Ein Arzt, der Homosexualität mit Oregano und Majoran heilen möchte. Seminare und Exorzismen zur Überwindung von Homosexualität. Im Mittelalter, na klar. Aber 2019? Die Arte-Dokumentation "Wie krank ist Homo-Heilung?" von Bernard Nicolas am Dienstagabend zeigt, wie religiöse Gruppen auch heute noch versuchen, Homosexualität zu heilen – und wie sehr ihre Opfer darunter leiden.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

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"Meine Meinung entspricht dem, was uns die Bibel lehrt und meine täglichen Begegnungen mit Homosexuellen bestätigen, was die Bibel sagt, nämlich, dass ein harmonisch entwickelter Mensch, ein reifer Mensch, den Kontakt zum anderen Geschlecht sucht."

Es sind diese Worte des polnischen Paters Marek Dziewiecki, die zeigen, wie das Bild von Homosexualität immer noch aussieht. Aussehen kann. Nicht von jedem, aber auch nicht von wenigen. Vor allem aber: Im Jahr 2019.

Aber es deckt sich mit dem, was die Arte-Dokumentation "Wie krank ist Homo-Heilung?" von Bernard Nicolas recherchiert hat. Dass es immer noch Menschen und Organisationen gibt, die Homosexualität zur "Lebenseinstellung" degradieren, sie als etwas Abnormales bewerten, das es zu heilen gilt. 2019. Mitten in Europa. Mitten in der scheinbar aufgeklärten westlichen Welt.

Der Filmemacher konzentriert sich bei der Recherche auf "fünf westliche Länder, die in diesen Fragen als aufgeklärte Demokratien gelten." Die Kernaussage des Films: Überall dort gibt es vor allem katholisch und evangelikal geprägte Bewegungen, die ungehindert und mit verschiedenen Mitteln und Wegen versuchen, Homosexuelle "zu heilen".

"Ich hatte solche Angst"

Bernard und sein Team haben in Frankreich, Polen, den USA, Deutschland und der Schweiz das Treiben dieser Organisationen mit ihren Pseudotherapien untersucht, zum Teil auch undercover, und sind deren Verbindungen zur Kirche nachgegangen.

In der Gesamtheit zeichnet die Dokumentation ein Bild, in dem Homosexuelle mit körperlicher und psychischer Gewalt unter Druck gesetzt werden, schlimmstenfalls bis zum Suizid. Oft genug beginnt dieser Druck bereits in der eigenen Familie. Wie bei Deb Cuny. In ihrer Familie gab es ganz offene Homophobie, wie Cuny erzählt. "Als mir klar wurde, dass ich lesbisch bin, war ich wie versteinert. Ich hatte solche Angst."

Deb wurde immer beigebracht, dass Homosexuelle degeneriert seien, dass irgendetwas in der Kindheit sie kaputt gemacht habe. Nach Debs Outing versuchten die Eltern, Debs Zimmer von Dämonen zu reinigen. Dabei habe Deb das Gefühl gehabt, "dass sie das Haus von mir säuberten."

Homosexualität als Besessenheit, etwas Abnormales, das man heilen oder austreiben könne. Die Aussagen, die Bernard Nicolas und sein Journalistenteam gesammelt haben, scheinen aus einer anderen Zeit. Doch sie sind Realität, wie das Beispiel des Psychotherapeuten Richard Cohen beweist, der seine Frau als Beweis für die Wirksamkeit der sogenannten Konversionstheapie anführt.

Cohen behauptet, seinen "Klienten" helfen zu können, denn für ihn liege Homosexualität in vielen Dingen begründet: Mangel an fester Bindung zwischen Vater und Sohn oder an einer zu engen Bindung zur eigenen Mutter, weshalb Homosexuelle das Feminine zu sehr verinnerlicht hätten.

Oregano gegen Homosexualität

Aber es geht noch kruder. In Deutschland interviewt das Team Gero Winkelmann, Leiter des Bundes Katholischer Ärzte, nachdem Winkelmann einem Undercover-Journalisten zuvor Oregano und Majoran gegen dessen vorgegebene Homosexualität empfohlen hatte.

Winkelmann hat seine ganz eigene Vorstellung von Homosexualität: "Wir haben uns so geeinigt, denn wir wollen ja niemanden verprellen von unserer Gemeinschaft: Es ist eine behandlungswürdige und eine behandlungsfähige Belastung oder Störung, um das Wort Krankheit nicht zu nennen."

Psychiaterin Lieselotte Mahler entlarvt in der Doku sogleich solche Vorstellungen "Sie machen etwas Geschicktes. Sie sagen, sie sind die einzigen, die den Menschen helfen, die mit ihrer Sexualität hadern. Wenn man sich anschaut, was Herr Winkelmann so veröffentlicht, (…) ist das ein kruder Mix aus Homöopathie, Esoterik und transgenerational wiedergegebener Erkrankungen. Alles davon ist so unmedizinisch und unwissenschaftlich gedacht, dass man wirklich fragen muss: Hat dieser Mensch je Medizin studiert?"

1992 streicht die WHO Homosexualität von der Liste psychischer Erkrankungen und trotzdem, so zeigt es der Dokumentarfilm, gibt es immer noch die Vorstellung, Homosexualität sei eine Fehlentwicklung, eine Sünde, eine Sucht, etwas, das man nicht selbst sei, sondern dass von einem Besitz ergriffen habe: "Sie verwenden eine Sprache des Mitgefühls. Wir hassen nicht dich, wir hassen dieses Etwas, das in dir ist und das ist gar nicht wirklich ein Teil von dir", erklärt beispielsweiseTanya Erzen von der University of Puget Sound in Tacoma.

Dementsprechend gebe es Hilfe oder Heilung, man müsse nur dagegen ankämpfen. Mittel dafür gebe es viele: Schuld- und Schamgefühle, Seminare, Psychotherapien, Medizin bis hin zum Exorzismus. In den vergangenen 40 Jahren, so sagt es es die Doku, habe es einer amerikanischen Studie zufolge 700.000 Konversationstherapien gegeben. Für Europa gebe es keine Zahlen.

Bibel und Geld

Die Folgen all dieses Drucks, der Pseudotherapien, der Zurückweisung und Scham sind für die Beteiligten dramatisch und traumatisch: "Ich habe mich falsch gefühlt und gedacht: Es ist besser, wenn ich nicht mehr lebe", erzählt Bastian Melcher, der acht Jahre lang durch Gebete, Beichten und Exorzismen "geheilt" werden sollte.

Es sind, so liest sich die Doku, vor allem zwei Gründe für diese "Homo-Heilung": Zum einen geht es um eine Legitimation, die angeblich in der Bibel zu finden sei. Zum anderen seien diese "Therapien" für deren Anbieter schlicht sehr lukrativ, so dass nur wenige ausstiegen.

Alan Chambers ist ausgestiegen. Der Amerikaner war 20 Jahre für die Organisation Exodus aktiv, versuchte Homosexuelle zu heilen. Heute sagt er: "Wir haben Scham und Angst verursacht. (…) Menschen begehen nicht Selbstmord, weil sie homosexuell sind. Sie begehen Selbstmord, weil sie Angst davor haben, wie andere sie behandeln werden oder wie ihre Familie sie behandeln wird oder wie die Gesellschaft sie behandelt."

"Wie krank ist Homo-Heilung?" bis zum 24. Januar 2020 in der Arte-Mediathek verfügbar.

Teaserbild: © Egodoc Production/ARTE France/dpa