• Kinder- und Jugendärzte plädieren für die körperliche Unversehrtheit von Kindern und raten aus medizinischer Sicht vom Ohrlochstechen bei Babys und kleinen Kinder ab.
  • Neben den Schmerzen, die die Kinder ertragen müssen, kann es durch das Ohrlochstechen zu schwerwiegenden Entzündungen oder einer Kontaktallergie kommen.
  • Rechtlich gibt es aktuell noch keine Einschränkungen in Deutschland, die Entscheidung liegt bei den Eltern.

Mehr Gesundheitsthemen finden Sie hier

In einigen Kulturkreisen ist es verbreitet, Mädchen schon zeitnah nach der Geburt Ohrlöcher stechen zu lassen. Das passiert in den meisten Fällen aus modischem Empfinden, kann aber auch religiös begründet sein. Aus medizinischer Sicht gibt es allerdings Risiken, die nicht zu unterschätzen sind. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. in Deutschland rät deshalb bereits seit Jahren davon ab, Babys und kleinen Kindern Ohrlöcher stechen zu lassen. Und zwar nicht nur aufgrund möglicher gesundheitlicher Gefahren, sondern auch, weil der Eingriff in den Körper eines anderen Menschen ohne dessen Zustimmung rechtlich bedenklich ist.

Das sind medizinische Risiken beim Ohrlochstechen

Das Stechen von Ohrlöchern wird von vielen Eltern als harmlos betrachtet, dennoch kann es bei einem körperlichen Eingriff immer auch zu gesundheitlichen Komplikationen kommen: "Die Ohrlöcher können sich entzünden und wir sehen häufig, dass die Ohrringe komplett in das Ohrläppchen einwachsen und es sich verdickt, rot wird oder eitert. Zudem kommt es immer wieder zu Kontaktallergien durch Nickel, das häufig in günstigeren Ohrringen enthalten ist," sagt Dr. Jakob Maske, Kinderarzt sowie Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V..

Gerade ein frühzeitiger und länger andauernder Kontakt zu Nickel über nickelhaltige Ohrstecker kann zu einer Nickelallergie führen. Erststecker, die nach dem Stechen für mehrere Wochen in der Ohrlochwunde verbleiben, dürfen zwar seit 1998 nur noch maximal 0,05 Prozent Nickel enthalten, trotzdem kann sich das Metall herauslösen und in den Körper gelangen. Häufig wird beim Ohrlochstechen aber immer noch Chirurgenstahl verwendet, der deutlich mehr Nickel enthält. Ist es zu einer Allergie gekommen, kann das den Alltag der oder des Betroffenen einschränken, da viele Alltagsgegenstände Nickel enthalten und es nur schwer möglich ist, dieses Material zu meiden.

Zudem besteht auch ein grundsätzliches Infektionsrisiko an den Ohrlöchern, hier können sich nämlich leicht Bakterien oder Keime einnisten, auch wenn die Wunden bereits verheilt sind.

Ohrringe bergen auch Verletzungsgefahr

Gerade im Baby- oder Kleinkindalter kann es durch Unachtsamkeit oder Unwissen schnell passieren, dass Kleidung oder Spielsachen an den Ohrringen hängen bleiben und es zu Verletzungen kommt. Im schlimmsten Fall können die Ohrlöcher sogar ausreissen.

"Kommt es zu Abrissverletzungen, können sich auch diese entzünden. Sowohl Verletzungen als auch Entzündungen können dann narbig verheilen und das Ohrläppchen für immer entstellen," sagt Maske im Gespräch mit der Redaktion.

Gerade bei baumelndem Ohrschmuck kann es passieren, dass die Kleinen einzelne Teile abreissen und diese dann verschlucken.

Auch Babys empfinden Schmerzen

Bis vor einigen Jahren gingen viele davon aus, dass Eingriffe, die im Kleinkindalter erfolgen, von Babys als nicht schmerzhaft empfunden werden. Es galt: Je früher der Eingriff erfolgt, desto besser, dann tut es dem Baby nicht weh und es wird sich kaum daran erinnern. Doch hier ist man heutzutage anderer Ansicht: "Früher dachte man, Babys haben keine Schmerzen, da wurden Dinge wie Zungenbändchen einfach abgeschnitten nach der Geburt. Inzwischen weiss man, dass die Kinder natürlich Schmerzen haben, das merkt man zum Beispiel am Pulsanstieg oder daran, dass ihr Blutdruck steigt und natürlich, dass sie schreien.

Man darf nicht vergessen, dass Schmerz etwas sehr Subjektives ist. Die einen empfinden mehr Schmerz beim Stechen, die anderen weniger. Aber ein Kind kann auch durch Geräusche oder durch die fremden Menschen, die ihm in dem Moment des Stechens ja gerade etwas antun, Angst bekommen und auch das kann Schmerzen auslösen. Es beeinträchtigt das Kind also immer in irgendeiner Weise. Ob das nun langwierige Folgen haben kann, hängt individuell vom einzelnen Kind ab," sagt der Experte.

Die Rechtslage in Deutschland

Die körperliche Unversehrtheit eines Kindes wird in Deutschland geschützt, deshalb gibt es immer wieder Gerichtsprozesse darüber, ob rituelle Beschneidungen, Piercings oder auch Ohrlöcher im Kleinkindalter als Körperverletzung strafbar sind. Auch die Politik diskutiert immer wieder darüber, ob diese Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit von Kinder gesetzlich verboten werden oder mit einem Mindestalter versehen werden sollen.

"Kinder sollten selbst über ihren Körper bestimmen können und das können sie erst ab einem bestimmten Alter. Die Mündigkeit vor Gericht beginnt ab 14 Jahren. Ab dann besteht in der Regel eine gewisse mentale Reife, ab der die Kinder Entscheidungen selbst treffen und auch Verantwortung übernehmen können. Daran könnte man sich orientieren und auch den Wunsch nach Ohrlöchern bei Kinder ab 14 Jahren nach gemeinsamer Beratschlagung mit den Eltern möglich machen. Vorher ist es aus meiner Sicht und der vieler Kinder- und Jugendärzte wichtig, die körperliche Unversehrtheit zu erhalten," sagt Maske.

Die Pflege von Ohrlöchern

Entscheiden sich Eltern dafür, ihrem Baby oder Kind Ohrlöcher stechen zu lassen, sollten sie unbedingt auf hygienische Bedingungen achten und darauf, dass die Haut desinfiziert und das Stechgerät sterilisiert wird.

Da sich die Ohrläppchen durch den Eingriff entzünden können, ist es wichtig, an diesen in den ersten Wochen möglichst nicht herumzuspielen, sie nur mit sauberen Händen anzufassen und sie am besten nicht mit Wasser in Kontakt kommen zu lassen. Ausserdem sollten Eltern beobachten, ob Rötungen oder Ähnliches auftreten.

"Wird das Ohrläppchen rot und dick oder bilden sich gelbe Beläge oder tritt sogar gelbe Flüssigkeit aus, sollte man sofort zum Arzt gehen. Da die Ohrläppchen auch eine Verbindung zum Knorpel haben, kann die Entzündung auf diesen übergehen und zu einer schweren Infektion führen, die über die Vene behandelt werden muss. Unter Umständen müsste das Kind dann sogar für einige Tage im Krankenhaus behandelt werden," warnt der Kinderarzt.

Über den Experten: Dr. Jakob Maske ist Kinderarzt mit eigener Praxis in Berlin. Zugleich ist er als Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V. tätig.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Dr. Jakob Maske
  • elternwissen.com: Ohrlöcher stechen bei Kindern: Ab wann ist es unbedenklich?
Schmerzen lindern ohne Tabletten: Diese natürlichen Schmerzmittel helfen wirklich

Schmerzen lindern ohne Tabletten: Diese natürlichen Schmerzmittel helfen

Die Einnahme von medikamentösen Schmerzmitteln hat Vor- und Nachteile. Grosser Vorteil: Die Medikamente können schnell Schmerzen lindern. Wissenschaftler warnen jedoch immer wieder, dass die Einnahme nicht selten mit Neben- oder Wechselwirkungen einhergeht. Es gibt einige natürliche Alternativen.