Der Mediziner Dr. Nils Hennig ist Spezialist für Infektionskrankheiten am Mount-Sinai-Krankenhaus in New York. Im Interview schildert er die Situation im Epizentrum der Corona-Epidemie, kritisiert die zögerliche Reaktion der US-Regierung und erklärt, warum er nichts von dem Versprechen auf einen Impfstoff hält.

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Wo erreiche ich Sie gerade?
Nils Hennig: Ich sitze in meinem Büro im Mount Sinai Hospital zwischen Madison und 5th Avenue. Direkt gegenüber ist der Central Park, wo weisse Zelte mit Betten stehen, weil die Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht mehr ausreichen.

Wie kann man sich den Alltag in Ihrem Krankenhaus vorstellen?
Die normale Kapazität bei uns ist komplett ausgeschöpft. In der Cafeteria, in der Lobby, in der Eingangshalle, überall, wo sonst noch Platz ist, stehen nur noch Betten. Zusätzlich wandeln wir eine Kirche in der Nähe in ein Krankenhaus mit 400 weiteren Liegeplätzen um.

Besteht die Gefahr, dass sich Patienten bei Ihnen mit Corona infizieren, die wegen einem Herzinfarkt oder Unfall eingeliefert werden?
Die Gefahr besteht vor allem auf dem Weg ins Krankenhaus oder in der Notaufnahme selbst. Deshalb versuchen wir alle Fälle, die nicht dringend im Krankenhaus behandelt werden müssen, über das Telefon zu betreuen. Die Liegeplätze im Krankenhaus selbst dürfen Sie sich aber nicht vorstellen wie ein Lazarett, sondern eher wie kleine Isolationskammern, die durch Wände voneinander getrennt sind. Wir achten sehr bewusst darauf, die nötigen Isolationsmassnahmen einzuhalten, weil wir wissen, welche Zustände drohen, wenn Patienten, die nicht an COVID-19 erkrankt sind, angesteckt werden. Da die ganze Stadt durch die "Social Distancing“-Massnahmen lahmgelegt ist, ist die Zahl der Verkehrsunfälle aber deutlich gesunken.

Besonders schwierige Lage für arme Schichten

Sie arbeiten in Manhattan, einem Stadtteil mit einem hohen Durchschnittseinkommen. Für viele Menschen ist die Quarantäne aber ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Wie ist die Situation in den ärmeren Stadtteilen?
Unser Krankenhaus befindet sich zwischen der Upper East Side, einem der reichsten Teile der Stadt, und East Harlem, einer sehr armen Gegend. Zu uns kommen deshalb Patienten aus allen sozialen Schichten. Viele von denen, die wir früher als Tagelöhner bezeichnet haben, können sich den Luxus gar nicht leisten, jetzt zu Hause zu bleiben. Da denke ich zum Beispiel an die Reinigungskräfte oder die Essensboten. Wenn sie nicht arbeiten, fehlt ihnen das Einkommen und sie verlieren im schlimmsten Fall auch noch ihre Krankenversicherung. Das macht die Lage für diese Menschen sehr schwierig.

In den letzten Tagen gab es Berichte über eine hohe Dunkelziffer. Droht eine Verschärfung, wenn in Zukunft noch mehr getestet wird?
In den USA gibt es eine riesige Dunkelziffer. Die offiziellen Infektionszahlen spiegeln die wahre Situation nicht annähernd wider. Wir testen derzeit nur zwei Gruppen: Die Menschen, die so krank sind, dass sie aufgenommen werden müssen, um dann zu entscheiden, ob sie auf einen Flur mit anderen Corona-Patienten kommen. Und das Krankenhauspersonal. Allen anderen raten wir davon ab, ins Krankenhaus zu kommen, weil die Gefahr höher ist, dass sie sich auf dem Weg zu uns anstecken. Ich gehe davon aus, dass derzeit nur die Spitze des Eisbergs erfasst ist. Allerdings haben sich die Testkapazitäten in den letzten Tagen deutlich erhöht, das ist eine positive Entwicklung.

"Hätte man von Beginn an konsequent getestet, wären wir nicht in dieser Situation"

Schadet es Ihrer Arbeit, wenn die Regierung in Washington auf ihrer täglichen Pressekonferenz die Corona-Gefahr relativiert oder über ein baldiges Ende der Schutzmassnahmen spekuliert?
Die Lage, in der wir uns befinden, wäre nicht eingetreten, wenn die Verantwortlichen die Bedrohung von Beginn an ernst genommen hätten. Damit meine ich nicht nur die Regierung in Washington. Als es in New York City am 1. März den ersten dokumentierten Fall von einer Flugpassagierin aus dem Iran gab, haben der Gouverneur Andrew Cuomo und der Bürgermeister Bill De Blasio flächendeckende Tests und die Untersuchung der Kontaktpersonen angekündigt. Passiert ist aber leider nichts. Hätte man von Beginn an konsequent getestet, wären wir nicht in dieser Situation.

Was hätten sie sich im März gewünscht?
Wir waren schockiert, weil wir ja wussten, was zu tun ist: testen, testen, testen. Jeden Tag wurde uns gesagt, morgen kommen die Tests vom CDC (Centers for Disease Control and Prevention; US-Behörde für Seuchenkontrolle). Und sie kamen nicht. Am nächsten Tag haben wir wieder nachgefragt. Und sie kamen wieder nicht. Das war für uns sehr frustrierend, weil uns die elementaren Werkzeuge fehlten, diese Katastrophe abzuwenden, die wir damals schon kommen sahen.

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In Deutschland wurde früh ein Test entwickelt, und auch in den USA gab es entsprechende Tests, entwickelt in privaten Laboren. Aber uns wurde vorgeschrieben, dass wir auf den Tests vom CDC warten mussten. Und mit jedem Tag, an dem wir nicht testen konnten, sahen wir dabei zu, wie die Lage ausser Kontrolle geriet.

"Krieg ist nochmal was komplett anderes"

Sie haben für Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan, Sierra Leone oder Uganda gearbeitet. Enttäuscht es Sie, dass Ihre Heimat zum Krisengebiet geworden ist?
Auch ich lese immer wieder davon, New York sei jetzt eine Kriegszone. Natürlich haben wir hier eine sehr schwierige Situation. Aber in New York werden keine Krankenhäuser bombardiert, es gibt keine Massenvergewaltigungen, hier werden keine Gräueltaten an der Zivilbevölkerung verübt. Die Situation in New York ist sehr schwierig. In den letzten drei Tagen starben über 1.500 Menschen in New York State an den Komplikationen von Covid-19. Das ist eine Tragödie. Aber die Mehrzahl der Menschen, die wir aufnehmen, verlässt das Krankenhaus auch wieder gesund. Jedem, der im Krieg gearbeitet hat und weiss, was dort los ist, ist klar: Krieg ist nochmal was komplett anderes.

Aber?

Enttäuschend ist, dass die Situation keine wirkliche Überraschung ist. Die WHO hat schon lange davor gewarnt, dass es in Zukunft mehr Epidemien geben wird. Wir haben schon 2003 gesehen, dass das SARS-Virus innerhalb weniger Monate alle Kontinente ausser der Antarktis erfasst hat. Experten waren schon lange davon überzeugt, dass so etwas wieder passieren kann. Es berührt mich, dass im Central Park, wo ich sonst mit meinen Kindern spiele, Zelte stehen, in denen Kranke versorgt werden. Das ist noch einmal eine andere Situation als 9/11, wo New York schon einmal eine Ausnahmesituation erlebt hat.

US-Präsident Donald Trump hat sich früh optimistisch gezeigt, dass sich Corona mit dem Malariamittel Hydroxychloroquin bekämpfen lässt. Wie ist der aktuelle Forschungsstand?
Es gibt bislang keine Behandlung, mit der sich Corona sicher bekämpfen lässt. Es ist aber positiv zu sehen, wie schnell die Forschung auf diese Herausforderung reagiert hat. Hier am Krankenhaus machen wir beispielsweise Studien mit Blutplasma, auch Stammzellentherapien sind in der Entwicklung, und natürlich Studien mit Remdesivir. Die Geschwindigkeit, mit der jetzt geforscht wird, ist beeindruckend. Mein persönlicher Wunsch ist, dass auch Medikamente getestet werden, die in Entwicklungsländern zum Einsatz kommen können. Das ist im Hinblick auf die teilweise komplexe Anwendung, allein schon was die Kühlung angeht, nicht selbstverständlich.

"Gefährlich, wenn man der Bevölkerung jetzt zu viel verspricht."

Wieso dauert die Entwicklung eines Medikaments so lange?
Es muss klar sein, dass die Medikamente sicher sind. Dafür müssen sie an vielen Patienten getestet werden. Im Fokus stehen jetzt insbesondere Arzneimittel, die schon gegen eine andere Krankheit zugelassen oder zumindest in Entwicklung sind. Sie umzufunktionieren kann schneller gelingen als eine Neuentwicklung. Wir beginnen diese Tests bei Schwerstkranken, weil der Einsatz einer unbekannten Therapie ethisch vertretbar ist, wenn es sonst keine Alternative mehr gibt. Die Erkenntnisse, die man bei solchen Tests gewinnt, sind aber nur begrenzt. Erst wenn die Medikamente auch an weniger kranken oder gesunden Patienten getestet werden, geht es in die Endphase der Entwicklung. Diese Tests sind ethisch komplizierter und eine grössere Anzahl von Testpersonen ist nötig. Letztlich ist es auch entscheidend, wie schnell grosse Mengen in kurzer Zeit produziert werden können.

Wann können wir mit einem Impfstoff rechnen?

Derzeit ist oft die Rede von einem Impfstoff in 18 Monaten, und ich hoffe das auch. Aber wir müssen bedenken, dass man für den originalen SARS-Virus bis heute nach einem Impfstoff sucht. Bei HIV ist auch seit den 1990er-Jahren die Rede davon, dass bald ein Impfstoff auf den Markt kommt. Ich finde es gefährlich, wenn man der Öffentlichkeit jetzt zu viel verspricht.

Wie bewältigen Sie und Ihre Kollegen den Stress?
Wir sehen nicht die Zahl von 140.000 Infizierten vor uns, sondern konzentrieren uns auf den einzelnen Patienten, auf die Grossmutter, die endlich ihre Enkel wiedersehen will. Das schafft die mentalen Ressourcen, um diese Herausforderung zu bewältigen. Daneben spielt zum Beispiel das Thema Kinderbetreuung eine wichtige Rolle. Wie schaffen wir es, den Ärzten und Pflegern die Sorge davor zu nehmen, dass sie ihre Kinder oder ihre Partner anstecken? Da geben wir Unterstützung. Und wir haben Hotelzimmer in der Nähe angemietet, wo Mitarbeiter übernachten können. Elementar ist aber die Schutzkleidung: Kaum ein Thema macht uns so nervös wie die Sorge davor, dass wir möglicherweise ausfallen, weil wir uns selbst nicht schützen können.