Sie scheint die Lösung aller unserer Probleme zu sein: Achtsamkeit - von Zeitschriften gefeiert, von Krankenkassen gefördert, von wissenschaftlichen Studien empfohlen. Doch was hat es mit der lebensverändernden Art der Meditation auf sich und wie lässt sie sich richtig anwenden?

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Im Interview verrät Psychologe Jan Philippi, was es mit Achtsamkeit wirklich auf sich hat und warum selbst viele Unternehmen ihren Mitarbeitern inzwischen entsprechende Kurse anbieten.

Achtsamkeit ist ein mittlerweile so häufig verwendeter Begriff, dass sich die Frage stellt: Gibt es überhaupt eine klare Definition dafür?

Jan Philippi: Ja, die gibt es. Achtsamkeit ist zwar nicht leicht zu erklären und sollte vor allem erlebt werden. Aber im Zuge der vielen wissenschaftlichen Studien zum Thema wurde der Begriff von Experten gemeinsam definiert. Denn nur ein einheitliches Verständnis ermöglicht es, die positiven Effekte von Achtsamkeit zu erforschen und die Ergebnisse verschiedener Studien zu vergleichen.

Die aktuelle Definition beschreibt Achtsamkeit als das absichtsvolle Ausrichten der Aufmerksamkeit auf den aktuellen Moment und das aktuelle Erleben. Das heisst, man ist im Hier und Jetzt. Dabei begegnet man allem, was man in der Innen- und Aussenwelt wahrnimmt mit Offenheit, Neugier und Akzeptanz.

Was tue ich als Mensch denn eigentlich genau, wenn ich achtsam bin?

Man kann zwischen formeller und informeller Achtsamkeitspraxis unterscheiden. Formell bedeutet, dass ich mir gezielt vornehme, eine Achtsamkeitsübung durchzuführen. Zum Beispiel 20 Minuten stillsitzen und den Atem achtsam betrachten. Oder bewusst auf das konzentrieren, was um mich herum und in mir passiert, ganz ohne es zu bewerten oder verändern zu wollen.

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Informelle Achtsamkeit hingegen bedeutet, so oft wie möglich die kleinen Dinge des Alltags achtsam durchzuführen. Das kann jede noch so kleine oder grosse Aktivität sein. Man kann achtsam sprechen, spazieren gehen, essen oder abwaschen.

Wann immer man mit der Aufmerksamkeit im aktuellen Moment statt in der Vergangenheit oder der Zukunft ist, ist man achtsam. Das wird niemandem immer gelingen. Aber je mehr man sich darin übt, desto öfter gewinnt man diese kleinen wertvollen Momente der Präsenz.

Was ändert sich denn für einen Menschen, wenn er Achtsamkeit übt?

Wenn er es regelmässig tut: sehr viel! Achtsamkeit kann nahezu jeden Bereich des Lebens positiv beeinflussen.

Der häufigste Grund, warum Menschen anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, ist wahrscheinlich Stress. Achtsamkeit führt bei regelmässiger Übung zu mehr Gelassenheit, einem klareren Blick auf die Dinge und hilft dabei, mehr auf die eigenen Bedürfnisse und die Gesundheit zu achten.

Sie kann aber auch die Kommunikation mit anderen Menschen, das Selbstbewusstsein, die Konzentration oder auch den Schlaf verbessern.

Das klingt, als würde Achtsamkeit unser Leben in einfach allen Bereichen besser machen. Aber ist Achtsamkeit wirklich eine Wunderwaffe oder doch vielmehr ein lukrativer Beitrag zur Kommerzialisierung?

Dazu fällt mir ein Satz ein, den ich gerne am Anfang meiner Workshops verwende: Es gibt kein Wundermittel. Aber Achtsamkeit ist das, was einem Wundermittel am nächsten kommt.

In der Tat belegen wissenschaftliche Studien positive Effekte von Achtsamkeit auf alle Lebensbereiche. Meiner Meinung nach kann jeder Mensch in jeder Lage von Achtsamkeit profitieren.

Nur sollte niemand von heute auf morgen Wunder erwarten. Achtsamkeit zu üben erfordert Geduld, kann frustrierend sein und löst Probleme nicht von alleine. Sie stattet uns lediglich mit besserem Werkzeug für schwierige Aufgaben aus und hilft uns dabei, die schönen Dinge bewusster wahrzunehmen.

Aber was passiert denn mit dem Menschen, wenn er wirklich mal bewusst nichts tut?

Das ist sehr unterschiedlich. Oft stellt sich ein Gefühl von wacher Entspannung ein.

Manchmal ist die Übung aber auch sehr mühsam, man fühlt sich unruhig oder unwohl. Das ist völlig normal. Auch Menschen mit sehr viel Achtsamkeitspraxis erleben diese Phasen immer wieder.

Und was kann man da tun?

Ein ganz wichtiger Punkt der Achtsamkeitslehre ist, dass die Übung selbst kein direktes Ziel hat. Die angeführten Effekte sind die Folgen, aber nicht das Ziel von Achtsamkeit. In der Übung selbst versucht man alles, was gerade in der Wahrnehmung auftaucht, zu akzeptieren und nicht krampfhaft einen bestimmten Zustand herbeizuführen.

Das heisst auch Unruhe, Angst, Zweifel oder das Gefühl, die Übung gerade nicht richtigzumachen, einfach wahrzunehmen. Ohne sie verändern zu wollen.

Genau das unterscheidet Achtsamkeit von anderen Entspannungstechniken wie etwa progressive Muskelentspannung und macht sie so wertvoll. Denn das Leben ist ein ewiges Auf und Ab.

Unangenehme Erfahrungen lassen sich nie vollständig verhindern oder wegplanen. Wir können aber sehr viel besser darin werden, mit ihnen umzugehen.

Warum ist es für uns überhaupt so wichtig, unsere Gedanken zwischendurch mal abzuschalten oder zumindest in "sinnvolle" Bahnen zu lenken?

Hier muss ich einem weit verbreiteten Vorurteil begegnen. Achtsamkeit und Meditation bedeuten nicht, dass man sein Gehirn abschaltet oder nichts mehr denkt. Man kann nicht nichts denken.

Sehr wohl kann man aber einen gesunden Abstand zu seinen Gedanken gewinnen und die Aufmerksamkeit dahin lenken, wo sie am besten eingesetzt werden kann. Beim Handeln, statt bei Ängsten und Sorgen.

Es ist übrigens vollkommen normal negative Gedanken zu haben und vor allem den Dingen Beachtung zu schenken, die unangenehm sind. Das ist ein evolutionäres Überbleibsel, das uns vor Gefahren schützen soll.

Wie betreibt man Achtsamkeit dann richtig?

Die grosse Kunst besteht nicht darin keine negativen Gedanken zu haben, sondern anders mit ihnen umzugehen. Oder zu erkennen, dass sie nicht die absolute Wahrheit sind.

Wer seine Gedanken achtsam betrachtet, kann zum Beispiel erkennen, dass der Gedanke "Ich bin dafür zu ängstlich" nicht bedeutet, dass man sich nicht trotzdem mutig verhalten kann.

Unser oft negatives Selbstbild ist also nicht in Stein gemeisselt. Wir können uns trotz innerem Widerstand so verhalten, wie wir es eigentlich gerne möchten.

Laufen wir Gefahr, Achtsamkeit als Mittel zur Selbstoptimierung zu missbrauchen?

Nur wenn man sich sehr oberflächlich mit dem Thema beschäftigt. Wer einmal irgendwo gelesen hat, dass Achtsamkeit das neue Wundermittel ist und sich dann ärgert, dass das Leben nach zwei Wochen Meditation noch immer kein Kinderspiel ist, der läuft Gefahr, sogar negativ davon beeinflusst zu werden. Denn dann kommt womöglich Selbstkritik auf, weil man nicht "richtig" oder nicht diszipliniert genug übt.

Aber Geduld, Selbstliebe und der Umgang mit schwierigen Phasen gehören fest zur Achtsamkeitslehre dazu. Deswegen empfehle ich jedem, Achtsamkeit in einer Gruppe mit einem erfahrenen Lehrer zu erlernen. Denn dort erhält man Antworten auf all die Fragen, die jeder Anfänger hat und stellt fest, dass alle Teilnehmer dieselben Schwierigkeiten haben. Ausserdem hilft die Gruppe enorm dabei, regelmässig zu üben.

Mittlerweile setzen auch Firmen auf das Thema Achtsamkeit - etwa wenn es darum geht, den Stress der Mitarbeiter zu reduzieren und die Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu steigern. Bringt das wirklich was?

Ja. Denn mehr Gelassenheit, bessere Konzentration, stärkeres Gesundheitsbewusstsein oder auch bessere Kommunikation beeinflussen natürlich nicht nur das Privat-, sondern auch das Berufsleben. Viele grosse Unternehmen setzen Achtsamkeit erfolgreich ein, um die Gesundheit und Produktivität ihrer Mitarbeiter zu steigern.

Wichtig ist dabei nur, dass Achtsamkeit nicht als Mittel gesehen werden sollte, um mehr Leistung aus seinen Mitarbeitern rauszuquetschen. Ein Unternehmen, das seinen Mitarbeitern Achtsamkeitskurse anbietet, sollte die darin vermittelten Werte kennen, den Raum dafür bieten und selbst vorleben.

Wenn mir durch Achtsamkeitstraining bewusst wird, was ich alles an meinem Leben ändern sollte, weil es mich unglücklich macht oder mich meine Lebensqualität einbüssen lässt - was ist dann der nächste Schritt? Wer hilft mir, meinen "neuen" Weg zu finden, zu definieren und ihn zu beschreiten?

Die Achtsamkeit selbst hilft dabei, sich über die neuen Ziele und Werte klarzuwerden. Oft sind das übrigens die "einfachen" Dinge im Leben, die man im Berufs- und Alltagsstress vernachlässigt hat. Also mehr Zeit für Familie, Freunde, Leidenschaften, Entspannung, aber auch Abenteuer und Spass. Diese Werte und Ziele sollte man so klar wie möglich formulieren und sich auch bildlich vorzustellen, wie das Leben aussieht, wenn man sich ihnen entsprechend verhält.

Dieses Bild ist der Treibstoff, die Motivation, um diesen Weg auch dann zu gehen, wenn es mal unweigerlich schwer wird. Aber natürlich ist es auch sinnvoll, sich dabei helfen zu lassen. Zum Beispiel von Freunden, die ähnliche Ziele haben. Auch Psychologen und Coaches, die mit Achtsamkeit vertraut sind und eventuell selbst ähnliche Krisen durchgemacht haben, können diesen neuen Weg erheblich erleichtern. Alles wird leichter mit der Hilfe anderer.

Über den Experten:
Jan Philippi ist Diplom-Psychologe aus Freiburg. Seit 2015 arbeitet er als Coach und Workshopleiter in den Bereichen Stressmanagement und Motivationstraining für Unternehmen und Ausbildungsstätten.

Die Informationen in diesem Artikel ersetzen keine persönliche Beratung und Behandlung durch einen Arzt.

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