• Österreich hat beim Corona-Management viele Fehler gemacht.
  • Dafür funktioniert das Testen besser als in anderen Ländern.
  • Möglich macht das die Entwicklung eines Wiener Unternehmers.

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Seinen allerersten Gurgel-Test hat der in Wien lebende Autor dieser Zeilen vermasselt - und er war wohl nicht der Einzige: Das Gurgeln vor laufender Handykamera will gelernt sein. Das war im März dieses Jahres, Österreich war noch im dritten Lockdown, der mal strenger, mal lockerer gehandhabt wurde.

Impfstoffe waren damals rar und nur bestimmten Bevölkerungsgruppen vorbehalten. Für einen PCR-Test musste man nach Terminvereinbarung mitunter einen beachtlichen Weg auf sich nehmen.

Gurgel-Test: Corona-Test ohne Stäbchen

Umso verlockender klang das Angebot der Stadt Wien, die gemeinsam mit der ansässigen Firma Lead Horizon ein kostenloses Angebot für besonders komfortable PCR-Tests bewarb: Die Testkits waren in allen Drogerie- und Supermarktfilialen der REWE-Gruppe erhältlich, der Test konnte zu Hause gemacht werden – gefilmt mit der Handykamera, um Missbrauch zu vermeiden.

Und das Beste: Man musste nicht mit einem Stäbchen in der Nase bohren, das Gurgeln einer Salzlösung reichte. Der Wiener Gurgel-Test war damals weltweit einzigartig. Und ab dem zweiten Versucht klappte es problemlos.

Die Alpenrepublik Österreich hat in den vergangenen anderthalb Jahren beim Pandemie-Management nicht geglänzt. Die Impfquote ist noch niedriger als in Deutschland, es ist der konservativ-grünen Regierung nicht gelungen, genügend Menschen von der Notwendigkeit der Immunisierung zu überzeugen. Vor gut einer Woche musste Bundeskanzler Alexander Schallenberg daher die Notbremse ziehen: Österreich befindet sich bis mindestens Mitte Dezember wieder in einem harten Lockdown, im Februar soll eine Impflicht kommen.

Ein Teil des Problems war wohl ein Übermass an Selbstlob des mittlerweile zurückgetretenen Regierungschefs Sebastian Kurz. Er wurde nicht müde herauszustreichen, dass Österreich die Coronakrise besser gemeistert hätte als andere europäische Staaten. Mehrfach erklärte er die Pandemie für praktisch beendet – was die Impfbereitschaft der Bevölkerung nicht erhöhte.

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Österreicher nehmen Gurgel-Test gut an - und der ist besonders sicher

In einer Sache ist Österreich den anderen EU-Ländern aber tatsächlich etwas voraus: Das Testen per Gurgel-Test funktioniert tadellos und wird besser angenommen als anderswo. Seit Ausbruch der Pandemie wurden die rund neun Millionen Österreicherinnen und Österreicher mehr als 107 Millionen Mal getestet.

Und das liegt wohl auch an der in Wien erfundenen Gurgel-Test-Methode, die nun bundesweit ausgerollt wurde. Es gibt beim Pandemie-Management nicht viel, was sich andere Länder von Österreich abschauen können. Die komfortablen und niederschwelligen Massentests gehören aber dazu.

Dabei handelt es sich übrigens um den besonders sicheren PCR-Test, der in Österreich bis vor einigen Wochen im elektronischen Impfpass vermerkt wurde und als Eintrittskarte für Kaffeehäuser, Restaurants und Museen galt. Die mit Spucke vermischte Salzlösung wird dabei in ein Röhrchen transferiert. Die Probe kann in zahlreichen Supermärkten, Drogeriefilialen und Tankstellen abgegeben werden. Das Ergebnis wird in der Regel binnen 24 Stunden per Mail zugeschickt und ist ab dem Zeitpunkt der Testung drei Tage lang gültig.

Entwickelt wurde die Methode von dem Wiener Pharmaunternehmer Michael Havel, dessen Laborfirma Lifebrain bis Jahresbeginn hauptsächlich in Italien tätig war. Havel neigt der Sozialdemokratie zu und hatte einen guten Draht zum Wiener SPÖ-Gesundheitsstadtrat Peter Hacker.

Er habe sich, erzählte er dem Wochenmagazin "Falter", schon vor einem halben Jahr masslos über die hohen Preise von herkömmlichen PCR-Tests – bis zu 180 Euro – geärgert. Also rief er Hacker an und machte ihm das Angebot, gemeinsam mit der Stadt ein Riesenlabor zu entwickeln, das PCR-Tests für weniger als zehn Euro durchführen könnte. Hacker schlug ein, die Aktion "Alles gurgelt" war geboren.

Lange blieb Wien das einzige Bundesland, das auf diese spezielle Form des Testens setzte. Zusammen mit einem im Vergleich zu anderen Bundesländern verschärften Corona-Regime ist das einer der Gründe, warum die Bundeshauptstadt derzeit die niedrigste Sieben-Tage-Inzidenz Österreichs hat. Alleine in Wien wurden bis Mitte Oktober durch die Gurgel-Tests 50.000 Corona-Infektionen erkannt.

Auswertung von bis zu 350.000 Tests pro Tag

Wie der "Standard" berichtet, werden inzwischen von Lifebrain im 14. Wiener Gemeindebezirk Tag für Tag bis zu 350.000 Tests ausgewertet. Das entspricht 60 bis 70 Lieferwagen voll mit Testkits. Das Personal arbeitet rund um die Uhr. Durch die zunehmende Professionalisierung sind die Tests inzwischen noch günstiger geworden: Sechs Euro verrechnet das Unternehmen der öffentlichen Hand pro Test.

Inzwischen haben auch die meisten anderen Bundesländer die Gurgel-Methode übernommen – die zum Teil auf die Firma Lifebrain setzen, zum Teil auf Mitbewerber, die den Test noch etwas günstiger anbieten. Die Erfolge ausserhalb Wiens sind allerdings durchwachsen: Denn die Gurgelstrategie – als besonders niederschwelliges und komfortables Testangebot – funktioniert in einer Grossstadt, wo die kooperierenden Supermarktketten selten mehr als ein paar Häuserecken entfernt sind, besser als auf dem Land.

Dazu kamen etwa in Salzburg technische Probleme, als die Massen-Gurgel-Tests starteten. Das ausführende Unternehmen Novogenia musste vor einer Woche einräumen, mit dem Massenansturm zunächst überlastet gewesen zu sein. Inzwischen wird aber auch in Salzburg – wie im Rest Österreichs – erfolgreich gegurgelt.

Verwendete Quellen:

  • Der Standard: "PCR-Tests in Wien: Viren und Schnitzelreste"
  • Der Falter: Wiens oberster Gurgler (Paywall)
  • Kurier: Covid-Tests kosten dem Staat heuer bis zu 1,8 Milliarden Euro
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