Erich Schulz lag nach einem Schädel-Hirn-Trauma wochenlang im Koma. Die Ärzte gaben ihm kaum Überlebenschancen. Doch der heute 63-Jährige lehrte sie eines Besseren. Er kämpfte sich mühevoll zurück ins Leben. Und er macht Hoffnung, dass auch Michael Schumacher den Kampf seines Lebens gewinnen wird.

Das Schicksal von Michael Schumacher bewegt Millionen. Der ehemalige Formel-1-Rennfahrer verunglückte am 29. Dezember 2013 beim Skifahren schwer. Nach einem Schädel-Hirn-Trauma lag er monatelang im Koma. Inzwischen hat er das Krankenhaus in Grenoble verlassen. Der 45-Jährige wurde in das Universitätskrankenhaus von Lausanne (CHUV) verlegt.

Wie es ihm geht, darüber schweigen Ärzte und Familie beharrlich – zu Recht. Doch die spärliche Informationslage ruft auch immer wieder wilde Spekulationen auf den Plan. Ärzte wie Gary Hartstein malen düstere Szenarien. In seinem Blog zeigt sich der Ex-Formel-1-Chefmediziner wenig davon überzeugt, dass Schumacher genesen wird.

Erich Schulz: Der ehemalige Komapatient Erich Schulz.

Doch es gibt sie, die Wunder und Erfolgsgeschichten wie jene von Erich Schulz. Der heute 63-Jährige weiss, was Schumacher durchmachen muss und was noch alles auf ihn zukommen könnte. Im Gespräch erzählt er, wie er nach wochenlangem Koma zurück ins Leben fand:

"Die Ärzte hatten mich schon aufgegeben"

Erich Schulz ist ein aufgeweckter Herr. Sympathisch, gesprächig, zuvorkommend. Welche Lebensgeschichte der 63-Jährige zu erzählen hat, wird niemand auf dem ersten Blick für möglich halten. Denn Schulz weiss die Folgen seines schlimmen Unfalls vor 19 Jahren geschickt zu verbergen. Doch bis dahin war es ein langer, beschwerlicher Weg.

Am 13. Juli 1995 fuhr Schulz von München Richtung Penzberg. Doch dann schlief er hinter dem Steuer ein, krachte mit zirka 140 Stundenkilometern frontal in einen Lkw. Schwerverletzt wurde er aus dem Wrack geborgen. Schulz erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit fünf Hirnblutungen, innere Verletzungen und 48 Knochenbrüchen. Zum Unfallzeitpunkt war Schulz – wie Michael Schumacher – 44 Jahre alt.

Nach zwei Reanimationen und einer achtstündigen OP am Hirn hatten ihn die Ärzte nahezu aufgegeben. "Die Ärzte hatten schon meine Frau und Tochter gebeten, schnell ins Krankenhaus zu kommen, um noch Abschied nehmen zu können", sagt der 63-Jährige. Doch Schulz überlebte. Sechs Wochen lag er auf der Intensivstation im Koma.

"Ich hatte entsetzliche Angst"

"Ich weiss heute, dass ich während der Aufwachphase manchmal meine Augen aufhatte." Er habe gewusst, dass etwas nicht stimmt, doch habe er es nicht einordnen können. "Ich hatte entsetzliche Angst, ich wusste nicht wo und wer ich bin." Was mit ihm passiert war, erfuhr er nach und nach von seiner Frau. Erst Monate später habe er alles verstehen können.

Seine Angehörigen erkannte Schulz zunächst nicht. "Meine Tochter und damalige Frau standen an meinem Bett. Wer sie waren, wusste ich nicht. Doch ich ahnte, ich kenne sie. Da war so ein warmes Gefühl im Bauch". Der damals 44-Jährige habe zwar gewusst, dass er Tochter und Frau hat. Aber an das Aussehen hatte er jedwede Erinnerung verloren. Nachdem er die Gesichter von seinen Angehörigen neu erlernt hatte, kamen die Erinnerungen. "Da war dann alles wieder da. Plötzlich kamen immer wieder einzelne, aber umfassende Abschnitte hoch, Dutzende Erinnerungen und Bilder." Doch das Jahr 1995 sei bis heute aus seinem Gedächtnis verschwunden.

Alles neu lernen, wie ein Kind

Sein Kurzzeitgedächtnis war in Mitleidenschaft gezogen, sagt Schulz. Menschen, die er gerade erst kennengelernt hatte, konnte er nicht wiedererkennen: "Ich hatte einmal bei einer Visite vergessen, etwas zu fragen. Also habe ich nach dem Arzt gesucht – ohne zu wissen, dass er bereits vor mir stand." Auch sein Sprachzentrum habe einiges abbekommen. Wörter mit "ch" habe er lange Zeit nicht aussprechen können. Verstanden habe man ihn erst wieder richtig im Frühjahr 1996. Noch heute geht er zum Logopäden. Besonders gegen Abend hin würde ihm das Sprechen schwerfallen. Sein logisches Zentrum im Gehirn habe dagegen keine Schäden davongetragen. "Rechnen hat noch gut funktioniert", sagt Schulz.

Bis November 1995 befand sich Schulz auf der Intensivstation, danach wurde er auf eine reguläre Station verlegt. Im Dezember kam er auf die neurologische Station in Schwabing. Bis März 1997 befand er sich in Kliniken, dann folgten Aufenthalte in der Reha in Bad Heilbrunn, anschliessend in Bad Tölz.

Schulz musste wie ein Kind nahezu alles neu erlernen: Gehen, Sprechen, Anziehen, sich waschen, orientieren und Gesichter merken. Er war komplett auf die Hilfe anderer angewiesen. "Ich habe mich derart geschämt und hilflos gefühlt, dass ich mir sagte ‚So nicht‘", erzählt Schulz. Das habe ihn enorm motiviert. Ausserdem sei er einer, der schon immer den Drang nach Erfolg und Bildung verspürt habe. Er sei ein Rebell, jemand, der sich nicht vorschreiben lasse, was er kann und was nicht. "Ich habe erkannt, dass ich das selbst schaffen muss", sagt Schulz. Seine Familie sei ihm in der schweren Zeit auch eine grosse Hilfe gewesen.

Erfolge stellen sich nur langsam ein

"Aber es dauerte, bis sich kleine Erfolge einstellten", berichtet der Unternehmer. Im Oktober 1995 habe er das erste Mal alleine aufs Klo gehen können. "Das war ein mittleres Fest für mich. Gefreut habe ich mich auch, als ich mich das erste Mal selbst rasieren und waschen konnte." Sechs Monate dauerte es, sagt Schulz, bis er erste Schritte machen konnte. Jeder noch so kleine Erfolg habe ihn ermutigt. Grosse Probleme hatte Schulz mit seinem Orientierungssinn: "Ich wusste in der ersten Zeit nicht, wie ich den Weg zurückfinde. Als es dann wieder klappte, war das ein sensationelles und aufregendes Gefühl." Zu dieser Zeit habe er in seinem Inneren seine Zukunft vor Augen gehabt. "Noch bevor ich wusste, was ich machen werde, wurde da der heutige Firmenname geboren."

Nach knapp drei Jahren Krankenhaus-Odyssee stand Schulz wieder auf eigenen Beinen. Doch der Weg zurück in ein normales Leben war mehr als steinig. Seine Firma – eine Werbeagentur – hatte er verloren. Er musste bei Null anfangen. Es dauerte, bis Schulz bei einer Telekommunikations-Firma eine Chance bekam und erfolgreich nutzte. Heute ist er wieder Unternehmer. Über seine Firma "Re-Start-Auto" ("Neuanfang") verkauft er Autos.

Schulz ist nach dem Unfall ein anderer Mensch: "Ich nehme mich nicht mehr so ernst und achte mehr auf die Bedürfnisse anderer." Er sei nicht hundert Prozent genesen, doch seine neue Aufgabe gebe ihm die Kraft, das alles weiter durchzustehen. "Meine Firma ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Rehabilitation", sagt Schulz voller Freude. Schumacher wünscht er das Beste und glaubt an dessen Genesung. "Ich bin fest davon überzeugt, dass er das schafft. Denn ich denke, dass auch er jemand ist, der einen starken Willen hat und seine Aufgabe im Leben erkennt, aus der er Kraft schöpft."