Zu den 100 wertvollsten Unternehmen zählt weltweit nur noch ein deutscher Konzern. Im Ranking des Weltwirtschaftsforums ist Deutschland sogar der grösste Verlierer unter den Top 10 – und das nicht nur wegen schlechter Glasfaserkabel hierzulande. Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Marc Eulerich analysiert im Interview, wo der Motor der deutschen Wirtschaft stottert.

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In fast jedem Wirtschaftsteil findet sich das Buzzword "Schlüsseltechnologien". Der Begriff taucht im Zusammenhang mit 3-D-Druckern ebenso auf, wie mit selbstfahrenden Autos. Was sind die Schlüsseltechnologien der Zukunft?

Prof. Dr. Marc Eulerich: Alle Technologien, die für die Wettbewerbsfähigkeit einer Wirtschaft am ausschlaggebendsten sein werden. Das sind besonders Software- und IT-gestützte Technologien. Dazu zählen beispielsweise Blockchains, Kryptologie, Algorithmen, Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen.

Aber auch "anfassbare" Technologien werden weiter ihren Platz haben, zum Beispiel wenn es um den Maschinenbau und die Nachhaltigkeit geht. Dazu zählen neue Antriebsstrukturen für Autos und Flugzeuge, aber auch Maschinen, die in der Lage sind, den aktuellen Stand der Produktionstechnik zu verbessern.

Die Software-Einsatzgebiete reichen von Pflege-Robotern, OP-Assistenten über Drohnen bis hin zu Anwendungen für Bildungseinrichtungen. Wie steht Deutschland in den Schlüsseltechnologien der Zukunft da?

Zwar gibt es deutsche Unternehmen, die in einigen Bereichen immer noch Weltmarktführer sind, aber gerade in den genannten Zukunftstechnologien hinken wir teilweise hinterher. Einer der grössten Anbieter von Drohnen für den privaten und geschäftlichen Gebrauch ist zum Beispiel die Firma DJI aus China. Sie ist Antriebsmotor für eine ganze Industrie.

Über viele Jahrzehnte hat man gesagt, im asiatischen Raum werde deutsche Technologie kopiert - und das mehr schlecht als recht. Das hat sich verändert. Die Chinesen sind heute in vielen Zukunftstechnologien Weltmarktführer oder haben mit den USA die Spitzenposition, beispielsweise im Bereich der künstlichen Intelligenz.

Wirtschaftsrankings sorgen oft für Verwirrung. Deutschland ist in den Top 100 der wertvollsten Unternehmen 2019 mit SAP (58.) nur einmal vertreten, landet aber bei den umsatzstärksten Unternehmen mit VW in den Top 10. Was ist für die Wettbewerbsfähigkeit aussagekräftiger?

Es ist enorm wichtig, die unterschiedlichen Perspektiven zu unterscheiden und sich immer die zugrundeliegenden Parameter anzuschauen. Der Umsatz ist eine Grösse, die wenig über den Erfolg eines Unternehmens aussagt. Volkswagen generiert aufgrund der hohen Absatzzahlen einen hohen Umsatz, wird aber deshalb nicht automatisch am Kapitalmarkt als besonders wertvoll oder zukunftsträchtig bewertet.

Die deutschen Unternehmen müssen verstehen, dass sie nur langfristig erfolgreich sind, wenn sie auch dem Kapitalmarkt gefallen. Das tun Unternehmen wie Google, Apple und Microsoft. Zunächst bietet die Globalisierung für uns zwar einen enormen Vorteil, weil wir unsere qualitativ hochwertigen deutschen Produkte auch in China, Südafrika oder Brasilien verkaufen können. Aber auf der anderen Seite sind wir nicht in der Lage, Kapitalströme nach Deutschland zu bringen.

Bayer ist nach der Übernahme von Monsanto weniger wert, als der Kaufpreis, den sie für Monsanto gezahlt haben. Das hat zwar auch mit den anhängenden juristischen Fragen zu tun, zeigt aber dennoch, dass in vielen deutschen Unternehmen die Umstellung und das Verständnis der Kapitalmarktmechanismen noch nicht optimal umgesetzt wird.

Die Top 10 im Ranking des Weltwirtschaftsforums (WEF) haben sich verschoben. Spitzenreiter ist nun Singapur. Deutschland purzelt von Platz 3 auf Platz 7. Wieso ist Deutschland der grösste Verlierer?

Laut WEF-Studie ist die Wirtschaft nach wie vor wettbewerbsfähig.

In den Report fliessen zwölf makroökonomische Faktoren ein, wozu etwa Infrastruktur, Gesundheit, Bildungssystem, Arbeitsmarkt und stabile Rahmenbedingungen zählen. In Deutschland existieren in diesen Bereichen neue Probleme, die dazu führen, dass die Zukunftsfähigkeit schlechter bewertet wird. Wir haben in der Infrastruktur beispielsweise Probleme mit überlasteten Strassen und Autobahnen, ebenso wie mit dem Bahnverkehr.

Unsere internationale Positionierung im Flugverkehr ist nicht besonders gut. Wir haben mehr Leute in ein Studium gebracht, konnten damit aber nicht den Fachkräftemangel unserer Unternehmen ausgleichen. Unser Fachkräftesystem beruhte stets auch auf einer guten Ausbildung und einem anschliessenden Meister.

Unsere Innovationskraft im Hochschul- und Unternehmensbereich bleibt weit hinter den Möglichkeiten zurück. Allein im Umfeld der Stanford University wurden mehr Start-Ups mit Bewertungen über einer Milliarde US-Dollar (sogenannte Unicorns) gegründet, als in ganz Deutschland. Wir haben ein kulturelles Problem und eines, welches den wirtschaftlichen Rahmen anbelangt.

"Der klassische Deutsche neigt nicht zu Risiko"

Also stecken sowohl politische Fehler als auch unsere Bedenkenträger-Mentalität dahinter?

Ja, eine Kombination aus beidem. Der klassische Deutsche neigt nicht zu Risiko. Die Hürden zum Eröffnen eines Start-Ups sind hierzulande viel höher als in den USA. Viele Professoren im amerikanischen Universitätssystem, das Start-Ups unterstützt, haben drei, vier Firmen gegründet. Vielleicht ist nur noch eine erfolgreich, aber das wird nicht als Manko wahrgenommen. In Deutschland wäre eine Insolvenz eine Brandmarkung.

Unsere politischen Rahmenbedingungen haben nicht dazu geführt, dass wir viel Geld in diese Innovationsfähigkeit investiert haben. Das wird sich in Zukunft rächen. Wir haben zwar exzellente Forscher und Unternehmen, aber der Sprung in die Wirtschaft fällt oftmals schwer.

Es braucht mehr Mut und bessere Rahmenbedingungen, damit Absolventen Fragen wie "Unterstützt mich meine Universität dabei, dass ich mich mit meinem Start-Up selbstständig machen kann? Bin ich bereit dazu?" in Zukunft anders beantworten.

Wer könnte abseits der USA Vorbild sein?

Im asiatischen Bereich beispielsweise Südkorea, Singapur oder Taiwan. Auch China versucht die Schlüsseltechnologien und -ressourcen mindestens zu besetzen, wenn nicht sogar führend zu sein. Deutschland, aber auch ganz Europa, muss seine langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichern, unsere starke Position ist bedroht.

In welchen Disziplinen sind wir überhaupt noch spitze?

Der deutsche Mittelstand hat immer noch exzellente Unternehmen. Man liest den Begriff "Hidden Champion" immer wieder: Mehrere mittelständische Unternehmen in Deutschland sind Weltmarktführer in ihrem Bereich.

Beispiele sind ABUS, Dornbracht oder Kostal. Es ist aber eine grosse Herausforderung, dass der globale Kapitalmarkt es ermöglicht, dass ein ausländischer Investor kommt und diese Bereiche übernimmt. Ein Beispiel: Der Roboter-Hersteller "Kuka" wurde vom chinesischen Investor übernommen.

Obwohl man damals sagte, es werde keinen Abzug von Know-How geben und es handele sich um eine gleichberechtigte Partnerschaft, sind die Forschungsaktivitäten und Hauptabsatzaktivitäten mittlerweile fast komplett nach China gegangen.

Gibt es weitere Herausforderungen?

Deutschland macht es sich selbst schwer, wenn es gute Technologien kaputtredet. Der Diesel ist ein Beispiel dafür. Natürlich ist der Skandal verwerflich, aber nun versucht Deutschland nicht mehr, führend zu sein. Tesla ist jetzt das grosse Vorbild und alle springen auf den Elektrifizierungszug auf.

Die Politik unterstützt das aber nicht in ausreichendem Masse, Käufer können ein E-Auto zum Beispiel gar nicht überall laden. Ausserdem ist die Klimabilanz der E-Autos noch umstritten. In der Automobilbranche fehlt vielleicht aktuell auch eine strategische Steuerung. Man muss auch politisch überlegen, welcher gemeinschaftliche Plan von Politik und Wirtschaft tragfähig ist.

Bei Internetverbindungen über Glasfaserkabel ist Deutschland mit Platz 72 ähnlich abgeschlagen wie bei Breitbandanschlüssen (Platz 58). Warum wirft uns das so zurück?

Heutzutage geschieht ein Grossteil der Wertschöpfung durch die Verarbeitung von Daten. Viele Zukunftstechnologien sind Cloud-basiert und benötigen die Infrastruktur. Wenn ein Unternehmen wie SAP sich die Zukunftstechnologien aneignen möchte, muss es auf Unternehmen aus dem Ausland zurückgreifen. Wenn wir in Deutschland Technologien weiterentwickeln wollen, brauchen wir auch eine Infrastruktur, die das ermöglicht.

Experte warnt: "Das Thema kann nicht mehr fünf Jahre warten, sonst ..."

Müssen wir uns Sorgen machen? Oder gibt es noch genug Möglichkeiten, den Turnaround zu schaffen?

Ich habe Vertrauen in die Innovationsfähigkeit der Deutschen und in die Kompetenzen unseres Wirtschaftsstandortes. Wir können uns aber nicht darauf ausruhen, dass wir über Jahrzehnte im Maschinenbau und der Automobilbranche führend waren.

Wir müssen sehen, wo die grossen Trends hingehen und wie wir sie nutzen können, um wieder eigene Stärken aufzubauen. Unser Bildungssystem muss den neuen Herausforderungen angepasst werden. Unternehmen müssen in Forschung und Entwicklung investieren. Das Thema kann nicht mehr fünf oder zehn Jahre warten, dann ist es zu spät.

... sonst?

Wenn wir es beispielsweise nicht schaffen, unsere Unternehmen erfolgreicher und zukunftsfähiger zu machen, werden sie am Kapitalmarkt unterbewertet sein. Die deutschen Unternehmen sind schon jetzt deutlich abgehangen.

Die Unterbewertung am Kapitalmarkt macht deutsche Unternehmen zu potentiellen Übernahmekandidaten. Dann kauft ein Investor, der genügend Geld hat, sich ein "preiswertes" deutsches Unternehmen und zieht das Know-How so ab, dass die eigene Zielsetzung bestmöglich verfolgt wird.

Univ.-Prof. Dr. Marc Eulerich ist Inhaber des Lehrstuhls für Interne Revision an der Mercator School of Management der Universität Duisburg-Essen.

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