Das Coronavirus ist unsichtbar, mittlerweile weltweit verbreitet und für Risikogruppen potentiell tödlich. Der Psychiater und Klinikdirektor Andreas Hagemann erklärt, warum die Angst vor dem Virus natürlich ist – und was konkret dagegen hilft.

Ein Interview
von Marco Fieber

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Ist Angst angesichts der steigenden Coronavirus-Fälle in Deutschland unvermeidbar?

Andreas Hagemann: Von Geburt an ist der Mensch unbekannten und gefährlichen Situationen ausgesetzt. Die Reaktion auf diese Situationen wird als Angst bezeichnet. Sie ist evolutionsgeschichtlich sinnvoll, um sich vor einer realen oder antizipierten Gefahr zu schützen beziehungsweise sich nicht in Gefahr zu bringen. In Anbetracht der neuen, unter den heute lebenden Menschen nie dagewesenen Situation, mit einer aktuell unbeherrschbaren und insbesondere nicht vorhersagbaren Gesundheitsgefahr, ist es insofern nicht verwunderlich, dass zunehmend Ängste entstehen. Insbesondere die Angst, die Kontrolle zu verlieren und die Situation nicht überleben zu können, ist in der aktuellen Situation nachvollziehbar, da die Lernerfahrung für diese Situationen nicht vorhanden ist. Auch durch jede noch so detaillierte Aufklärung und Transparenz wird es nicht gelingen, die Angst bei allen Menschen komplett abzuwenden.

Wie kennzeichnet sich diese Angst?

Was Angst auslöst, wovor ich Angst habe, ist individuell unterschiedlich und hängt zu einem nicht geringen Grad von individuellen Lern- und Lebenserfahrungen ab. Junge Menschen haben weniger Erfahrungen damit, "was alles passieren kann", mit möglichen Risiken und Gefahren, als Ältere und gehen dementsprechend mehr Risiken ein. Angst per se entsteht im Gehirn, unter anderem werden dort die Hormone Adrenalin, Nordrenalin und Cortisol aktiviert. Hierdurch kommt es zu einer Anspannung der Muskulatur, zu einer Erhöhung von Blutdruck, Puls und Blutzucker sowie zu einer maximalen Leistungsbereitschaft des Körpers. Ziel ist es hierbei, sofort reagieren zu können, zu flüchten oder anzugreifen. Kann ich nun keine offensichtlich sinnvollen Handlungen durchführen, versuche ich durch Antizipieren vorherzusehen, was mir das Überleben sichert. Ich fange an zu hamstern, separiere mich, reagiere aggressiv auf geringste Reize und stehe unter einem enormen Stresslevel.

Hagemann: "Auf die Aussagen anderer verlassen"

Wie sollte man mit der Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Virus und womöglich der Angst vor einer Ansteckung umgehen?

Ein Patentrezept als Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Ich kann versuchen, mir rational klar zu machen, worin die akute Gefahr besteht, in welcher ich mich befinde, und mich nicht von meinen Emotionen leiten zu lassen. Was kann ich unternehmen, was ist objektiv sinnvoll und was nicht. Natürlich muss ich mich, wenn ich kein Experte bin, auf die Aussagen anderer verlassen. Und genau hier liegt oft das Problem: Nicht zu wissen, wem kann ich trauen und welche Informationen sind "die richtigen".

Wie machen Sie das?

Ich persönlich frage mich immer, was für einen Nutzen hätte mein Gegenüber, wenn es mich absichtlich in die Irre führen würde. Wo liegt der Profit des Anderen? Welchen Vorteil hat die Bundesregierung durch das Schliessen der Grenzen, durch Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens? Hierdurch gelingt es zumindest teilweise, die Motive anderer zu erkennen.

"Wo kann ich was verbessern"

Was kann ich in der aktuellen Corona-Krise tun?

Gerade ist es sinnvoll zu schauen, wo kann ich etwas verbessern, und das verändere ich dann. Dazu sollte ich jedoch auch identifizieren, was ich nicht verändern kann. Und wenn ich das erkannt habe, kann ich mich fragen, was es bringt, etwas Unveränderliches verändern zu wollen oder ob ich die Energie nicht besser in etwas Sinnvolleres investiere. Diesen Zustand, etwas Unveränderliches als solches zu erkennen, anzuerkennen, dass ich machtlos bin und nicht mehr mit der eigenen Machtlosigkeit zu hadern oder zu resignieren, nennt man Akzeptanz. Ich kann mich darauf konzentrieren, alles mir Mögliche zu tun, um nicht angesteckt zu werden, indem ich die Massnahmen ernst nehme. Wenn ich angesteckt wurde, kann ich andere schützen und somit die Ausbreitung in meinem Umfeld verhindern.

Wie sehr beeinflusst Angst unser Immunsystem und erhöht sich damit potentiell das Risiko?

Angst bedeutet im Grunde nichts anderes als Stress. Dass chronischer Stress zu einer erhöhten Anfälligkeit für Erkrankungen, insbesondere auch Viruserkrankungen führt, ist lange bekannt. Kurzfristig ist eine stressige Situation kein Problem, kann die Immunabwehr durch den Anstieg des Cortisols sogar steigen. Wenn der Zustand länger anhält, dann können ernsthafte gesundheitliche Probleme hieraus entstehen, insbesondere, wenn bereits Vorerkrankungen vorhanden sind. Die Pandemie und die damit verbundenen Ängste und Unsicherheiten sowie der damit einhergehende Stress sind ein Risikofaktor, welcher nicht zu unterschätzen ist.

Was kann ich vorbeugend tun, welche Massnahmen können helfen?

Es gibt einige unspezifische Möglichkeiten, den Stress zu reduzieren und damit sich und sein Immunsystem zu stärken. Hierzu zählen:

  • Regelmässiger Ausdauersport
  • Regelmässige Anwendung von Entspannungsverfahren
  • Gesunde, ausgewogene Ernährung
  • Verzicht auf übermässigen Konsum von Alkohol, Nikotin, Koffein
  • Regelmässige Pausen bei der Arbeit
  • Trennung zwischen Arbeit und Freizeit
  • Ausgleichende Freizeitaktivitäten
  • Angenehme soziale Kontakte
  • Klärung chronischer zwischenmenschlicher Konflikte
  • Verminderung von wiederkehrenden Überforderungssituationen
  • Ausreichender Schlaf
Andreas Hagemann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik in Eschweiler bei Aachen. Die Privatklinik für Psychosomatik ist spezialisiert auf Angst- und Panikstörungen, chronische Schmerzen, Burnout und Depressionen.