Weite Teile der Pariser Kathedrale Notre-Dame sind durch einen Brand zerstört worden. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt Wolfgang Sonne, stellvertetender Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst, wie Brandschutz historische Gebäude gefährden kann und warum der Kölner Dom bereits heute besser geschützt ist als die Pariser Kathedrale.

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Nach dem Brand in der Pariser Notre-Dame hat Präsident Macron den vollständigen Wiederaufbau zugesagt. Von welchem Zeitraum spricht er?
Wolfgang Sonne: Die Zusage von Präsident Macron ist richtig und selbstverständlich. Vor den Bauarbeiten wird die Planungsphase ihre Zeit brauchen. Insgesamt kann ich mir vorstellen, dass der Wiederaufbau nicht unter 10 Jahren dauert.

Auf welche Dokumente bezieht man sich bei einem Wiederaufbau? Werden historische Gebäude üblicherweise vermessen?
Nur wenige Denkmale sind tatsächlich durch Bauaufmasse dokumentiert. Sicherlich wurden aber der Turm und der Dachstuhl im Zuge der Renovierung aufgenommen. Darauf kann man sich beim Wiederaufbau stützen.

Die Bäume, deren Holz im Dachstuhl verbaut sind, wurden in den Jahren 1160 und 1170 gefällt, ein Teil ist nun völlig zerstört. Lässt sich der emotionale Wert dieses Gebäudes wiederherstellen, oder zumindest annähern?
Das alte Material ist zerstört, das kann man nicht wiederbringen. Der Wert eines Denkmals ist aber nicht nur das Material selbst, sondern auch die Form der Materialien. Und die wird man nachbilden können. Wenn hier detailgetreu gearbeitet wird, und davon gehe ich aus, behält das Gebäude seinen emotionalen Wert.

Flammen zerstören Teile der weltberühmten Kathedrale. Ein Blick ins Innere.

Beim Dachstuhl, den man ja nicht sieht, wird allerdings zu entscheiden sein, ob Notre-Dame wieder eine Konstruktion aus Holz bekommt oder eine aus feuersicherem Stahl, wie das etwa beim Kölner Dom der Fall ist.

Das heisst, ein solcher Brand hätte im Kölner Dom nicht ausbrechen können.
In dieser Art sicherlich nicht, denn Stahl brennt nicht. Allerdings hat jedes Material seine Tücken. Sollte es in einem anderen Teil des Doms brennen, kann der Stahl schmelzen und ebenfalls Schäden verursachen.

Offenbar hat auch das alte Holz in der Kirche zum Brand beigetragen. Kann man bei der Instandhaltung von historischen Gebäuden einen Kompromiss zwischen Erhaltung und Brandschutz finden?
Bei historischen Gebäuden hat der Denkmalschutz grundsätzlich Vorrang. Man zerstört nicht das, was man erhalten will, wegen irgendwelcher Vorschriften.

Ein Beispiel ist das Freiburger Münster, bei dem der mittelalterliche Dachstuhl aus Holz noch heute vorhanden und somit feueranfällig ist. Man wird alles tun, dass sich dort nichts entzündet. Aber ersetzen wird man den Dachstuhl aus Gründen des Brandschutzes nicht.

Präsident Donald Trump hat kurz nach dem Unglück empfohlen, die Notre-Dame aus der Luft zu löschen. Der französische Zivilschutz wies den Vorschlag mit Verweis auf die Wassermassen zurück. Was schadet der Bausubstanz mehr– das Wasser, das in die obersten Gewölbe eindringt, oder das Feuer?
Die Mischung ist das Gefährlichste. Dem Stein setzt aber sicherlich die Hitze des Feuers mehr zu als das Wasser, sofern es denn abfliessen kann und sich nicht festsetzt.

Wie ist es um den Brandschutz in deutschen historischen Gebäuden bestellt? Gibt es Sprinkleranlagen?
Sprinkleranlagen klingen erst mal gut, können aber selbst eine grosse Gefahr für das Denkmal sein. Stellen Sie sich vor, die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar wäre mit einer Sprinkleranlage ausgestattet gewesen: Das hätte eine programmierte Zerstörung der Bücher bedeutet.

Gerade vor zwei Wochen ist beispielsweise die Sprinkleranlage im denkmalgeschützten Theater Duisburg bei Reparaturarbeiten losgegangen - seitdem ist der Bau unbespielbar.

Gibt es Beispiele aus der Vergangenheit, in denen ein Wiederaufbau geglückt ist und das Gebäude seinen intrinsischen Wert behalten hat?
Ein berühmtes Unglück war 1902 der Zusammensturz der Campanile am Markusplatz in Venedig. Den Wiederaufbau hat man nach dem Prinzip dov'era e com'era gemacht, also den Turm aufgebaut, wo er war und wie er war - und für kaum jemanden schmälert das heute seinen Wert.

In Deutschland sind nach dem Zweiten Weltkrieg viele zerstörte Kirchen wiederaufgebaut worden und haben ihre alte Rolle als stadtbildprägende Identifikationsbauten wieder übernommen.

Doch anders als bei den zufälligen Unglücken von San Marco oder Notre-Dame lag den Kriegszerstörungen schuldhaftes Verhalten zu Grunde, weshalb aus einer zerstörten Kirche bisweilen auch ein Mahnmal an die Grausamkeit des Krieges und die Verbrechen des Nationalsozialismus wie etwa bei der Gedächtniskirche in Berlin oder der lange in Trümmern gelassenen Frauenkirche in Dresden werden konnte.

"Die grössten Werke der Architektur sind weniger individuelle als soziale Werke, sie sind die Niederkunft von Völkern durch die Arbeit", schreibt Victor Hugo über die Notre-Dame. Welchen emotionalen Wert messen die Franzosen ihrer Kathedrale bei?
Dass sich die Menschen gestern in den Armen lagen, zeigt diese fast aktive identitätsstiftende Wirkung des Gebäudes - so wie es Hugo ja auch zum eigentlichen Hauptakteur seines Buches gemacht hat.

Welche Kraft von historischen Monumenten ausgeht, wird für viele leider erst im Fall des Verlusts offenbar. Wir hatten letztes Jahr das europäische Denkmalschutzjahr, aber das hat wenige Leute interessiert, weil historisch prägende Bauwerke für die meisten einfach selbstverständlich da sind.

Aber wenn Unglücke passieren, wie im Fall der Notre-Dame, dann zeigt sich, dass bedeutende historische Architektur ein emotionales Anliegen der Menschen ist und ein verbindendes Identifikationsmerkmal für Europa sein kann.

Der SPD-Politiker Ralf Stegner schrieb kurz nach dem Unglück, dass die Notre-Dame "wie ein verstörendes Menetekel in einem Europa wirkt, dessen Frieden und Wohlstand in diesen Zeiten von vielen Seiten bedroht wird." Eignet sich Architektur in besonderem Masse für politische Instrumentalisierung?
Ja, dazu eignet sich Architektur wunderbar. Grosse öffentliche Bauwerke sind immer auch Projektionsflächen für politische Ansichten. Gerade Notre-Dame ist dafür ein faszinierend-widersprüchliches Beispiel, denn hier prallen zwei Mythen Frankreichs aufeinander.

Da ist zum einen der Mythos der Republik, der in der französischen Revolution gründet, während der die Fassade der Kirche zum Teil zerstört wurde. Da ist zum anderen der Mythos der Nation, der im mittelalterlichen französischen Königtum gründet und für den Victor Hugo die Kirche Notre-Dame zum scheinbar ewigen steinernen Sinnbild stilisierte.

Heute wird die Zerstörung von beiden betrauert, der Nation und der Republik. Grosse Architektur steht stets bereit für grosse Sinnzuschreibungen.

Wolfgang Sonne ist Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der Technischen Universität (TU) Dortmund. Nach Stationen an der ETH Zürich, der Pariser Sorbonne-Universität und der Harvard University, forscht er heute zu Architektur und Städtebau vom 19. bis zum 21. Jahrhundert.