Ein Zitat von Bill Gates kursiert im Netz. Es erweckt den Eindruck, der US-Unternehmer habe gesagt, dass es mehrere hunderttausend Opfer durch eine Corona-Impfung geben werde. Das stimmt nicht – die Aussage wurde aus dem Kontext gerissen.

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Eine Kolumne
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"Bill Gates prognostiziert 700.000 Opfer durch Corona-Impfung" lautet der Titel eines Gastbeitrags auf der Webseite Ken.FM, der tausendfach in Sozialen Netzwerken verbreitet wird. Im Text wird eine Aussage von Gates aus einem Interview mit dem US-Sender CNBC zitiert – allerdings wird der Kontext weggelassen. Es wird angedeutet, Gates habe Todesopfer oder dauerhafte Schäden wie Behinderungen vorhergesagt.

Das ist jedoch nicht richtig, wie die Überprüfung durch CORRECTIV.Faktencheck zeigt. Tatsächlich sagte Gates, ein Impfstoff gegen COVID-19 – den es noch nicht gibt – sollte möglichst keine Nebenwirkungen haben.

Der Microsoft-Gründer setzt sich mit der Stiftung seiner Familie, der Bill & Melinda Gates Foundation, seit Jahren dafür ein, dass Menschen weltweit gegen verschiedene Krankheiten geimpft werden. Die Stiftung ist nach den USA der zweitgrösste Spender der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und nahm kürzlich an einer EU-Geberkonferenz teil, bei der Gelder unter anderem für die Entwicklung eines Impfstoffes gegen COVID-19 gesammelt werden sollten.

Was sagte Bill Gates über mögliche Corona-Impfung-Nebenwirkungen?

Das Interview von Bill Gates mit CNBC wurde am 9. April veröffentlicht. Darin wird er gefragt, ob er wirklich denke, dass die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs 18 Monate dauern werde. Er antwortet, es könne auch schneller gehen, "wenn alles perfekt läuft", aber "wir wollen keine unrealistische Erwartungen schaffen".

Es sei "immer eine grosse Herausforderung", einen Impfstoff zu entwickeln, der auch bei älteren Menschen wirksam sei. Es habe sich gezeigt, dass der Grippe-Impfstoff bei älteren Menschen nicht so gut wirke wie bei jüngeren. Ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 jedoch müsse auch bei Älteren funktionieren, da diese das höchste COVID-19-Risiko hätten.

Dann sagt Gates: "Das so zu tun, dass man es so verstärkt, dass es auch bei älteren Menschen funktioniert, und es trotzdem keine Nebenwirkungen hat… wenn wir eine von 10.000 Nebenwirkungen haben, sind das weit mehr, 700.000 Menschen, die darunter [weltweit] leiden werden. Es ist also sehr, sehr schwer, die Sicherheit in einem gigantischen Ausmass über alle Altersgruppen hinweg – schwanger, männlich, weiblich, unterernährt, bestehende Komorbiditäten [Begleiterkrankung] – wirklich zu verstehen. In die eigentliche Entscheidung ‘OK, lasst uns diesen Impfstoff der ganzen Welt verabreichen’ müssen die Regierungen mit einbezogen werden, denn es werden einige Risiken und Absicherungen nötig sein, bevor darüber entschieden werden kann."

Nur der letzte Teil des Zitates (ab "wenn wir eine von 10.000 Nebenwirkungen haben") wurde von Ken.FM herausgegriffen. Durch das Weglassen der Erklärungen zu älteren Menschen wird die Bedeutung verzerrt. Im englischen Interview sagt Gates ausserdem "indemnification", was Ken.FM mit "Entschädigung" übersetzt, aber auch "Absicherung" bedeuten kann.

Ein Impfstoff sollte keine Nebenwirkungen haben

Fazit: Gates sagte keine Opfer voraus. Er sagte auch nicht, dass man Opfer irgendwie in Kauf nehmen müsse. Sondern er rechnete in dem Interview vor, warum ein Impfstoff keine Nebenwirkungen haben sollte: Selbst wenn nur eine Person unter 10.000 Nebenwirkungen hätte, müssten – auf die Weltbevölkerung mit sieben Milliarden Menschen hochgerechnet – 700.000 Menschen darunter leiden.

Die Rechnung ist hypothetisch, da es bisher keinen Impfstoff gegen COVID-19 gibt. Laut RKI sind mehrere Kandidaten in der Testphase.

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