In vielen Regionen Spaniens haben die Einheimischen den Massentourismus satt. An etlichen Mietwagen auf Mallorca etwa kleben Sticker mit dem Satz "Tourismus killt Mallorca" oder "Dieses Auto ist zu viel". Auch in der Metropole Barcelona formieren sich Bürgerbewegungen gegen Touristen.

Touristen sind für Spanien Fluch und Segen zugleich. Sie spülen einerseits Geld in die Kassen, sorgen andererseits aber auch dafür, dass das Leben in den Touristenregionen für die Bevölkerung unbezahlbar wird.

In letzter Zeit mehren sich Protestaktionen einheimischer Gruppierungen und auch die Politik scheint dem Massentourismus nun Stück für Stück einen Riegel vorzuschieben.

Dass sich die Einheimischen gegen die Touristen auflehnen, verwundert Dr. Jürgen Kagelmann, Tourismusexperte aus München, nicht: "In vielen Regionen ist ein Punkt erreicht, an dem es zu viele Touristen sind. Die Masse an Urlaubern ist nicht mehr tragbar. Das sorgt für Unmut."

Airbnb macht Wohnraum unbezahlbar

"Das grösste Problem ist, dass sich die Lebenshaltungskosten für die Einheimischen massiv erhöhen. Die Mieten werden teurer, weil viele Wohnungen lieber zeitweise an Touristen vergeben werden. Das bringt einfach mehr Geld", erklärt Kagelmann weiter.

Deswegen sieht der Experte Plattformen wie Airbnb äusserst kritisch: "Hier tummeln sich mittlerweile wahnsinnig viele professionelle Anbieter und das hat fatale Konsequenzen für die Einheimischen."

Wohnraum wird zweckentfremdet und für die Bevölkerung unbezahlbar.

Aber nicht nur das: Je mehr Touristen zum Beispiel auf Mallorca sind, desto mehr Müll sammelt sich an.

Auch die Probleme mit der Wasserversorgung, die es dort schon immer gab, werden schlimmer: Touristen müssen ihr Wasser nicht rationieren, die Bewohner einiger Bergdörfer und Städte auf Mallorca aber schon.

Mallorquiner fühlen sich in der eigenen Heimat fremd

Mallorca ist und bleibt die Lieblingsinsel der Deutschen. Jahr für Jahr zieht es sie in Scharen auf das Eiland. Viele wandern sogar aus.

"Mittlerweile sind auf Mallorca so viele Touristen, dass die Einheimischen nicht mehr das Gefühl haben, dass es ihre Insel ist", erklärt Kagelmann.

Vonseiten der Politik gibt es mittlerweile Massnahmen, um dem Massentourismus Einhalt zu gebieten. So gibt es nun ein neues Gesetz, das die Zahl der Übernachtungen auf den Inseln Mallorca, Ibiza, Menorca und Formentera beschränkt.

Im kommenden Jahr soll ausserdem für die Hochsaison zwischen April und Oktober auch eine Obergrenze für Mietwagen festgesetzt werden. Ob das allerdings der richtige Weg ist, wagt Jürgen Kagelmann zu bezweifeln.

"Eine dauerhafte und vernünftige Verbesserung der Situation in Spanien und auf Mallorca kann nur über eine Erhöhung der Preise für Urlauber funktionieren. Man muss weg vom billigen Massentourismus. Denn wenige Touristen, die mehr bezahlen, sind besser, als viele Touristen, die weniger bezahlen."

Proteste werden aggressiver

Diese Probleme gibt es längst nicht mehr auf Mallorca. Auch in grossen Städten wie Barcelona oder in der Pilgerstadt Logroño im Norden Spaniens tummeln sich die Touristenhorden.

"Vor allem jetzt, wo weniger Touristen in die Türkei, nach Ägypten oder Tunesien reisen, wird Spanien natürlich noch beliebter", erklärt Kagelmann.

Die Proteste gegen die Massen werden aggressiver: Aktivisten der linken Organisation Arran zerstachen in Barcelona die Reifen der bei Touristen beliebten städtischen Fahrräder; zudem zwangen sie einen Bus mit Urlaubern zum Anhalten, zerstachen die Reifen und besprühten die Scheiben.

Andere Protestanten wehrten sich mit Plakaten mit der Aufschrift "Tourist Go Home" gegen die Massen, die über ihre Städte hereinfallen.

Kein Wunder, denn die Touristenzahlen brechen in ganz Spanien derzeit sämtliche Rekorde. In der ersten Jahreshälfte kamen so viele Urlauber wie noch nie zuvor. Insgesamt waren es 36,3 Millionen.

"Natürlich kann Spanien es sich nicht leisten, auf Touristen zu verzichten. Es ist eine gewisse Hilflosigkeit zu spüren. Grenzen zu ziehen, kann sich auch negativ auf das Image auswirken. Nach dem Motto‚ die wollen uns nicht haben. Das ist ein grosses Problem", erklärt Kagelmann.

Ob die bisherigen Massnahmen, die die Politik gegen den Massentourismus und die Umwandlung von Wohnungen in Ferienapartments ergriffen hat, wirklich Früchte tragen, wird sich wohl erst in den kommenden Jahren zeigen.