Der Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo sorgt weltweit für Sorge. Immer mehr Menschen infizieren sich, immer mehr sterben. John James von UNICEF ist vor Ort und erklärt, was jetzt am wichtigsten ist.

Ein Interview

Während sich der internationale Blick dem Spektakel der Fussball-Weltmeisterschaft zuwendet, breitet sich das Ebola-Virus in der Demokratischen Republik Kongo weiter aus. Fast täglich steigt die Zahl der Toten und Infizierten, viele der kongolesischen Behandlungszentren sind überlastet.

Kontaktverfolgung und Ermittlung von neuen Fällen werden durch die bereits bestehende humanitäre Krise im Land weiter erschwert. Immer wieder flammen Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen auf. Doch wie soll ein Virus eingedämmt werden, wenn Millionen Menschen vor der Gewalt auf der Flucht sind?

Der Leiter der Kommunikationsabteilung von UNICEF in der Zentralafrikanischen Republik John James hat bereits mehrere Ebola-Ausbrüche miterlebt. Wieso dieser hier besonders ist, was die Menschen jetzt brauchen und was es mit den "Web Watchers" auf sich hat, erzählt er im Interview.

Herr James, was hat der Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo mit uns in Europa zu tun?

John James: Ich denke, es sollte egal sein, wie weit die Menschen, die es betrifft, entfernt sind. Im Grunde geht es hier um Kinder- und Menschenrechte. Ebola sollte uns alle beschäftigen und es geht darum, Menschen zu helfen und ihnen Sicherheit zu bieten. Natürlich will gleichzeitig niemand, dass dieser Ausbruch ausser Kontrolle gerät und sich noch weiter ausbreitet.

John James UNICEF
John James (l.) in der Demokratischen Republik Kongo. © © UNICEF/UNI757328/Benekire

Es ist der 17. Ebola-Ausbruch im Kongo. Was ist diesmal anders?

Es ist schon jetzt der drittgrösste Ausbruch weltweit. Hinzu kommt, dass die Bundibugyo-Variante bisher eher selten vorkam. Deswegen hat es gedauert, ihr auf die Spur zu kommen. Die üblichen Ebola-Tests zeigten kein positives Ergebnis an, weswegen man nicht von einer Ebola-Erkrankung ausging. Ausserdem ereignete sich der Ausbruch in einer Region, welche bereits von mehreren Krisen betroffen ist.

Ebola-Ausbruch in von Krisen geplagter Region des Kongo

Welche meinen Sie konkret?

Um die 100 verschiedene bewaffnete Gruppen kämpfen in der Region, fast eine Million Menschen sind nur in der Ituri-Region auf der Flucht. Dadurch leben viele in Notunterkünften, wo ohnehin ein höheres Armuts- und Krankheitsrisiko herrscht. Viele Kinder sind mangelernährt. An manchen Orten im Osten kontrollieren nichtstaatliche bewaffnete Gruppen das Gebiet. All das macht es noch schwerer, auf einen Ebola-Ausbruch zu reagieren.

Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Der Zugang zu den Menschen ist deutlich schwieriger geworden. Manche der bewaffneten Gruppen stimmen humanitären Lieferungen zu und erlauben medizinische Versorgung. Aber anderswo brauchen wir zusätzliche Sicherheitsmassnahmen, um uns sicher fortzubewegen. In Goma, die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu, ist der Flughafen wegen des Konflikts bereits seit einem Jahr geschlossen. Normalerweise ist das ein logistischer Mittelpunkt für die Region, der derzeit nicht mehr genutzt werden kann.

Darum lässt sich das Virus aktuell nicht eindämmen

Inzwischen gibt es über hundert bestätigte Tote. Wieso lässt sich das Virus nicht eindämmen?

Die erste offizielle Warnung vor dem Ausbruch gab es am 15. Mai – vermutlich zwei Monate nach der ersten Ansteckung. Das Virus hatte also mehr als genug Zeit, sich auszubreiten. Wir sehen zurzeit jeden Tag neue Fälle, die in unterschiedlichen Gesundheitszonen auftauchen und das über eine sehr weite Fläche. Also müssen wir in vielen verschiedenen Regionen gleichzeitig aktiv werden.

Welche Massnahmen ergreifen Sie bei UNICEF?

Es geht los bei Ausstattung: Schutzkleidung, Chlor zur Reinigung, medizinische Materialien, Zelte, Seife und Handwascheimer. Wir müssen den Menschen aber auch Wissen vermitteln: Auf welche Symptome müssen sie achten? Was müssen sie machen, wenn sie sich infizieren? Wir müssen ihnen zeigen, wie wichtig es ist, sich und ihre Familien zu schützen und auch, dass sie medizinisch versorgt werden, wenn sie in die Behandlungszentren kommen.

Berichte zeigen, dass viele Falschinformationen kursieren und manche Menschen nicht an das Virus glauben. Wie sehr erschwert das die Lage?

Während der Covid-Pandemie begann es, dass online viele Falschinformationen kursierten. Wir sehen jetzt, dass das mancherorts auch bei Ebola-Ausbrüchen passiert. Diese Falschinformationen machen alles komplizierter. Aber: Der Argwohn ist auch verständlich.

Ach ja?

Die Situation ist für viele neu; dazu kommt die eher unbekannte Virusvariante. Es ist absolut normal, dass die Menschen Fragen haben, verunsichert sind und genau verstehen wollen, was passiert. Und darauf müssen wir entsprechende Antworten haben.

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Anhaltende Kämpfe und die daraus resultierende Fluchtbewegung erhöhten das Risiko einer Übertragung, da die Menschen zwischen den betroffenen Gebieten unterwegs seien, sagte ein UN-Sprecher in New York.

Was sind die Antworten von UNICEF?

Viele derjenigen, die hier im Gesundheitsbereich arbeiten und Aufklärung betreiben, leben in den Gemeinden. Sie gehen von Tür zu Tür und sprechen mit ihren Nachbarn. Die Menschen vertrauen ihnen. Wir haben bereits 1.500 sogenannte Gemeindegesundheitshelfer ausgebildet, aber es sollen noch mehr werden. Ausserdem beziehen wir religiöse Anführer mit ein. Wir arbeiten mit Journalisten und Radiosendern vor Ort, damit wir möglichst viele Menschen erreichen, auch in unterschiedlichen Sprachen. Und dann gibt es noch die "Web Watchers".

"Web Watchers" sollen beim Kampf gegen Fake News helfen

Was ist denn das?

Das sind vor allem junge kongolesische Menschen, die online auf Fake News reagieren und versuchen, stattdessen korrekte Informationen zu verbreiten. Zum Beispiel, dass das Virus existiert und eine reale Gefahr darstellt. Inzwischen gibt es etwa 700 von ihnen im ganzen Land. Wir nutzen alle Kommunikationsmöglichkeiten, die es gibt.

Was macht Ebola so gefährlich?

Viele, die von Ebola hören, bekommen Angst – ich glaube, zu Recht. Das Virus überträgt sich rasch zwischen Menschen, die sich körperlich nahe sind. Zum Beispiel in Familien. Die Zahl an Toten im Verhältnis zu den Infizierten ist sehr hoch, vor allem, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden. Besonders deutlich wird dies bei Kindern, die an Ebola-Infektionen wesentlich häufiger sterben als Erwachsene.

Kinder sind also besonders gefährdet?

Bislang gehören Kinder nicht zu den am stärksten direkt betroffenen Gruppen. Das kann daran liegen, dass sie nicht Teil der hiesigen Beerdigungspraxen sind. Dabei stecken sich Menschen auch durch die Nähe zu den verstorbenen Infizierten an. Wenn sich Kinder aber anstecken, zeigen sie nicht immer alle Symptome – weshalb das Virus oft unentdeckt und unbehandelt bleibt. Dazu kommen die indirekten Gefahren.

Nämlich?

Wenn ein Elternteil stirbt, hat das einen grossen Einfluss auf die Kinder. Sie können zudem stigmatisiert werden, wenn jemand aus ihrer Familie erkrankt ist. Gerade kleine Kinder brauchen ausserdem sehr viel körperliche Nähe. Wenn ihre Eltern krank sind, geht das aber nicht, das ist für viele Kinder kaum zu verstehen.

UNICEF liefert seit einigen Wochen vermehrt Hilfsgüter in die Demokratische Republik Kongo. Was brauchen die Menschen vor Ort von der internationalen Gemeinschaft?

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Jede Investition in die Gesundheitssysteme ist gut angelegt, auch ausserhalb eines Krankheitsausbruchs. Nur wenn man das System stärkt, kann es widerstandsfähiger werden und besser mit solchen Herausforderungen umgehen. Heute ist es Ebola. Was könnte es morgen sein? So etwas kann schnell ausser Kontrolle geraten. Wir müssen daraus lernen und Regierungen dabei unterstützen, widerstandsfähige Gesundheitssysteme aufzubauen.

Über den Gesprächspartner

  • John James leitet die Kommunikationsabteilung von UNICEF in der Zentralafrikanischen Republik. Seit dem Ebola-Ausbruch 2026 ist er in der Demokratischen Republik Kongo vor Ort, um über die Arbeit von UNICEF zu berichten.