• Orbiting ist eine neue Form des Ghostings: Anstelle des einfachen Ignorierens stalkt der Täter oder die Täterin das Online-Profil der betreffenden Person, reagiert etwa auf Stories, meldet sich aber ansonsten nicht.
  • Das führt dazu, dass der Orbiter im Leben der anderen Person bleibt, ohne daran teilzuhaben.
  • Es gibt aber ein paar Massnahmen, die Betroffene treffen können.

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Das Phänomen des Ghostings dürfte den meisten schon mal untergekommen sein – passiert ist es hoffentlich weniger. Es beschreibt den vollkommenen Kontaktabbruch einer zwischenmenschlichen Beziehung, sei es eine Freundschaft oder eine Partnerschaft. Ghosting kommt für Opfer unerwartet und ohne Ankündigung.

Und auch wenn der Begriff vor allem im Zeitalter von Sozialen Medien erst so richtig bekannt wurde, war es doch schon lange vorher möglich, jemanden zu ghosten. Orbiting hingegen, ein Phänomen, das erstmals Journalistin Anna Iovine in ihrem Lifestyle-Blog repeller.com als solches benannte, ist erst seit Facebook, Instagram und Co. möglich und leider nochmal eine Spur perfider.

Was ist Orbiting?

Iovine beschreibt in besagtem Artikel das Orbiting anhand eines Beispiels aus dem eigenen Leben. Über Tinder lernte sie Tyler kennen (der Name wurde geändert), mit dem sie sich kurze Zeit auch später im echten Leben auf ein Date traf. Sie tauschten Facebook-, Instagram-, und Snapchat-Accounts aus, um in Kontakt zu bleiben. Nur leider klappte das mit dem "in Kontakt bleiben" nach dem zweiten Date nicht mehr so, wie Iovine es sich vorgestellt hatte.

Tyler antwortete nicht mehr auf ihre Textnachrichten, weshalb sie dachte, dass es vorbei sei – klassisches Ghosting eben. Doch es hielt Tyler nicht davon ab, ihre Instagram- und Snapchat-Stories anzuschauen – oftmals als einer der ersten Nutzer, als warte er nur darauf. Ein paar Wochen später reichte es Iovine und sie beendete die Freundschaft auf Facebook und Snapchat. Nur Instagram blieb nach wie vor ein Problem.

Iovine vertraute sich ihrem Umfeld an und erzählte von der Situation mit Tyler. Eine Freundin, Kara, beschrieb die Verhaltensweise als "keeping you in their orbit" und legte so das Fundament für die Begriffsfindung. Und Iovine war bei Weitem nicht allein. Vanessa, eine andere Freundin, hatte bereits Ähnliches erlebt. Nicht nur stalkte ihr vermeintlicher Freund regelrecht ihre Stories, sondern reagierte sogar noch mit einem Emoji oder einem kurzen "haha" darauf.

Doch auch Männer seien betroffen, schreibt Iovine in ihrem Blog. Philip Ellis, ein Autor aus England, wurde ebenfalls zum Opfer dieser Verhaltensweise. "Ich kenne Orbiting sehr gut", erklärt er in einer Mail an Iovine. "Männer scheinen das zu machen, wenn sie sich ihre Optionen offenhalten wollen."

Warum orbitet man überhaupt?

Taylor Lorenz ist Social-Media-Journalistin bei "The Daily Beast" und setzt sich unter anderem damit auseinander, wie Instagram moderne Beziehungen beeinflusst. Sie sieht dahinter eine berechnende Handlung. "Man möchte nicht mit jemandem komplett abbrechen. Solche Menschen möchten (vielleicht) DMs schreiben, aber nicht mehr echten Leben Kontakt suchen."

Weiter mutmasst Lorenz, dass es sich bei den Tätern vor allem um Männer handelt. "Ich habe das Gefühl, dass das die Art der entsprechenden Männer ist, Buch über ihre ganzen Frauen zu führen." Autor Ellis sieht es ähnlich und beleuchtet noch einen ganz anderen Aspekt. Er glaubt, dass es noch einmal eine Extra-Nuance in der Schwulen-Community gibt, einer deutlich kleineren Gemeinschaft, wo "jeder jeden kennt". So ähnlich, wie wenn man sich bemüht, zumindest ein bisschen mit Verwandten in Kontakt zu bleiben, damit es beim nächsten Weihnachtsfest nicht in eine unangenehme Situation mündet.

Dr. Rachel O’Neill, die sich auf den Bereich Beziehungsprobleme spezialisiert hat, zieht einen Bogen zu einem weiteren prominenten Phänomen der Sozialen Medien: FOMO – der "Fear of Missing Out" (Angst, etwas zu verpassen). "Die Person (Täter oder Täterinnen; Anm.d.Red.) ist vielleicht noch nicht bereit für eine Beziehung. Dennoch ist da die Sorge, dass sie komplett den Kontakt zu dir verlieren und die Möglichkeit verpassen, mit dir später wieder in Kontakt zu treten. Soziale Medien ermöglichen einen voyeuristischen Blick in die Leben von Menschen, mit denen wir selbst nur die einfachsten Beziehungen haben. Orbiting ermöglicht einen Kontakt, ohne Verpflichtungen aufrecht zu erhalten und verspricht eine relativ einfache Rückkehr in dein Leben, wenn die Umstände passen – zum Beispiel per Direct Message."

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Was kann man tun?

Die wohl offensichtlichste Variante ist, einfach den Blocken-Button zu drücken – danach bleibt natürlich noch zu hoffen, dass Täter nicht mit ein paar Dutzend Fake-Accounts um die Ecke kommen. Deshalb ist es auch zu empfehlen, das eigene Profil möglichst auf privat zu stellen. So hat man immer die Kontrolle darüber, wer was sieht.

Wer nicht gleich den Blocken-Button nutzen will, kann auch entsprechende Personen direkt anschreiben. Oftmals ist Tätern oder Täterinnen gar nicht bewusst, dass Nutzer sehen können, wer ihre Story angesehen hat. In ihrem Artikel beschreibt Iovine sogar einen Fall, in dem der Orbiter sich danach schockiert gegeben hat und schliesslich das Verhalten einstellte. Es zeigt also: Orbiting kann ganz schön nervenaufreibend sein. Dennoch gibt es Mittel und Wege, es zu umgehen oder zumindest die Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden, deutlich zu verringern.

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