit der Blutgruppe 0 weitaus weniger gefährdet.

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Wissenschaftler von der Universität Oslo und der Universität Kiel haben von insgesamt 1.610 Menschen Blutproben entnommen, die eine schwere Corona-Erkrankung hatten und bei der medizinischen Akutversorgung Sauerstoff benötigten. Die Blutproben stammten dabei aus den besonders von der Corona-Pandemie betroffenen Gebieten in Italien und Spanien. Die DNA der COVID-19-Patienten wurde mit denen von 2.205 gesunden Blutspendern aus den beiden Ländern verglichen.

Ergebnisse stammen aus einer Vorveröffentlichung

Die Vorabstudie, die vom Norweger Tom Karlsen und dem deutschen Wissenschaftler Andre Franke geleitet wurde, kam zu dem Schluss, dass bei Corona-Patienten mit der Blutgruppe A die Wahrscheinlichkeit Sauerstoff zu benötigen und an ein Beatmungsgerät angeschlossen zu werden, doppelt so hoch ist wie bei Menschen mit der Blutgruppe 0. Was das Risiko betrifft, liegen die Blutgruppen AB und B dazwischen.

Wie die Forscher mitteilten, handelt es sich um eine Vorveröffentlichung der Studienergebnisse, die noch nicht von anderen Wissenschaftlern geprüft wurde, eine sogenannte "Peer Review". Die bisherigen blutgruppenspezifischen Analysen deuten an, dass Träger der Blutgruppe A ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko haben, schwerer an COVID-19 zu erkranken. Dagegen scheint die Blutgruppe 0 mit einem protektiven Effekt assoziiert zu sein.

Die kürzlich auf dem "medRxiv"-Preprintserver erschienene Publikation chinesischer Wissenschaftler deutet auch an, dass die Blutgruppe A im Vergleich zu Nicht-A-Blutgruppen mit einem höheren Risiko für schwere COVID-19-Verläufe assoziiert ist (DOI: 10.1101/2020.03.11.20031096). Dagegen zeigte sich auch in dieser Studie, dass Träger der Blutgruppe 0 im Vergleich zu Nicht-0-Blutgruppen-Trägern ein geringeres Risiko für eine Infektion besitzen.

Unter der Blutgruppe versteht man die spezifische Beschaffenheit des Blutes von Menschen und Tieren. Man unterscheidet beim Menschen vier verschiedene Haupt-Blutgruppen: A, AB, B und 0. Zudem gibt es noch die Ausprägungen des Rhesusfaktors positiv und negativ.

Knapp 42 Prozent der Menschen in der Schweiz haben die Blutgruppe A. Etwa 38 Prozent tragen die Blutgruppe 0. Die Blutgruppe B kommt hierzulande bei 14 Prozent der Menschen vor, die Blutgruppe AB bei 6 Prozent. 85 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind Rhesus-positiv. Am seltensten findet demnach man die Kombination AB-.

Blutgruppe kann ein Risikofaktor für Infektionen sein

Schon lange forscht die Medizin an Zusammenhängen zwischen Blutgruppen und Infektionsanfälligkeiten auch bei anderen Erregern. Die Blutgruppe kann ein grundsätzlicher Risikofaktor für Krankheiten sein, sagt Markus Lerch, er ist Professor für Innere Medizin an der Universität Greifswald. Man sollte sie mit einbeziehen, wenn man nach den Ursachen für bestimmte chronische Leiden sucht.

Renate Heinz, Professorin für Innere Medizin an der Universität Wien, befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen den Blutgruppen und chronischen Erkrankungen des Menschen. Aus der Kardiologie wisse man, dass für Träger der Blutgruppen A, B und AB eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, Gefässkrankheiten zu bekommen, sagt sie. Sechs Prozent aller Herzerkrankungen sind nach Angaben des Verbands Deutscher Kardiologen auf eine ungünstige Blutgruppe zurückzuführen.

Der Grund dafür ist, dass sich in dem Blut der Gruppen A, B und AB mehr Gerinnungsfaktoren befinden. Das sind Eiweisse, die blutstillend wirken, wenn Blutgefässe verletzt werden, indem sie sich mit den Blutplättchen und der Gefässwand verbinden. Wunden schliessen sich schneller, wenn man mehr Gerinnungsfaktoren im Blut hat. Das Blut verklumpt leichter, deswegen bilden sich auch leichter Thrombosen.

"Eine erhöhte Thrombose-Neigung kann natürlich auch zu einer schlechteren Durchblutung des Gehirns führen", sagt Renate Heinz. Und somit zu Gedächtnisverlust und Demenz. Eine Studie der University of Vermont, USA konnte einen deutlichen Zusammenhang zur Blutgruppe der Demenz-Patienten feststellen. Ein Team um die Medizinerin Kristine Alexander wertete Gesundheitsdaten von mehr als 30.000 US-Amerikanern aus, die 45 Jahre oder älter waren und vier Jahre lang beobachtet wurden.

Besonders häufig traf der Gedächtnisverlust die Träger der Blutgruppe AB. Der Studie zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie dement werden, um 80 Prozent höher als bei Trägern die Blutgruppe 0, die besonders selten erkrankten.

Nicht bei allen Krankheiten profitieren Menschen mit Blutgruppe 0. Tendenziell sind Träger dieser Blutgruppe überempfindlich gegen neue Ernährungs- und Umweltbedingungen und haben eine Tendenz zu einem überaktiven Immunsystem. Bei Geschwüren, Allergien, Arthritis sind sie darum im Nachteil. Auch historisch waren Träger der Blutgruppen A, B oder AB besser gegen die Pest gerüstet als die Blutgruppe 0. Umso wichtiger ist es zu wissen, welche Auswirkungen die Blutgruppe nun auf die Corona-Erkrankungen hat.

Antigene und Antikörper - das Einmaleins des Blutgruppensystems

Grundsätzlich umfasst das System vier Hauptgruppen, die Gruppen A, B, AB und 0. Im Jahre 1900 entdeckte Karl Landsteiner dieses Blutgruppensystem anhand von Experimenten mit Blut. Er stellte fest, dass sich einige Blutproben beim Vermischen verklumpten. Er fand auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen zwei verschiedene Antigene, und zwar Antigen A und Antigen B, nach denen die Gruppen aufgeteilt sind. Blutgruppe A weist also das Antigen A auf, die Blutgruppe B das Antigen B. Die Gruppe AB besitzt sogar beide Antigene, während die Gruppe 0 keines der Antigene hat.

Die Antigene sind verantwortlich für die Verklumpung bei einer Vermischung der Blutgruppen, da sie Antikörper entwickeln, sobald "fremde" Blutkörperchen auftauchen. Blutgruppe A bildet Antikörper gegen B (Anti-B), Blutgruppe B gegen A (Anti-A). Blutgruppe AB bildet keine Antikörper, da sich die eigenen Blutkörperchen sonst gegenseitig zerstören würden. Da die Blutgruppe 0 keine Antigene hat, bildet sie die Antikörper Anti-A und Anti-B. Die Antikörper für die Antigene werden in den ersten Lebensjahren gebildet.

Ergänzend zum AB0-System kommt das Antigen D, Rhesusfaktor-D genannt, hinzu, das ebenfalls Karl Landsteiner genau 40 Jahre später entdeckt hat. Zusätzlich zu der Blutgruppe wird daher ebenfalls erwähnt, ob jemand Rhesus-positiv oder Rhesus-negativ ist. Oft wird das "positiv" oder "negativ" auch nur hinter die Blutgruppe gestellt, ohne den Term Rhesus zu erwähnen, das heisst A positiv, AB negativ etc. Etwa 85 Prozent der weissen europäischen und amerikanischen Bevölkerung und fast 100 Prozent aller Afrikaner, Asiaten und Indianer Nordamerikas sind Rhesus-positiv, der Rest Rhesus-negativ.

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