• Bis zu 15 Prozent der COVID-19-Erkrankten sind von Long-COVID betroffen.
  • Häufige Symptome sind Belastungsintoleranz und übermässige Erschöpfung.
  • In wenigen Fällen ist eine dauerhaft chronische Erkrankung zu befürchten.

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Viruserkrankungen können langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Aktuelle Studien lassen vermuten, dass Langzeitfolgen nach einer Corona-Infektion häufiger und länger auftreten als beispielsweise nach einer Influenza-Infektion. Je nach Dauer der Beschwerden wird von Long-COVID oder Post-COVID gesprochen. Im Sommer 2021 haben zwei Betroffene von ihren Symptomen berichtet. Jetzt, ein Jahr später, erzählen sie erneut von ihrem Alltag, der immer noch von grossen Einschränkungen geprägt ist.

Verschiedene Organe betroffen

Die gesundheitlichen Folgen einer durch das Coronavirus ausgelösten COVID-19-Erkrankung werden derzeit intensiv erforscht. Das Multiorganvirus kann neben der Lunge auch weitere Organe, wie Niere, Herz oder Gehirn betreffen. Häufige Beschwerden sind schnelle Erschöpfung nach körperlicher oder geistiger Arbeit, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen oder Kurzatmigkeit. Auch Riech- und Schmeckstörungen, Schlafprobleme, Husten oder Muskelschmerzen treten auf.

Sind die Symptome nach einer Infektion nach mehr als vier Wochen nicht abgeklungen, sprechen Mediziner von Long-COVID. Bestehen nach mehr als zwölf Wochen noch Beschwerden, ist vom Post-COVID-19-Syndrom die Rede. Aktuelle Studien machen derzeit noch unterschiedliche Angaben zur Häufigkeit von Long-COVID. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin schätzt, dass bis zu 15 Prozent aller Erkrankten mit Long-COVID und zwei Prozent mit Post-COVID zu kämpfen haben.

Rasche Erschöpfung bei Belastung

Seit ihrer COVID-19-Erkrankung im November 2020 leidet Dr. Claudia Ellert an gesundheitlichen Probemen. Die einst sportliche Gefässchirurgin aus Wetzlar erlebte nach der Infektion einen starken Leistungseinbruch. Seither führen körperliche und geistige Anstrengungen mit Verzögerung zu Muskel- und Kopfschmerzen, die über Tage anhalten können. "Diese Symptome und Beschwerden haben sich im vergangenen Jahr nicht verändert", berichtet Claudia Ellert. Auch ihr Leistungsniveau hat sich nicht verbessert. "Ich habe lernen müssen, mit diesen neuen Grenzen umzugehen." Das bedeutet auch, dass die ehemalige Triathletin nicht mehr als eine halbe Stunde spazieren gehen kann.

Während Dr. Ellert vor einem Jahr noch arbeitsunfähig war, ist sie jetzt mit reduziertem Stundenumfang und veränderten Arbeitsinhalten wieder in der Klinik tätig. "Dabei muss ich meine Kräfte sehr gut einteilen", erzählt die Post-COVID-Patientin, deren Körper sich permanent in einem Energiemangelzustand befindet. "Insbesondere Multitasking oder Teamarbeit stressen mich und führen rasch zur Erschöpfung." Über ihre Erfahrungen hat die Gefässchirurgin gerade einen Ratgeber für Betroffene herausgebracht. Sie erklärt darin, worum es bei der Erkrankung geht, wie die Symptome entstehen und gibt Tipps für den Umgang mit Long- und Post-COVID. "Ein Beispiel ist das sogenannte Pacing", erklärt Dr. Ellert. "Diese Art von Selbstmanagement hilft dabei, mit den begrenzten Energieressourcen des Körpers zurechtzukommen."

Umgang mit Long-COVID lernen

Sabrina Klabunde, klinische Leitung eines Radiologischen Informationssystems, litt im vergangenen Jahr nach zwei Corona-Infektionen unter dem Chronischen Fatigue-Syndrom und verlor ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Nach der Booster-Impfung im Januar infizierte sie sich in der Reha-Klinik im April 2022 mit der Omikron-Variante. Das hatte Folgen für ihre Grunderkrankung, eine spastische Hirnlähmung durch eine Rötelninfektion im Mutterleib. "Mit jeder Immunreaktion verändert sich die Spastik und durch die Corona-Infektion ist meine linke Hand nicht mehr einsatzfähig", berichtet Sabrina Klabunde. Dazu kommen Post-COVID-Symptome. "Ich rieche und schmecke seit 22 Monaten nichts mehr, zudem verfüge ich nur noch über eine Lungenkapazität von 23 Prozent."

Die postviralen Herzrhythmusstörungen bestehen auch heute noch. Ohne Aktivität schwankt der Puls zwischen 45 und 210. "Mein Kopf ist mit alltäglichen Dingen bereits ausgelastet", berichtet die junge Medizinerin. "Früher habe ich oft 15 Stunden gearbeitet und war täglich sportlich aktiv, heute bestimmen Physiotherapien und Atemtrainings meinen Tag." Im letzten Jahr hat sich ihre Situation nicht verbessert, an eine Rückkehr zur Arbeit ist nicht zu denken. "Ich habe aber gelernt, mit der Krankheit umzugehen und kann gut einschätzen, was ich kann und was nicht", erzählt Klabunde. "Mit meinen Erfahrungen will ich anderen helfen und habe jetzt zwei Reha-Sportkurse für Long-COVID-Betroffene angemeldet."

Viele Aspekte noch ungeklärt

Derzeit liegen noch keine gesicherten Kenntnisse darüber vor, wer von Long- oder Post-COVID betroffen ist. Die Langzeitfolgen treten sowohl bei Patienten mit schwerem als auch mit leichtem Verlauf auf. Ersten Untersuchungen zufolge sind Frauen stärker betroffen als Männer, am häufigsten leiden Personen der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen unter den Folgen.

Trotz intensiver Forschung ist noch nicht bekannt, wie lange die Beschwerden anhalten. Oftmals treten deutliche Verbesserungen nach vier bis acht Wochen auf. In wenigen Fällen bleiben die gesundheitlichen Probleme über zwölf Monate bestehen und es ist im Einzelfall keine Aussage über die Perspektive möglich.

Austausch mit Betroffenen wichtig

Erste Anlaufstellen für Long-COVID-Betroffene sind in der Regel die Hausärztinnen und Hausärzte. Sie haben gemeinsam mit Fachärztinnen und Fachärzten gute Netzwerke. Darüber hinaus gibt es haus- und fachärztliche Schwerpunktpraxen sowie Long-COVID-Ambulanzen in Kliniken. Da es noch keine ursächliche Therapie von Long- oder Post-COVID gibt, erfolgt eine Behandlung der Symptome. Dabei spielt die Rehabilitation eine wichtige Rolle.

Der Informationsbedarf ist bei vielen Betroffenen immer noch hoch. Das bestätigt auch Sabrina Klabunde, die mit ihren Sportkursen den Patienten die Möglichkeit des Austauschs geben will. Einen Überblick zu entsprechenden Selbsthilfegruppen gibt es auf der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle unter www.nakos.de/aktuelles/corona/.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Dr. Claudia Ellert, Leitende Oberärztin und Fachärztin für Chirurgie und Gefässchirurgie an den Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar. (13. September 2022)
  • Interview mit Sabrina Klabunde, Long COVID Erkrankte am 13. September 2022
  • Bundesministerium für Gesundheit: "Long-COVID und Post-COVID – Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung"
  • Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP): "Patientenleitlinie Long/Post-COVID"