• Boko Haram galt als mörderischste Islamistengruppe Afrikas.
  • Nun ist ihr bisheriger Anführer tot – Abubakar Shekau hat sich selbst in die Luft gesprengt.
  • Das macht andere Terrorgruppen in Nigeria möglicherweise noch stärker.
Eine Analyse
von Frank Heindl

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Vladimir Kreck, Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung in Nigeria, gibt sich gelassen. Nein, man lebe zurzeit nicht in Angst in der Hauptstadt Abuja. Doch gleichzeitig gibt er zu, man dürfe die Bedrohungslage für seine Mitarbeiter und ihn nicht unterschätzen. Man meide Märkte und grosse Plätze. Zwar gelte die Terrorgruppe Boko Haram derzeit als geschwächt, doch möglicherweise profitierten davon andere islamistische Milizen.

Boko Haram, zu Deutsch ungefähr "Westliche Lehren sind Sünde", trat erstmals um das Jahr 2008 in Erscheinung. Der Prediger Mohammed Yusuf wollte mit der von ihm gegründeten Organisation den Islam verbreiten und forderte eine Abkehr vom westlichen Lebensstil. Die Bewegung hatte bei Demonstrationen grossen Zulauf. Der Staat reagierte mit Verboten, es kam zu Polizeiaktionen mit Hunderten von Todesopfern. Einer von ihnen war Mohammed Yusuf: Er wurde nach Militärangaben im Juli 2009 auf der Flucht erschossen, doch es gab auch Hinweise auf illegale Hinrichtungen.

276 entführte Schülerinnen, 40.000 Tote

Anschliessend übernahm Abubakar Shekau die Führung – und begründete eine neue Dimension des Terrors. Selbstmordattentate unter anderem auf das Polizei-Hauptquartier in der Hauptstadt, immer brutalere Anschläge und immer mehr zivile Opfer gehörten zu Shakaus Kalkül.

Die zynische Argumentation der Islamisten von Boko Haram: Zivilisten, die sich nicht an die islamischen Gesetze hielten, müssten nicht verschont werden. Für besondere Empörung sorgte 2014 die Entführung von 276 Schülerinnen.

40.000 Todesopfer hat die Auseinandersetzung bereits gefordert, bis Shekau nun starb. Er hat sich wohl selbst in die Luft gesprengt – auf der Flucht vor einem Angriff der konkur­rie­renden Islamisten­gruppe "Islamischer Staat Provinz West­afrika" (Iswap).

Sherkaus Tod wurde schon öfter vermeldet, doch diesmal scheint die Nachricht zu stimmen. Dass es wochenlang keine Stellungnahme von Boko Haram gab, führt Vladimir Kreck auf die Suche nach einem Nachfolger innerhalb der Organisation zurück.

Nun ist Bakura Moda als neuer Chef der Terrormiliz in Erscheinung getreten. Ob er sich als Anführer halten kann und ob Boko Haram überhaupt weiterbestehen wird, kann nicht als gesichert gelten. Der Tod des umstrittenen Führers Sherkau, der vielen Beobachtern als "simpler Krimineller" galt, wie Kreck betont, könnte Bewegung in die Aufstellung der Islamisten in Nigeria bringen.

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Der Iswap agiert strategisch geschickter

"Die Iswap wird versuchen, Führungspersonal und einfache Soldaten von Boko Haram abzuwerben", meint Kreck. Das könnte der Beginn einer neuen, anderen islamistischen Offensive sein. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist "fundamental", wie der Experte erklärt: Die Anführer der Iswap sollen in eroberten Gebieten für Sicherheit, Bildung, Infrastruktur sorgen und die Versorgung sicherstellen. Zwar erheben sie auch Steuern, doch mit diesen bezahlen sie Soldaten und Lebensmittel, anstatt, wie bei Boko Haram üblich, die Bevölkerung auszurauben.

Ein weiterer Vorteil der "gemässigten" Islamisten: Während Boko Haram im Namen der Volksgruppe der Konari agierte, tritt beim Iswap die ethnische Komponente in den Hintergrund – sie ist weit offener für alle und kann so behaupten, zum Wohle aller zu handeln. Es sei durchaus denkbar, meint der Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung, dass Abubakar Shekaus Tod für Boko Haram "der Anfang vom Ende" ge­wesen sei.

Doch das könne auch zu einer negativen Entwicklung führen: "Wenn die Islamisten sich nicht mehr gegenseitig schwächen, kann die Bedrohung demnächst zunehmen." Wiederkehrende Gerüchte über bevorstehende Angriffe auf die Hauptstadt seien ein Zeichen dafür, dass Bevölkerung und Regierung sich keinesfalls in Sicherheit wiegen dürften.

Mit Messern und Stöcken gegen die Islamisten

Indessen haben Teile der nigerianischen Bevölkerung längst begonnen, den Widerstand selbst zu organisieren. Die Civilian Joint Task Force " (CJTF) besteht vor allem aus Jugendlichen, die nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Messern und Stöcken bewaffnet gegen die Islamisten mobil machen. Auch dieser Organisation werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen – doch sie hat es ge­schafft, dass mancherorts wieder Normalität und relative Sicherheit eingekehrt sind.

Das ist auch das Ziel der nigerianischen Armee und einer Allianz der Nachbarländer Tschad, Niger, Kamerun und Benin. Deren Einsatz blieb allerdings bisher ohne durchgreifende Erfolge, trotz internationaler Hilfe. Wegen anhaltender Menschenrechtsverletzungen erhält Nigeria keine Waffen, Europa liefert aber Ausstattungshilfen wie Nachtsichtgeräte und Radaranlagen. Deutschland ist auch an zivilen Wiederaufbauprojekten beteiligt, nicht zu vergessen die Unterstützung der zwei Millionen Binnenflüchtlinge, die innerhalb des Landes vor den Islamisten Schutz suchen und zum grössten Teil in Lagern leben.

"Die Supermächte und die EU betrachten die Situation in Nigeria bisher als Regionalkonflikt", analysiert der Experte Kreck. Die Lage wird weit weniger gefährlich gesehen als in Krisenherden wie Syrien oder dem Irak. Anders auch als etwa in Mali, wo Europa mit der Ausbildungsmission EUTM seit 2013 auch militärisch vor Ort ist – der Bundestag hat die Anwesenheit von bis zu 450 deutschen Soldaten zuletzt im Mai verlängert.

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Nigerias Haltung: "Wir schaffen das allein"

Angesichts der Vielzahl weltweiter Krisenherde wundert die Zurückhaltung in Nigeria nicht. Kreck findet die Frage, ob die geringe Unterstützung Nigerias ein politischer Fehler sei, trotzdem "sehr schwer zu beantworten". Er gibt zu bedenken, dass es bisher kein offizielles Hilfsersuchen aus Nigeria gegeben habe.

Die Regierung wolle keine auslän­di­schen Truppen auf ihrem Territorium und vertrete nach wie vor den klaren Standpunkt: "Wir schaffen das allein." Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sich Boko Haram erholt und die Islamisten sich wieder gegenseitig in Schach halten – oder ob Abubakar Shekaus Tod dem islamischen Terrorismus in Nigeria neuen Auftrieb verschafft.

Der Experte: Dr. Vladimir Kreck ist Leiter des Auslandsbüros Nigeria der Konrad-Adenauer-Stiftung. Zum Zeitpunkt des Gesprächs mit unserem Portal befand er sich in der nigerianischen Hauptstadt Abuja.
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